Stolberg - Süssendell muss eine Extrarunde drehen

AN App

Süssendell muss eine Extrarunde drehen

Von: Jürgen Lange
Letzte Aktualisierung:
6614880.jpg
Einst Lungenheilstätte, dann Ausflugslokal: Das leer stehende Objekt Süssendell soll abgerissen werden. Die AWO möchte ein Heim für demenzkranke Senioren errichten. Foto: J. Lange
6614126.jpg
Der Entwurf für das Seniorenheim: Wie in einem Dorf gruppieren sich die barrierefreien Wohngebäude um die zentralen Gemeinschaftseinrichtungen.

Stolberg. Nach dem eindeutigen Votum im Ausschuss für Stadtentwicklung folgte am Dienstagabend im Rathaus die große Überraschung: Bürgermeister Ferdi Gatzweiler zog für die nicht öffentlichen Sitzungen von Hauptausschuss und Stadtrat die Verabschiedung des städtebaulichen Vertrages mit der AWO Gesellschaft für Altenhilfeeinrichtungen mbH (Gesa) mit Sitz in Köln sowie die Verabschiedung der Bauleitplanung für das Modellprojekt Süssendell von der Tagesordnung.

„Es sind noch Detailfragen im städtebaulichen Vertrag zu klären“, erläuterte Gatzweiler. Aber es brenne nichts an, weil er den Rat in 14 Tagen zu einer Sondersitzung einberufen werde.

Zum zweiten Mal erfährt das Investitionsvorhaben mit einem Volumen von acht Millionen Euro einen mehr als peinlichen Dämpfer. Bereits im Juli attackierte Beate Ruland, die Vorsitzende des AWO Bezirks Mittelrhein, massiv die Stadtverwaltung und den Bürgermeister, als das geplante Heim für 80 demenzkranke Senioren vor Ort präsentiert werden sollte. Forderungen zum ökologischen Ausgleich und zur Verkehrssicherung der Süssendeller Straße waren der Anlass für Ruland, der Verwaltung „nur wenig ernsthaftes Interesse an einer zügigen Realisierung des Projektes“ zu bescheinigen. Wobei die AWO-Chefin zudem noch empört war darüber, dass Ferdi Gatz­weiler einen lange zuvor terminiertes Gespräch kurzfristig abgesagt hatte.

Am Montag informiert

Das Projekt stand vor dem Scheitern. Mit einer persönlichen Entschuldigung in der Tasche konnte der Verwaltungschef die Missstimmung noch einmal glätten. Konstruktiv wurden dann die Probleme zum Ausgleich, zur Waldumwandlung und zur Verkehrssicherung gelöst. Doch bei all diesen Details wurden nach Informationen unserer Zeitung zwei wichtige Punkte der Infrastruktur übersehen: die Versorgung mit Trinkwasser und die Entsorgung der Abwässer. Ende vergangener Woche wurde dies bemerkt. Am Montag informierte der Bürgermeister die AWO über die Problemlage.

Option läuft im Dezember aus

„Es sind die Probleme der Stadt“, erklärte auf Anfrage Hans-Peter Barbeln. „Der Vertrag wird durch die Stadt erstellt und sie muss ihn ergänzen“, so der Geschäftsführer der AWO-Gesa, die „alle Sachverhalte auf unserer Seite geklärt“ habe. Allerdings drängt bei der AWO die Zeit. Ende des Jahres läuft der Optionsvertrag mit Süssendell-Besitzer Hans Bischof aus. Im April 2007 hatte der Aachener Immobilienmakler das Ensemble auf 75.000 Quadratmeter Land nebst zwei Einfamilienhäusern und Stallungen erworben, nachdem sich die Stadt vom früheren Betreiber der auf Erbpacht vergebenen Lokalität gelöst und sie Anfang 2006 zum Verkauf ausgeschrieben hatte.

Die für den 17. Dezember terminierte Sitzung des Stadtrates liegt aus Sicht der AWO wegen der Feiertage zu spät, um die erforderlichen Vertragsangelegenheiten abschließen zu können. Deshalb soll das Stolberger Stadtparlament Anfang Dezember zu einer Sondersitzung zusammentreten.

Bis dahin besteht nach Informationen unserer Zeitung im Rathaus erheblicher Klärungsbedarf. 2007 sah die vom Tiefbauamt mit den Behörden abgestimmte Planung zur Entwässerung eine Schmutzwasserleitung in einem Waldweg zur Fischbachstraße in Vicht vor. Mit ihr sollten neben Süssendell auch das alte Forsthaus sowie vier weitere Gebäude angeschlossen werden. Die Kosten wurden mit 320.000 Euro kalkuliert, die mit der Abwasserabgabe hätten verrechnet werden können, so dass lediglich die Abschreibung über 70 Jahre die Kanalgebühren belastet hätten.

Aber der Plan scheiterte an Fels unter dem Waldweg sowie konkurrierenden Leitungen in der Trasse. In diesem August präsentierte das Tiefbauamt als Alternative eine Druckwasserleitung über die Süssendeller Straße bis auf den Horst in Mausbach. Allerdings gibt es bis dato im Rathaus keine Klarheit über das Konzept und die tatsächlichen Kosten sowie deren Finanzierung. Die Beträge können sich auf rund eine Million Euro summieren. Erforderlich ist demnach auf dem Gelände Süssendell eine Pumpstation. Inklusive Kanalbau und technischem Equipment würde der Aufwand ohne Planungshonorare nach ersten groben Schätzungen rund 470.000 Euro betragen. Die Kosten für den laufenden Betrieb der Druckstation wird laut eigener Aussage die AWO übernehmen. Offen blieb gestern, wie Station und Leitungen finanziert werden. Die AWO verweist darauf, dass das Budget für das Projekt keinen Raum für weitere Ausgaben lasse. Die Stadt könnte die Kanalisierung nun als offene Subvention aus dem Haushalt oder über die Abwassergebühren, was weniger als einen Cent ausmache, auf die Allgemeinheit umlegen. Eindeutige Antworten gab‘s dazu gestern nicht.

Darüber hinaus geht man im Rathaus davon aus, dass die vorhandene Trinkwasserleitung der Enwor zu klein dimensioniert sei, um das Seniorenheim ausreichend beliefern zu können, und eine zusätzliche Leitung verlegt werden müsste. Könnte sie mit der Abwasserleitung in einem gemeinsamen Graben gelegt werden, steigen die Kosten um weitere 70.000 Euro.

Kosten über 700.000 Euro

Die Gesamtkosten inklusive Druckstation für die Trinkwasserleitung und Material rangieren laut Kalkulation der Verwaltung bei mindestens 700.000 Euro. Und weitere 120.000 Euro für eine 310 Meter lange Druckwasserleitung wären erforderlich, wenn das im Privateigentum befindliche ehemalige Forsthaus Süssendell an die neue Abwasserleitung angeschlossen würde. Darauf soll aus Kostengründen direkt verzichtet werden, hieß es.

Anders als die Stadt geht aber die AWO davon aus, dass die Trinkwasserversorgung für Süssendell sichergestellt sei. Das habe ihr Fachbüro in Abstimmung mit Enwor ermittelt. Eventuelle Versorgungslücken für den Spitzenbedarf könnten durch interne Maßnahmen gedeckt werden. Dies sei bereits im September kommuniziert worden. „Alle Sachverhalte sind von unserer Seite geklärt“, unterstrich Hans-Peter Barbeln, dass nicht die AWO die Verschiebung des Projektes im Stadtrat zu verantworten habe. „Es ist das Problem der Stadt“. Seltsam sei es schon, dass der Bürgermeister das erst am Vortag der Ratssitzung mitteile. Nun richten sich alle Augen auf die Adventszeit Anfang Dezember.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert