Steinbruch-Erweiterung ist Anlass für Denkmalantrag

Von: Jürgen Lange
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Stolberg. Von einem praktischen Gleisanschluss für den Güterverkehr konnten die Ingenieure der kleinen Export-Enklave zwischen Gressenich und Mausbach zu ihrer Zeit noch nicht einmal träumen.

Jeder Eimer, der die Produktionsstätten zwischen Omer- und Diepenlinchenbach mit dem Gütesiegel „Made aus Stolberger Galmei” verließ, muss mit dem Ochsenkarren zum Verbraucher transportiert werden.

Während heute G7-Staaten die Geschicke weltweit lenken, kennt die Welt im ersten Jahrhundert nach Christus nur eine Wirtschaftsmacht: das Imperium Romanum.

Es ist eine Zeit, in der zumindest privillegierte Kreise besonders zu schätzen wissen, was aus Gressenich kommt: Messinggefäße. Beispielsweise formschöne Urnen zur Aufnahme des Leichenbrandes, wie sie als „Hemmoorer Eimer” in archäologsichen Kreisen bekannt sind - benannt nach ihrem Fundort in einem germanischen Gräberfeld aus jenen Tagen im Landkreis Cuxhaven, das im 19.Jahrhundert entdeckt wurde.

Gefertigt wurden diese Gefäße - trotz serienähnlicher Produktion alle mit individuellem Design - aus dünnem Messingblech von nur bis zu einem Millimeter Wandstärke vor allem in Gressenich.

In jenem Vicus, der sich zwischen dem heutigen Sportplatz, Steinbruch, Segelfluggelände und Mausbach erstreckte. Erkenntnisse, die nicht besonders neu sind, aber „der Vicus ist bis heute noch nicht als Denkmal ausgewiesen”, sagt Wolfgang Wegener vom Rheinischen Amt für Bodendenkmalpflege, der von Nideggen aus die römischen Relikte in der Kupferstadt betreut.

Der Antrag auf Denkmalschutz geht in diesen Tagen der Stadt zu, kündigt Wegener an.

Der wird allerdings kaum zur Folge haben, dass Stolbergs Touristiker einmal eine Rekonstruktion der einst mit den römischen Niederlassungen Aachen, Jülich und Zülpich gleich auf zu nenneden Gewerbeansiedlung vorzeigen können.

Vielmehr geht es den Archäologen darum, das zu sichten, zu dokumentieren und für die Nachwelt zu erhalten, was ausgegraben werden kann.

Denn die geplante Erweiterung des Steinbruchs war für die Bodendenkmalpflege der Anlass, ihre Option auf eine Art „primae noctae”zu ziehen, in diesem Fall das Recht, zuerst nach wertvollen Funden zu suchen bevor die Bagger ihre brachiale Arbeit aufnehmen.

Denn wo genau der Vicus lag, ist nicht genau bekannt. Sicher ist nur, dass sein Friedhof im Norden, nahe Mausbach lag, wo ein Gräberfeld lag. Als gesichert gilt, dass der 842 erstmals erwähnte Ort „Grasciniacum” nicht identisch mit der römischen Gewerbeansiedlung ist, die im 4.Jahrhundert aufgegeben wurde.

Vermutlich weil die Franken ihre Anwesen nicht auf, sondern allenfalls in der Nachbarschaft römischer Fundamente gründeten.

Fundament des prosperierenden Dorfes waren jedenfalls die Galmeierze, aus denen die Messingeimer mit hoher Fertigkeit hergestellt wurde. „100 bis 250 Menschen” werden in dem Vicus gelebt haben, kalkuliert Wegener. „Das ist alles noch etwas spekulativ”.

250 bis 500 mal 150 Meter werden wohl die Ausmaße der Ansiedlung gewesen sein. Die bestand zunächst aus Holzhäusern; später kamen zunehmend Steinbauten hinzu.

Das wiederum ist belegt durch Funde. Auch heute noch lassen sich beim Gang über Äcker und Wiesen Relikte römischer Glanzzeiten entdecken. Scherben aus Keramik und Schlackereste aus den Verhüttungsprozessen, die ebenfalls mit der Frankenzeit endeten. Erst im Mittelalter wurde Gressenich wieder zu einem bedeutenden Abbaugebiet von Galmei.

Mehr erfahren über den Vicus Gressenich wollen die Denkmalpfleger schon bald. Mit moderner Technik können Bodenstrukturen auch ohne Ausgrabung auf Relikte vergangener Jahrhunderte analysiert werden. Und spätestens, wenn zwischen Mausbach und Gressenich die Bagger anrollen, wollen sie auch selbst vor Ort sein: die Archäologen mit Pinsel, Spachtel und Zeichenblock.
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