Stolberg kommt recht glimpflich davon

Von: Jürgen Lange
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Land unter hieß es in der Sturm-Nacht wieder einmal für den Tunnel der Europastraße. Gute 50 Zentimeter hoch in der Sohle der Landesstraße 238 stand das Wasser, das auch in den Kontrollraum eindrang. Foto: J. Lange (3), D. Müller (1)
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Auf einen Betrieb im Gewerbepark Hamm-Mühle stürzte in der Nacht diese gewaltige Pappel.
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In Dorff ist das Hahnenkreuz kurz gesperrt. Schnell macht die Löschgruppe die Straße wieder frei.
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Verspätungen von bis zu 940 Minuten entschuldigt die DB am Hauptbahnhof zur Mittagszeit mit dem Unwetter.

Stolberg. Schon faszinierend ist am Abend des Pfingstmontags der Blick von Büsbach über das Münsterländchen. Von Aachen und dem Nordkreis zieht der Sturm auf. Zuerst eine Walze kräftig blauer Wolken, dahinter eine schwarze Wand. Und ein ganzes Stück dahinter schimmert schon wieder eine kleine Portion helles Blau am Horizont.

So schaurig schön der Anblick auch ist, so signalisiert er um 20 Uhr schnelles Handeln. Die letzten Utensilien im Garten wollen dingfest gemacht, die Fenster statt auf Kipp lieber ganz verschlossen und die Rollläden herunter gelassen werden. Und nicht zu vergessen, die Dachfenster verschließen. Gedacht, getan, der Sturm ist da.

Auf einmal ist der so sonnig helle Tag in tiefes Schwarz gehüllt. Der Regen prasselt so stark nieder, dass durch die Dachluken kein Münsterländchen mehr zu erkennen ist. Um 20.11 Uhr tickert die erste SMS-Alarmierung der Feuerwehr über den Äther: Technische Hilfe in der Münsterau. Äste sind abgebrochen und auf einem Fahrzeug gelandet.

Dann gehen die Einsatzbefehle fast im Minutentakt heraus. Gressenicher Straße (wo laut Polizei eine 16-jährige Mofafahrerin stürzte, weil sie gegen einen umgestürzten Baum fuhr und leicht verletzt im Krankenhaus behandelt werden musste), Würselener Straße, Am Flachsbach, Schneidmühle, Breiniger Berg, Narzissenweg und Josefstraße sind die ersten Einsatzstellen innerhalb von 20 Minuten. Voll gelaufene Keller, umgestürzte Bäume, hoch geschleuderte Kanaldeckel, umgewehte Absperrungen und Verkehrszeichen oder vom Wind abgerissene Äste wollen beseitigt werden.

Unterwegs blicken die Einsatzkräfte auf ein Sammelsurium von abgerissenen Blättern und Zweigen sowie in einigen Bezirken auf die Inhalte der Gelben Säcke, die weit verstreut über die Fahrbahnen kullern wie die Steppenläufern in Western-Filmen.

Bis in den späten Abend hinein werden es 32 Einsatzstellen sein, berichtet Feuerwehrsprecher Michael Konrads. Auf der Hauptwache an der Kesselschmiede ist die Führungsgruppe zusammengetreten. Stadtbrandinspektor Andreas Dovern und seine Zugführer, der stellvertretende Kreisbrandmeister Jürgen Förster, die Fachbereichsleiter Walter Wahlen und Bernd Kistermann sowie Ordnungsamtsleiterin Birgit Nolte koordinieren die Einsätze. 150 Helfer, darunter 25 des Stolberger THW, sind im Einsatz. Alle Stolberger Löschgruppen sind in dieser Nacht im Einsatz. Wer nicht vor Ort bei einer Schadenslage ist, besetzt die Feuerwachen vor Ort, um im Falle eines anderen Einsatzes sofort ausrücken zu können.

Mit naturgegebener Verzögerung folgt um 20.45 Uhr die Alarmierung zum Tunnel der Europastraße (L 238). Einen halben Meter hoch in der Sohle steht dort das Wasser, das von den Höhen durch die Kanäle mittlerweile im Tal angekommen ist. Vollgelaufen ist auch der Schaltraum.

„Kanal und Pumpen sind dort auf ein fünfjähriges Regenereignis ausgelegt“, erklärt Fachbereichsleiter Bernd Kistermann am Nachmittag. Regnet es stärker, werden die Kapazitäten überschritten und der Tunnel läuft voll. Landesbetriebssprecher Michael Küpper kündigte an, dass die Ursachenlage erst einmal genau analysiert werden soll.

Jugendgruppe im Pfingstlager

An dem Abend wird die Landesstraße jedenfalls erst einmal gesperrt, die Wehr fordert zusätzliche Pumpen an, um die installierten zu unterstützen. Langsam sinkt der Pegel im Tunnel aber wieder dankt des vorhandenen Equipments. Das Löschfahrzeug, das zunächst die südliche Einfahrt absperrt, muss zum nächsten Einsatz zu einem Industriebetrieb, wo die Brandmeldeanlage angesprungen ist. Zurück bleibt das aktivierte Durchfahrtsverbot für den Tunnel, und die beiden Ampel vor seiner Öffnung signalisieren deutlich Rot. Aber dennoch versuchen immer wieder Autofahrer, die „Röhre“ zu durchfahren. Alleine schon aus Gründen der Eigensicherung muss ein Feuerwehrmann mit Laterne am Eingang postiert werden, um die Arbeiten am „Tunnel-Tümpel“ sichern zu können...

„Verglichen mit anderen Orten haben wir aber großes Glück mit dem Sturm gehabt“, bilanziert Michael Konrads: Um Mitternacht können die Wehrleute wieder in trockene Sachen schlüpfen, aber die Ruhepause in den Betten währt nicht lange. Um 4.50 Uhr bittet die Eschweiler Feuerwehr um Unterstützung, weil ein Haus an der Grabenstraße brennt, in das der Blitz eingeschlagen ist. Die Stolberger eilen mit ihrer Drehleiter herbei.

Mit dem Sonnenaufgang werden aber auch die Schäden sichtbar, die in der Nacht unentdeckt blieben. Als um 6.30 Uhr die Mitarbeiter zu ihrem Betrieb im Gewerbepark Hamm-Mühle kommen, staunen sie nicht schlecht über die Pappel, die auf Gewerbehalle und Büro gekracht ist. Glück im Unglück? Jedenfalls hat eine gute Handvoll weiterer Pappeln aus der selben Generation diese Sturmnacht überstanden. Wie hoch der Schaden ist, ist Dienstag noch nicht absehbar. Zuerst muss der Baum entfernt werden. Das macht aber nicht die Feuerwehr, weil sich der Vorfall auf Privatgelände zutrug und eine akute Gefahr nicht (mehr) besteht.

Anders sieht es um 7.45 Uhr auf der Bischofstraße aus, wo Äste eines Baumes die Sicherheit auf dem Gehweg in Büsbach beeinträchtigen. Dort erzählt zu dieser Zeit eine Mutter von den Erlebnissen einer fast 100-köpfigen Gruppe des Stolberger Schwimmvereins im traditionellen Pfingstlager in Bütgenbach. Kurz vor dem Unwetter hätten sich noch alle in den Autos in Sicherheit bringen können, die aufgebauten Zelte hielten alle fast stand; nach ein wenig Aufräumen können Kinder und Jugendliche wie geplant den letzten Lagertag verbringen.

Der frühe Dienstag ist aber auch der Morgen der Nachschau und des Aufräumens. Sicherlich hat der Sturm auch den ein oder anderen Baum im Stadtwald „erwischt“, aber größere Schäden kann Förster Theo Preckel in seinen Revieren nicht ausmachen.

Neu geschrieben ist derweil der Einsatzplan für die Mitarbeiter des Technischen Betriebsamtes. Sollte eigentlich die Standfestigkeit der Grabmale auf den Friedhöfen geprüft werden, steht nun das große Aufräumen an. 40 Mitarbeiter sind damit beschäftigt, das in der Nacht geschnittene und beiseite gelegte Grün einzusammeln, Laub, Äste und Schlamm von den Straßen zu fegen oder auch den Zaun der Kita Grenzweg von einem umgestürzten Baum zu befreien. Augenmerk wird vor allem darauf gelegt, die verstopften Kanaleinläufe wieder frei zu machen.

Und in der Tat: Zur Mittagszeit zeugen fast nur noch die Wasserpfützen in den für den Einbau von Querungshilfen tief eingeschnittenen frischen Asphalt der Aachener Straße von Starkregen und Sturm der Nacht.

940 Minuten Verspätung

Anders ist die Situation am Stolberger Hauptbahnhof. Kurz vor 14 Uhr weist die noch junge digitale Fahrgastinformation auf dem Mittelbahnsteig auf die Verspätungen im Zugverkehr hin. Mit 940 Minuten Verspätung Spitzenreiter ist der am Vorabend ausgefallene Regionalexpress 10140 nach Aachen mit der geplanten Abfahrt um 22.27 Uhr. „Grund ist ein Unwetter“, leuchtet es in Gelb auf der blauen Tafel. Der RE wird wohl auch nicht mehr fahren, aber aktuell liegen die Verspätungen auf der Strecke zwischen Köln und Aachen bei rund 20 Minuten – Tendenz normalisierend.

Am Sturm-Abend hatte die Deutsche Bahn aus Sicherheitsgründen vorsorglich den Verkehr eingestellt; in der Frühe um 4.30 Uhr wurde der Nah- und Fernverkehr auf dieser Strecke wieder aufgenommen. Unproblematisch bleibt‘s auf der Stolberger Altstadt-Route, berichtet EVS-Sprecher Thomas Fürpeil. Aber zwischen Weisweiler und Langerwehe sorgt eine umgestürzte Pappel für ein Entgleisen der Euregiobahn, 61 Fahrgäste kommen mit dem Schrecken davon. Dort ist die EVS-Strecke weiterhin gesperrt. Lediglich bis in den gestrigen Nachmittag hinein bleibt die Trasse nach Merkstein wegen umgestürzter Bäume unterbrochen. In Stolberg läuft fast alles nach Fahrplan.

Doch am Nachmittag fallen die ersten kräftigen Schauern. Für den Abend sind weitere Unwetter-Warnungen ausgegeben: Nach dem Sturm ist vor dem Sturm.

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