Stolberg - „Stolbergs Image-Wechsel beginnt im Kopf“

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„Stolbergs Image-Wechsel beginnt im Kopf“

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Stolberger Politik braucht junge Leute, findet Ronja Missong, Juso-Vorsitzende. Foto: vab

Stolberg. Sie findet, in der Politik schadet es nicht, wenn auch mal jemand auf den Tisch haut: Seit November ist Ronja Missong die neue Vorsitzende der Jusos in Stolberg. Sie ist 27 und Doktorandin der Chemie an der RWTH Aachen.

Sie promoviert zum Thema „Festkörperstrukturen von Strontium- und Bariumguanidinaten“. Dabei sucht sie nach festen Strukturen von Magnesium, Strontium und Barion. Mehr Strukturen wünscht sie sich manchmal auch für Stolberg. Mit Valerie Barsig hat sie darüber gesprochen, dass die Stadt auch für Studenten wieder attraktiver werden soll und dass es gerade junge Menschen braucht, um die Stadt mit frischem Wind voran zu bringen.

Frau Missong, wie sind Sie zu den Jusos gekommen?

Missong: „Ich habe 2009 angefangen, bei den Jusos mitzumachen. Generell habe ich mich schon immer für Politik interessiert. Viele meiner Freunde sind damals zur Jungen Union gegangen. Ich habe damals noch keine Partei im Auge gehabt. Ich hatte das Gefühl, ich, und meine Partei, das muss passen, wie die Faust aufs Auge. Dann habe ich mich aber doch für die Jusos entschieden, weil dort für mich persönlich die größte Schnittmenge bestand. Mir gefällt gut, dass sich die Jusos innerhalb der SPD in einigen Dingen eher links positionieren. Dann war ich irgendwann stellvertretende Vorsitzende, letztes Jahr habe ich mich dann entschieden, für den Vorsitz zu kandidieren.“

Die Jusos in Stolberg haben nur 30 Mitglieder. Ist die Stadt kein leichtes Pflaster, um sich zu engagieren?

Missong: „Das stimmt. Jugendlichen in der Stadt sind nicht so leicht zu motivieren, sich mit Politik auseinander zu setzen. Andererseits wollen wir auch keine Gruppe sein, die Freibier ausgibt und dann halbbetrunkenen Leuten Mitgliederformulare unter die Nase hält. Mir geht es darum, dass die Jusos ein Forum sind, das sich mit Politik und den Ideen dazu beschäftigt. Zum Beispiel in Sachen Steinweg entstehen so viele Ideen im Dialog.“

Der Steinweg und seine Öffnung für den Verkehr haben ja in letzter Zeit für viel Diskussionsstoff gesorgt. Was halten Sie vom Konzept?

Missong: „Ich halte den Ansatz, Verkehr dort durchzulassen nicht für schlecht. Das Argument, dass dort die Fußgängerzone gestört wird, könnte ich verstehen, wenn es dort noch eine Fußgängerzone gäbe. Blicken wir in die Vergangenheit, war die Straße nach dem Schichtwechsel bei Dalli oder Prym voll. Das gibt es heute nicht mehr. In der Realität kann man im Steinweg keinen Schaufensterbummel mehr machen. Ich denke, der Steinweg sollte jetzt eine attraktive Wohnstraße werden, anstatt nur eine heruntergekommene Geschäftsstraße in der die Schaufenster mit Ausstellungen von Schulprojekten gefüllt werden müssen.“

Was muss sich in der Stadt ändern, damit Kneipensterben und Geschäftsschließungen gestoppt werden?

Missong: „Ein Konzept kann ich nicht aus dem Ärmel schütteln, aber ich denke, dass man die Stadt gerade für Studenten aus Aachen wieder hip und angesagt machen muss.“

Der Versuch, Studenten aus Aachen hierher zu locken ist trotz guter Anbindung durch die Euregio-Bahn bisher aber nicht gelungen.

Missong: „Es gibt schon einige Studenten, die sich bewusst entschieden haben, hierher zu kommen. Das liegt vor allem am Preis der Wohnungen: Hier bekommen sie eine schöne große Wohnung, in Aachen für den gleichen Preis eine größere Abstellkammer. Das Problem ist aber, dass man, wenn man die Region nicht kennt, über Stolbergs schlechten Ruf stolpert. Contergan und Nazis, das hängt noch in den Köpfen. Außerdem wirkt die Stadt unbelebt, wenn man nur mit dem Zug durchfährt. Der Hauptbahnhof liegt so weit draußen, dass man sich, wenn man dort hält, wundert wo man gelandet ist. Ein Image-Wechsel wird noch einige Zeit brauchen, denn der muss erstmal im Kopf beginnen. Man kann aber auch nicht sagen, dass es Stolberg an jungen Menschen fehlt. Gerade diejenigen, die von hier kommen und nach dem Abitur eine Ausbildung gemacht haben, entscheiden sich in Stolberg zu bleiben.“

Zwei Vorstandsmitglieder der Jusos, Gürhan Dogan und Tim Schmitz haben sich für die Kommunalwahl aufstellen lassen. Wie nötig sind junge Leute in der Stolberger Politik?

Missong: „Stolberg hat sie sehr nötig! Für uns würden sich kurze Dienstwege ergeben und ein noch besserer Kontakt in den Stadtrat. In der Politik – so heißt es – ist man jung, wenn man jung plus 30 ist. Das finde ich nicht gut, denn die junge Generation ist Mangelware auf allen politischen Ebenen. Das Problem ist, dass Politik viel Zeit und Leute braucht und unsere Generation, die zwischen Studium und Berufsstart steht nur noch wenig Zeit hat, sich zu engagieren. Dabei wäre frischer Wind in der Politik gut. Ältere Politiker haben oft eine ganz Bestimmte Vorstellung davon, wie sie etwas umsetzen wollen. Da heißt es dann ‚So wird das gemacht!‘. Dabei entstehen ja gerade durch den Dialog erst wirklich gute Ideen. Gäbe es mehr junge Leute, die auch einfach mal auf die Pauke hauen, könnte das der Politik nicht schaden.“

Was ist für Sie das Besondere an der Politik in Stolberg?

Missong: „Ich denke, dass ein Vorteil ist, dass man hier die ganze Bandbreite an Parteien im Stadtrat hat. Wenn man Demokratie und die Diskussion mag, dann ist das gut. Kompromisse machen zu müssen ist auch für die Politiker gut.“

Was wünschen Sie sich von der SPD nach der Kommunalwahl?

Missong: „Insgesamt hat sie ihren Job bisher gut gemacht, denke ich. Gerade die Schullandschaft, die uns Jusos wichtig ist, hat sich gut entwickelt. Eine solche Bandbreite an Schulen in einer Kleinstadt gibt es nicht überall. Ich wünsche mir nach der Wahl noch mehr Unterstützung und Offenheit gegenüber uns jungen Leuten. Das könnte noch mehr ausgebaut werden. Wenn wir eine Generation wären, die mit großem Ansturm in die Stadträte nachdrängen würde, wäre die Unterstützung, die wir jetzt bekommen okay. Das ist allerdings nicht der Fall. Deshalb finde ich, dass nicht nur die Jusos in der Verantwortung sind, junge Menschen in die Partei zu holen, sondern auch die ältere Generation.“

Sie sind insgesamt zwei Jahre im Amt. Was sind Ihre Pläne als Juso-Vorsitzende?

Missong: „Mit Zweijahresplänen tue ich mich generell schwer. Es gibt ein paar grundsätzliche Dinge, die ich für die Jusos hier in Stolberg wichtig finde. Erst einmal ist das, die Mitgliederzahl bei den Jusos zu halten oder sogar auszubauen. Das ist bei Leuten in meinem Alter gar nicht so einfach, denn nicht alle von uns leben noch in Stolberg. Sie sind zum Studium nach Aachen, Köln oder Düsseldorf gegangen. Kurze Absprachen laufen da auch schon mal über das Internet: Facebook ist für uns wichtig, genauso wie Gruppen bei WhatsApp. Zumindest zu den Sitzungen versuchen dann aber alle da zu sein. Was ich und die Jusos sich auch noch vorgenommen und auch durchgesetzt haben, ist, das „Rock im Mai“-Konzert wieder stattfinden zu lassen, da es letztes Jahr ausgefallen ist. Generell ist es wichtig, in der Stadt etwas für junge Leute zu organisieren. Außerdem möchte ich ein Forum bieten, um über Politik zu diskutieren.“

Wie nimmt man da junge Menschen mit, die nicht zu den Jusos gehören?

Missong: „Das ist gar nicht so leicht. Gerade in kleineren Städten kann man sich nicht einfach mit einem Stand in die Fußgängerzone stellen. Wir versuchen immer dann, wenn in der Stadt etwas wichtiges passiert, präsent zu sein oder organisieren Infoveranstaltungen. Das machen wir auch gemeinsam mit anderen politischen Jugendorganisationen. Ende Mai findet zum Beispiel im Zinkhütter Hof die Veranstaltung „Das geht“ satt, bei der sich junge Leute auch über die Parteien informieren können. Das größte Problem an solchen Aktionen ist, sie personell zu stemmen. Das ist manchmal gar nicht so einfach.“

Was passiert bei Rock im Mai?

Missong: „Es ist ein Konzert am 9. Mai im Jugendheim in Münsterbusch, bei dem Schülerbands und Bands aus der Region auftreten. Da es letztes Jahr wegen Budgetmangels ausfiel, wollten wir es unbedingt wieder aufnehmen. Viel für Jugendliche gibt es hier in der Stadt nämlich nicht.“

Sie spielen auf das Kneipensterben an?

Missong: „Das Problem ist das Rauchverbot. In Aachen ist die Pontstraße voll, ob man rauchen darf, oder nicht. Je kleiner eine Stadt ist, desto mehr Leute, die regelmäßig in die Kneipe gehen, sind vom Verbot genervt. Ein anderes Problem ist, dass es für junge Leute außer dem Blue Note oder dem Savoy kaum etwas gibt, wo man mal nett ein Bier trinken kann.“

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