Stolberg taucht in die eigene Geschichte ein

Von: Kolja Linden
Letzte Aktualisierung:
erinnerungs-bu1
Einmalige Atmosphäre rund um die Burg: Das Stolberger Wahrzeichen erstrahlt am Samstagabend in sanftem und dennoch spektakulärem Licht aus 350 Scheinwerfern und 1000 Kerzen. Foto: K. Linden

Stolberg. 350 Scheinwerfer tauchen die Burg in blaues, grünes und rot-oranges Licht, 1000 Kerzen geben ihr Übriges: Als es Nacht wird über Stolberg, taucht das Wahrzeichen der Stadt - und mit ihm die vielen Menschen, die am Samstagabend gekommen sind - ein in eine märchenhafte Welt der Fantasie, eine Welt längst vergangener Tage.

NRW-weite Premiere

Das Licht ist nicht aufdringlich, nicht pompös, es ist warm und sanft und gerade deshalb so einladend, zauberhaft. Um Punkt 22 Uhr, im letzten Dämmerlicht des Tages, erwachen die vielen Figuren, die die Menschen in ihre Welt locken, zum Leben, erst weit nach Mitternacht ist das Spektakel vorbei.

Die Stolberger erleben eine Premiere, nicht nur in ihrer Stadt. Es ist das erste Mal überhaupt in Nordrhein-Westfalen, das eine solche Erinnerungswerkstatt - unter diesem Titel firmiert die Veranstaltung - stattfindet.

Auch deshalb unterstützt das Land NRW dieses Modellprojekt des Kreises Aachen finanziell, und hat offenbar genau die richtige Stadt erwischt. Denn die Stolberger erweisen sich nicht nur als geschichtsfest, sondern auch als besonders aktiv.

Über 100 Mitwirkende hat Organisatorin Nina Mika-Helfmeier gezählt, die monatelang an diesem Experiment mitgearbeitet haben. Und weit über 1000 sind es sicher, die sich an diesem Abend mitnehmen lassen in die historische, aber auch in die Sagenwelt ihrer Stadt, die ihren Ursprung hier, rund um die Burg hat.

Jörg Rost ist ein Künstler. Der Mann aus Schwerte taucht mit seinem Team „rost:licht” die Burg nicht einfach nur in verschiedene Farben. Er stellt Details heraus, die bei Tageslicht besehen eher unauffällig scheinen: ein Stück Mauerwerk hier, einen Baum da, dort einen kleinen Erker.

„Man entdeckt viele Nischen der Burg ganz neu”, schwärmt Mika-Helfmeier, deren ganze Aufregung verfliegt, als sie sieht, wie viele Stolberger dem abendlichen Ruf auf die Burg gefolgt sind und das Spektakel genießen.

Die Erinnerungswerkstatt ist Straßentheater im Wortsinn: nicht statisch, sondern beweglich. Akteure, die auf das Publikum zugehen, mit ihm interagieren, die Menschen mitnehmen.

Großartig: die 15 Darsteller der Berliner Theater-Compagnie „Grotest Maru”. In fantastischen Kostümen bewegen sie sich rund um die Burg, geschmeidig, gestenreich, akrobatisch, sinnlich. Sie erzählen Geschichten die romantisch sind, komisch, traurig und schön.

Und sie harmonieren perfekt mit den vielen, vielen Laiendarstellern. Mit Stolbergern, die diese Erinnerungswerkstatt erst komplett machen, indem sie ihre eigenen und die Erinnerungen ihre Ahnen lebendig werden lassen.

Privatleute wie Geschichtenerzählerin Regina Sommer, Wolfgang Lennartz oder die Künstlerinnen Katja Knospe und Birgit Engelen, aber auch Vereine sind mit von der Partie: das Kupferstädter Traumtheater, die Museen Zinkhütter Hof und Torburg, der Stolberger Stadtverband Musik, die Burgritter und der Heimat- und Geschichtsverein.

Die Jugendlichen der Jugendberufshilfe haben Interviews geführt, deren Wortlaut auf Stolberger Platt im Burgturm zu hören ist, die Stadtführer Helma Prössl, Klaudia Penner-Mohren und Friedrich Holtz empfangen Besucher schon vor der Burg.

Wechselnde Schauplätze

Es gibt keine Bühne, es gibt keinen Saal. Die Schauplätze wechseln ständig, nur wer sich bewegt, bekommt alles mit. Und viel geboten: Fahnenschwenker auf dem Burgdach, Geschichtenerzähler im Kräutergarten, Tanz, Pantomime und - Stolberger Lieder. Als die Männer in den weißen Hemden den „Vogelsänger” oder das Lied vom Hammerschmied anstimmen, singen nicht wenige Zuschauer mit.

Schon am 18. Juni waren Regisseurin Ursula Maria Berzborn und ihr Team von „Grotest Maru” aus Berlin angereist, über eine Woche haben sie mit den Stolbergern geprobt. „Das ist nicht einfach, professionelle Künstler und Laiendarsteller zu einer Produktion zusammenzubringen”, sagt Nina Mika-Helfmeier.

Doch es funktioniert. Das Licht kommt aus dem Ruhrgebiet, die Regie aus Berlin, aber es ist ein Stolberger Fest: die Geschichte und die Sagen dieser Stadt, die Erinnerungen ihrer Menschen. Und in ihrem Urteil sind sich die meisten Besucher schnell einig: „So etwas Schönes hat Stolberg selten gesehen.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert