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Steter Kampf gegen radikales Gedankengut

Von: Dirk Müller
Letzte Aktualisierung:

Stolberg. Mit dem Abspielen einer Vertonung des jüdischen Heiligungsgebetes Kaddischs vor dem Haus Steinweg 78 hat das Gedenken an die so genannte Reichspogromnacht vor 75 Jahren begonnen.

Rund 40 Menschen waren der Einladung des Stolberger Bündnisses gegen Radikalismus gefolgt und versammelten sich an dem Ort, an dem sich einst eine jüdische Gebetsstätte befand, bevor die Nazis Mitbürgern jüdischen Glaubens grausam das Recht auf Leben entzogen – auch in Stolberg. „Es sind unbescholtene, geachtete Menschen unserer Stadt gewesen, die dem Rassismus der Nazis zum Opfer fielen“, betonte Bündnis-Sprecherin Beatrix Oprée.

Ferdi Gatzweiler erinnerte an den 9. November 1938 in der Kupferstadt: „Ideologisch verblendete Sa- und SS-Leute zogen vom Alter Markt in den Steinweg, beschmierten und demolierten Geschäfte, verbreiteten Terror. Es ist unsere Pflicht, das Vergessen an diese Gräuel-Zeiten zu verhindern.“ In seiner bewegenden Rede verwies der Stolberger Bürgermeister auf „unser Glück in einer gefestigten Demokratie zu leben“ und mahnte eindringlich: „Wir dürfen den Kampf gegen radikales Gedankengut nie aufgeben.“

Die Gedenkfeier wurde musikalisch vom atmosphärischen Spiel Anthony Reiss‘ auf der Querflöte untermalt, und Hanne Zakowski rezitierte das Gedicht „Ich denke“ der jüdischen Schriftstellerin Rose Ausländer (1901 – 1988), das mit den beklemmenden Worten endet: „Der winkende Tod denkt an mich“.

Karen Lange-Rehberg von der „Gruppe Z“ (Zukunft ohne Faschismus, Fremdenhass und Krieg; gegen das Vergessen) widmete sich den ehemaligen Bewohnern des Hauses Steinweg 78. Das Gebäude beherbergte vor dem Nazi-Terror das Wohn- und Geschäftshaus der Familie Falkenstein sowie die Wohnung der Familie Mainzer. Albert und Martha Falkenstein wurden 1942 in Theresienstadt ermordet.

Der Buchhalter Paul Mainzer hatte bereits 1933 seine Anstellung in einer Stolberger Bank verloren, weil er jüdischen Glaubens war. 1938 wurde er nach Buchenwald verschleppt, wo er unter Drohungen und Folter seinen „Ausreisewillen“ stellvertretend für seine Familie erklären musste.

Flucht nach Shanghai

„Zurück in Stolberg bemühte sich Paul Mainzer um ein Visum, aber die USA und die europäischen Länder hatten für arme und ,unbedeutende‘ Juden bereits ihre Türen geschlossen“, berichtete Lange-Rehberg. Den Mainzers blieb, um ihre Leben zu retten, nur die Flucht nach Shanghai, in das sie als einzige Stadt ohne Visum gelangen konnten.

Mit seiner Frau Margarete Mainzer und den Kindern Judith, Erwin, Ruth und Edith im Alter von ein bis neun Jahren floh Paul Mainzer nach China. Ein Schicksal, das die Familie mit den Stolbergern Sali Rosenkranz, die einst an der Münsterbachstraße 1 lebte, und Willy Cohn, der im Steinweg 23 beheimatet war, teilte.

Auch heute auf der Flucht

„Auf ihrer Flucht erlebten diese acht Stolberger Dinge, die leider in vielem dem gleichen, das auch heute Abertausende Flüchtlinge durchmachen“, sagte Lange-Rehberg. Sie hatte drei Schautafeln im Steinweg aufgestellt, die sich nicht nur wider das Vergessen vergangener Schrecken richteten. So rief die dritte Tafel ins Bewusstsein, dass auch heute viele Menschen auf der Flucht vor Kriegen, Verfolgung und Hungersnöten sind, zum Beispiel circa 1,3 Millionen Syrer, die in die Nachbarländer Libanon und Jordanien geflohen sind.

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