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Soll der Zincoli-Kamin ein Denkmal werden?

Von: Friedrich Holtz
Letzte Aktualisierung:
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Die Industriekulisse Münsterbusch in den 1950er Jahren. Links im Schwarz-Weiß-Bild sieht man die alte Bleihütte, rechts die noch in Betrieb befindliche Zinkhütte. Auch die hohen Schornsteine konnten die Nachbarschaft nicht vor den gesundheitsschädlichen Rauschwaden aus der Produktion schützen.

Stolberg. Immer häufiger wurden zuletzt Bestrebungen deutlich, den Schornstein auf dem Zincoli-Gelände Münsterbusch als Industriedenkmal zu bewahren. Ohne jeden Zweifel sprechen gewichtige Gründe für den Erhalt dieses „überragenden“ Reliktes der industriellen Vergangenheit der Stadt.

Denn gerade am Standort Münsterbusch kam es in frühindustrieller Zeit zu einer bemerkenswerten Konzentration von höchst unterschiedlichen Betrieben und Unternehmungen. Letztlich steht dieser Kamin jedoch auch für die industrielle Epoche unserer gesamten Region. Aus heutiger Sicht ergibt sich die eigentliche Bedeutung des schmucklosen Zweckbaus aus seinem direkten Bezug zu einer für die Frühphase der Industrialisierung charakteristischen Denkweise.

Technikgläubigkeit

Die damaligen Vorstellungen waren geprägt von einer heute völlig unverständlichen Fortschritts- und Technikgläubigkeit sowie von einem unglaublich sorglosen, naiven Umgang mit der Natur. Noch in den 1950er Jahren manifestierte sich das mit der Industrialisierung eng verbundene Lebensgefühl in der Redewendung „Der Kamin müsse rauchen“, wenn man wirtschaftlichen Fortschritt und Erfolg sicherstellen wollte. Nicht nur die extremen sozialen Verwerfungen, sondern auch die unglaublich einschneidenden Umweltbelastungen, die mit der industriellen Entwicklung einhergingen, sind derzeit kaum noch vorstellbar.

Aus der bereits erwähnten Verdichtung von industriellem Gewerbe auf engstem Raum mit: einem Steinkohlenbergwerk (James Grube), insgesamt drei Glashütten, einer Bleihütte, einer Zinkhütte sowie einer Rösthütte ergaben sich für den Bereich Münsterbusch entsprechend hohe Rauchgasmengen.

In der erwähnten Rösthütte wurden die lokal geförderten schwefelhaltigen Erze zur Verhüttung vorbereitet, indem der chemisch gebundene Schwefel durch Erhitzen des Erzes und unter Sauerstoffzufuhr als Schwefeldioxid ausgetrieben wurde, welches anfangs gänzlich und später zu großen Teilen in die Atmosphäre gelangte und mit der Luftfeuchtigkeit Schwefelsäure bildete.

Als Resultat dieser Schadstoffemission wurden Bäume und Sträucher in der Nähe der Rösthütten zur absoluten Rarität, aber auch in weiterem Umkreis traten, je nach bevorzugter Windrichtung, erhebliche Vegetationsschäden auf, so dass die Betreiber sich gezwungen sahen, beträchtliche Entschädigungszahlungen zu leisten.

Lösungen spät gefunden

Man war zwar bemüht, das bei dem Röstvorgang anfallende Schwefeldioxid aufzufangen, aber es sollte doch einige Jahrzehnte dauern, bis verfahrenstechnische und vor allem apparative Lösungen gefunden waren, die zufriedenstellende Ergebnisse lieferten. Und diese Bemühungen waren nicht primär auf den Umweltschutz ausgerichtet, sondern wurden ganz eindeutig von handfesten Wirtschaftsinteressen bestimmt. Die Röstgase nämlich eigneten sich ganz hervorragend zur Herstellung von Schwefelsäure, und die wiederum war wichtiger Grundstoff für die Sodaproduktion.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden in Stolberg die zur Sodaherstellung erforderlichen Prozesse zur technischen Reife gebracht. Mit der Chemischen Fabrik Rhenania entstand in der Atsch ein Unternehmen, das auf seinem Fertigungssektor anerkanntermaßen weltweite Technologieführerschaft erreichte. Eine hier entwickelte Ofenkonstruktion wurde unter dem Namen Rhenania-Ofen während einiger Jahrzehnte international zum Abrösten von Zinkblende eingesetzt und war bezüglich der Schwefeldioxid-Abscheidung bereits höchst effektiv.

Zwischenzeitlich hatte man sich eine gewisse Abhilfe von einem Industrieschornstein versprochen (Langer Hein), der auf Grund seiner außergewöhnlichen Höhe eine direkte Einwirkung der schädlichen Industriegase auf die nähere Umgebung verhindern sollte. Auch damals muss eigentlich schon klar gewesen sein, dass dieser Lösungsansatz, lediglich eine weiträumige Verteilung und eben nicht eine Vermeidung der Schadstoffgehalte zum Ziel hatte.

Die gängige Praxis mit den hohen Kaminen lässt sehr deutlich das grenzenlose Vertrauen in ein vermeintlich unbeeinflussbares, unerschöpfliches und unendliches Globalsystem erkennen. Die revolutionäre Vorstellung, unsere Erde mit ihren begrenzten Ressourcen sei allumfassend schutzbedürftig, entstand erst in den 1970er Jahren.

Empfinden geprägt

Der ehemals extrem sorglose Umgang hinsichtlich vieler Umweltaspekte ist mit mangelndem Wissens alleine kaum zu erklären, sondern dürfte maßgeblich auch von einem Erfahrungshorizont beeinflusst gewesen sein, der das Empfinden der Menschen über Jahrtausende geprägt hatte. Bis weit ins 20. Jahrhundert fühlte man sich der allgewaltigen und unbeeinflussbaren Natur in jeder Hinsicht schutzlos ausgesetzt. Daraus resultierte die aus damaliger Sicht durchaus verständliche Auffassung, in erster Linie müsse sich der Mensch vor den Naturgewalten schützen.

Beide Faktoren, nämlich erstens das geringere Verständnis der Sachzusammenhänge und zweitens die Vorstellung eines unbeeinflussbaren Weltensystems, lassen die damalige Sorglosigkeit auch heute noch in gewisser Weise nachvollziehbar erscheinen.

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