Startschuss für das Pilotprojekt „Schulfit für die Grundschule“

Von: Michael Grobusch
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Gelernt wird spielerisch: Angela Kaesler möchte den Kindern den Einstieg in das Schulleben mit dem einwöchigen „Sprachcamp“, das seit Montag in der Hermannschule angeboten wird, erleichtern. Foto: M. Grobusch

Stolberg. Nach gut einer Stunde ist das sprichwörtliche Eis gebrochen. Rasmus hat seine Schüchternheit abgelegt und das erste Wort auf Deutsch gesagt: „Schule“. Das könnte passender kaum sein, denn der Sechsjährige, der erst vor wenigen Monaten aus Finnland nach Stolberg gezogen ist, gehört zu den 15 Mädchen und Jungen, die seit Montag an einem einwöchigen „Sprachcamp“ teilnehmen.

Und bei diesem geht es vor allem um eins: um die Schule. Der offizielle Titel des Ferienangebotes, das es in dieser Form in Stolberg noch nicht gegeben hat, lautet „Schulfit für die Grundschule“. Es richtet sich an Kinder mit keinen oder nur geringen Deutschkenntnissen, die vor der Einschulung stehen.

„Wir haben festgestellt, dass die meisten Menschen vor allem deshalb arm sind, weil sie die Sprache des Landes, in dem sie leben, nicht beherrschen“, sagt Angela Kaesler. Die Schulsozialarbeiterin, die im Rahmen des Bildungs- und Teilhabepaketes von der Stadt Stolberg eingestellt wurde und ihren Arbeitsschwerpunkt auf der Mühle, in der Atsch und auf dem Donnerberg hat, ist Initiatorin des „Camps“.

Aus gutem Grund: „Wir stellen immer wieder fest, dass Kinder in die Schule kommen, die kein Deutsch sprechen, obwohl in den Kitas schon sehr viel für die Sprachkompetenz getan wird.“ Private Kurse, um die Defizite zu kompensieren, gebe es zwar einige wenige. „Doch die sind in der Regel erst für Kinder ab neun Jahren und kosten zudem für zwei Wochen mehr als 1000 Euro“, weiß Kaesler.

Der Beitrag für die Woche in der Hermannschule liegt bei 25 Euro und damit auf einem ähnlichen Niveau wie bei anderen Ferienangeboten im Stadtgebiet. Und dennoch sind in allen 15 Fällen die Kosten über das Bildungs- und Teilhabepaket übernommen worden. „Nur so war es möglich, den Kindern, die es besonders nötig haben, eine Förderung bieten zu können“, betont die Sozialarbeiterin.

Das Konzept für das „Sprachcamp“ richtet sich nach den Dingen des täglichen Lebens. Am Montag ging es zum Auftakt vor allem um die Kinder, um ihre Namen und Herkunft, ihre Familien und ihr Zuhause. Heute dann wird die Schule als Lern- und Lebensraum mit all ihren Facetten in den Fokus gerückt. In einem dicken Heft können die jungen Teilnehmer malen, anstreichen und einkleben. Schreiben steht nicht auf dem Programm, weil das eine Überforderung darstellen würde.

„Hier geht es um die Alltagssprache, damit sich die Kinder auch im Alltag zurechtfinden können“, erklärt Angela Kaesler. Gelernt im klassischen Sinne wird in dieser Woche nicht. Stattdessen sollen die Kinder bei Konzentrationsspielen und Bewegungsübungen sowie im freien Spielen und während des gemeinsamen Mittagessens Dinge aufnehmen – und wiedergeben. „Ganz wichtig ist, dass die Kinder möglichst viel sprechen.“

Dabei ist der Anspruch sehr unterschiedlich. Für Rasmus sind einzelne Wörter mit einem großen Erfolgserlebnis verbunden, Taikan hingegen bildet schon selbstständig ganze Sätze. Nach dem Kennenlerntag werden die Teilnehmer heute entsprechend ihrer Fähigkeiten in zwei Gruppen eingeteilt. So kann das sechsköpfige Betreuerteam eine noch individuellere Förderung gewährleisten.

Zuhause fehlt Unterstützung

Diese fehlt, und das ist eines der Hauptprobleme, den Kindern in den allermeisten Fällen zu Hause. „Damit ist es für sie natürlich unheimlich schwer, sprachlich den Anschluss zu finden“, weiß Angela Kaesler, die sich deshalb für eine schulbegleitende Sprachförderung einsetzen will. „Wenn es uns gelingt, besonders förderbedürftige Kindern zwei bis drei Stunden pro Woche zu unterstützen, könnten wir eine ganze Menge erreichen“, ist sie überzeugt.

Doch das ist, wie so oft, eine Frage des Geldes. Dabei wäre jeder Euro, das unterstreicht Angela Kaesler, sehr gut angelegt. „Ohne eine solche Unterstützung haben die Kinder keine Chance“, lautet ihr Appell. Der gilt im Übrigen auch mit Blick auf eine mögliche Fortsetzung und Ausweitung des Stolberger Pilotprojektes im kommenden Jahr.

Rasmus versteht von all dem noch nichts. Vorsichtig, aber mit sichtbarer Freude, tastet er sich an die nächsten Wörter heran. „Schulfit“ wird er am Ende dieser Förderwoche wahrscheinlich noch nicht sein. Aber immerhin dürfte ihm der Start in die Grundschule Anfang September etwas leichter fallen.

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