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Stadt will ein Ende des Leichen-Tourismus

Von: Jürgen Lange
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Will mit einer Simultanrechnung dem Leichen-Tourismus begegnen: Stolbergs Fachbereichsleiter Bernd Kistermann. Foto: J. Lange

Stolberg. Während sich Stolbergs Standesbeamten einer steigenden Nachfrage erfreuen, bleiben bei der Friedhofsverwaltung die Kunden aus. Immer mehr Stolberger lassen sich lieber anderswo beisetzen als in der Heimat. Die Fallzahlen sind stark rückläufig.

Wurden 2011 noch 479 Nutzungsrechte erworben, erwartet die Verwaltung für das kommende Jahr nur noch 373 Pachtgesuche. Anstelle von 534 werden lediglich 470 Bestattungen prognostiziert. Das Ausbleiben der Kundschaft zieht Konsequenzen für die Menschen nach sich, die sich für eine Bestattung in der Kupferstadt entscheiden: Die Kosten steigen teilweise dramatisch an. Um rund 20 Prozent teurer wären bei besonders kritischen Arten der Aufwand für Bestattungen und Nutzungsrechte.

Dann würde beispielsweise das Doppelwahlgrab 8678 statt 7464 Euro oder die Bestattung in einem Erdgrab 950 statt 781, 50 Euro kosten. Selbst die Nutzung eines Urnenwahlgrabes käme mit 2637 statt 2171 Euro plus 246 statt 208 Euro deutlich teurer zu stehen. Und bei den bislang immer stärker nachgefragten amerikanischen oder anonymen Beisetzungsformen prognostiziert die Verwaltung ein Ausbleiben der Fallzahlen. Weil es anderswo preiswerter ist.

Der zuständige Fachbereichsleiter Bernd Kistermann konstatiert ein „strukturelles Defizit“. Den Grund sieht er in der jüngsten Erhöhung der Gebühren zum Beginn diesen Jahres. „Diese führte zu einem merklichen Rückgang der Fallzahlen“, sagt Kistermann, der für das kommende Jahr eine weiter sinkende Nachfrage prognostiziert. Das wiederum hat Auswirkungen auf die Gebühren. Bei weiter steigenden Kosten auf den 16 Stolberger Friedhöfen führen geringere Fallzahlen dazu, dass die Gebühren weiter steigen, weiter steigende Gebühren wiederum dazu, dass die Kunden ausbleiben.

„Durch eine Preissteigerung kann dem derzeitigen Defizit nicht mehr erfolgbringend begegnet werden“, so Kistermann weiter, „vielmehr würde es dadurch verschlimmert werden“. Der Fachbereichsleiter rechnet sogar damit, dass die für 2013 kalkulierten Einnahmen dann nochmals um 75 Prozent unterschritten werden könnten.

„Gebühren und Fallzahlen passen nicht mehr zusammen“, benennt Kistermann das „strukturelle Defizit“, und kommt zu dem Schluss: „In einer solchen Situation ist es erforderlich, einen Schnitt zu machen“. Dies soll in der eigentlich kostenrechnenden Einrichtung des Friedhofwesens durch eine so genannte Simultanrechnung geschehen. Ihr Ziel ist es, die Gebührensätze des Jahres 2010 zu begründen.

Die liegen bei den kritischen Bestattungsformen nicht nur drastisch unter den für 2013 nahezu kostendeckend kalkulierten Gebühren, sondern auch noch einmal ein gutes Stück unter den für dieses Jahr geltenden Sätzen. Dazu nutzt die Verwaltung dann die tatsächlichen Fallzahlen aus dem Jahr 2011, um sie den für 2013 erwarteten Kosten gegenüberzustellen – und gleichzeitig die Erfahrungen des Jahres 2012 zu berücksichtigen: „So werden die Bestattungsgebühren für Urnen sowie die in der Nachfrage trotz höherer Gebühren weiter gestiegenen pflegeleichten Grabformen und die Samstagsgebühr nicht auf das Gebührenniveau von 2010/11 heruntergesetzt“, nennt Kistermann Beispiele.

Anstelle einer Maximierung der Erlöse aus Gebühren zur Deckung der Kosten möchte der Fachbereichsleiter die Friedhöfe wieder attraktiver machen, um dem „Leichen-Tourismus“ entgegenzuwirken. Das wirkt sich beispielsweise so aus, dass das Nutzungsrecht am Doppelwahlgrab 6222 statt 8678 Euro, die Bestattung 785 statt 950, das Urnenwahlgrab 1775 statt 2637 Euro kostet, die Bestattungsgebühr für Urnen aber mit 246 Euro konstant bleibt.

Diese Simultanrechnung führt dazu, dass ein Kostendeckungsgrad von lediglich 88 Prozent erreicht wird, das Friedhofswesen also mit rund 425.000 Euro aus allgemeinen Steuermitteln subventioniert werden muss. Von 24 auf 20 Prozent reduziert wurde aufgrund aktueller Rechtsprechung der Grünflächenanteil, der ebenfalls aus dem Haushalt bezahlt wird, weil Friedhöfen eine Erholungsfunktion für die Allgemeinheit bescheinigt wird. Die soll darüber hinaus die errechneten Defizite aus den Vorjahren tragen.

In diesem Jahr fehlen voraussichtlich 200.000 Euro an Einnahmen; aus den beiden Vorjahren wären noch 95.000 Euro zu begleichen. „So lange das strukturelle Defizit besteht, soll auf die Einrechnung der Unterdeckung verzichtet werden“, schlägt Bernd Kistermann dem am Dienstag tagenden Stadtrat vor. Denn andererseits wäre es noch schwieriger zu einem Ausgleich von Einnahmen und Kosten im Friedhofswesen zu kommen.

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