Stolberg - Teilgeständnis im Prozess wegen Beihilfe zum Drogenhandel

Teilgeständnis im Prozess wegen Beihilfe zum Drogenhandel

Von: -jül-
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Stolberg. „Wo wird der Rubicon überschritten?”, fragte Verteidiger Rüdiger Böhm und hatte dabei weniger Caesars Marsch auf Rom als die Anklage von Staatsanwalt Lutz Dirksen im Blick.

Der listete vor der 1. großen Strafkammer eine Stunde lang aus der Anklageschrift gegen einen 44-Jährigen und einen 43-Jährigen wegen Beihilfe zum unerlaubten Handeltreiben mit Betäubungsmittel in nicht geringer Menge aus den umfangreichen Ermittlungsergebnissen 53 Fälle auf, bei denen auf einer bundesweiten Razzia auch Drogen in unterschiedlichen Mengen sichergestellt wurden.

Den beiden Angeklagten wird vorgeworfen, nicht nur wissentlich das Equipment für die illegale Drogenfabrikation geliefert, sondern auch Beratung bei der Aufzucht und Verwertung als Drogen geleistet zu haben. Dies sei nicht bei allen angeklagten Fällen der Fall, argumentierte der Verteidiger des 43-Jährigen und bat die Kammer, die „vorgehaltenen Tathandlungen in den Fokus zu rücken”.

Doch dazu zeigte der Vorsitzende Richter Arno Bormann wenig Neigung, denn dieser Angeklagte war noch nicht willens, Einlassungen zur Sache abzugeben. Zumal dieser auch dem ersten Verhandlungstag ferngeblieben war, was die Betroffenheit des Beklagten über die Vorwürfe dokumentiere.

Nicht wieselflink der Verhandlung entzogen, sondern den Termin „nur verschwitzt” zu haben, entschuldigte sich der Angeklagte. Es tue ihm unendlich leid; er habe im Berg der Akten der Auflösung seiner Firma die seit langem vorliegende Ladung übersehen.

Firma in der Elgermühle

Die Firma befand sich in der Elgermühle in Stolberg und war Dreh- und Angelpunkt des Vertriebs umfangreicher Utensilien, die zur Aufzucht von Drogen genutzt werden können. „Aber auch in jedem Gartencenter gekauft werden können”, warf Verteidigerin Jutta Frommhold ein. Sie versuchte, für ihren Mandanten einen sogenannten Verbotsirrtum geltend zu machen, scheiterte damit aber ebenfalls am Kopfschütteln des Vorsitzenden.

Die Drogenproduzenten hätten ja bewusst in dem Grow-Shop eingekauft. „Weil wir preiswerter waren als ein Gartencenter”, zeigte sich der 44-jährige Angeklagte geständig, der bereits wegen Drogenhandels zu sieben Jahren verurteilt ist und vorgeführt wurde. Er räumte auch einen weiteren Anklagepunkt ein - in 16 Fällen für kiloweise Drogenlieferungen nach Recklinghausen verantwortlich zu sein - und zeigte sich später geständig zu den Vorwürfen der Beihilfe.

Ihr Mandant, so argumentierte Frommhold, sei vom Arbeitsamt in die Firma für „Gewächshauszubehör” vermittelt worden, 70 Prozent seines Gehalts habe die Agentur sogar übernommen. Außerdem habe nach dem Haftprüfungstermin nach der ersten Festnahme der Richter nichts dagegen gehabt, dass der Beschuldigte dort wieder seiner Tätigkeit nachgehe.

„Da muss man schon sehr blauäugig sein”, markierte Richter Bormann. Seine Kammer hätte den Angeklagten auch nicht auf freien Fuß gesetzt. „Verbotsirrtum liegt völlig in weiter Ferne”, sagte auch Staatsanwalt Dirklau. „Wenn man ein Messer kauft, um einen umzubringen, macht sich der Mitwisser auch der Beihilfe schuldig.”

Weil sich der gelernte Kommunikationselektroniker mit Hinweis auf laufende Resozialisierungsmaßnahmen und Kontakt zu seiner Familie Hoffnungen auf eine milde Strafe macht, war ihm das von der Kammer nahegelegte „Hemd näher als der Rock”, denn die Kunden hätten bei ihm eingekauft, um Cannabis zu produzieren und nicht um Rosen oder Kakteen zu züchten.

Drei bis fünf Kunden täglich

So gingen Lieferungen aus der Elgermühle quer durch Deutschland, nach Belgien und Österreich. Mal war es nur eine Lampe oder ein Ventilator, andere Male wechselten Startersets und Wachstumszelte den Besitzer bis hin zu 1,5 Tonnen Anzuchterde und Ware für Kunden, die mehr als 20.000 Euro für das Buch „Das Züchten von Superblüten” und Equipment, das palettenweise geliefert wurde, investierten.

Nur wenige der täglich drei bis fünf Kunden habe er persönlich kennengelernt, räumte der geständige Angeklagte ein. Die meisten hätten via Internet gezielt eingekauft und bereits gewusst, was sie für ihren Zweck benötigten. Nur bei wenigen Nachwuchszüchtern habe es eine persönliche Beratung gegeben, wobei aber immer auf die Strafbarkeit hingewiesen worden sei.

Das Bewusstsein, dass er auch selbst einer illegalen Tätigkeit nachgegangen sei, konnte die Kammer dem 44-Jährigen nur auf beharrliches Nachhaken entlocken. Jährlich sei Ware im Wert von etwa 200.000 Euro umgesetzt worden, räumte der Beschuldigte ein, er habe bis zu 1500 Euro monatlich verdient. Ein Grund, weshalb er nebenbei in den Drogenhandel eingestiegen sei; damit habe der Mitangeklagte aber nichts zu tun gehabt.

Sein Wissen über die Hanfzucht habe er aus Büchern und dem Internet erworben. „Aber Rosen züchten kann ich nicht”, erklärte der 44-Jährige, der vor seiner Festnahme in Stolberg gewohnt hatte. Eine Amarylis war ihm auf Nachfrage des Staatsanwaltes völlig unbekannt. „Ich weiß nur, dass Orchideen genauso wachsen wie Gras.” Die Verhandlung wird am Donnerstag fortgesetzt.
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