Seit 13 Jahren ein Engel in Neongelb

Von: Doris Kinkel-Schlachter
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Sicher über die Straße: Seit 13 Jahren ist Annemarie Hausmann Verkehrshelferin auf dem Donnerberg und lotst jeden Morgen in der Zeit von 7.25 bis 13.45 Uhr Schüler sicher über Duffenter- und Höhenstraße. Foto: D. Kinkel-Schlachter

Stolberg-Donnerberg. Jeden Tag steht Annemarie Hausmann am Kreisverkehr Duffenter-/Höhenstraße, bei Wind und Wetter. Autofahrer und Fußgänger winken ihr zu oder kommen auch mal auf ein Pläuschchen rüber. Wenn aber die Mädchen und Jungen der Grundschule Donnerberg kommen, hat sie nur noch Augen für sie. Ihre Sicherheit steht an oberster Stelle, und dafür legt sich die 44-Jährige auch mit rücksichtslosen Fahrern an – wenn es sein muss. Annemarie Hausmann ist Verkehrshelferin.

Warum machen Sie das überhaupt, sich bei Wind und Wetter an die Straße zu stellen?

Annemarie Hausmann: Da muss ich etwas weiter ausholen, ich bin nämlich schon seit dem 1. April 2000 Schülerlotsin, kein Scherz! Damals, als die Stadt Stolberg eine Stellenausschreibung dafür in die Zeitung gesetzt hatte, habe ich mich mehr aus Jux und Dollerei drauf beworben.

Warum?

Hausmann: Der ausgeschriebene Arbeitsplatz war ja quasi vor meiner Haustüre. Na ja, hinzu kommt, dass mein Vater, Theodor Bildstein, 15 oder 16 Jahre lang Schülerlotse in der Atsch war. Das hat er bis zu seinem Tod 1997 gemacht.

Dann sind Sie also in Papas Fußstapfen getreten...

Hausmann: Sozusagen! Ich mache das einfach gern und liebe es auch, mit Kindern zu arbeiten. Damals haben Bekannte zu mir gesagt: ‚Fang doch im Kindergarten an.‘ Aber das wollte ich dann doch nicht. Bei drei eigenen Kindern muss man ja auch sehen, wie man das alles unter einen Hut bekommt.

Was hält der Nachwuchs denn davon, dass Mama ein ‚neongelber Engel‘ ist?

Tochter Eva: Ich finde das sehr gut, was die Mama macht. Meine Freunde in der Schule übrigens auch. Hausmann: In Sachen Verkehr ist Eva natürlich topfit. Aber das ist mir auch bei den anderen Kindern sehr wichtig. Gerade jetzt, in der dunklen Jahreszeit, ist es so wichtig, gesehen zu werden. Reflektierende Ranzen, Jacken und Westen sind da eine große Hilfe. Und wenn die Kinder sehr dunkel angezogen sind und nichts Reflektierendes dabei haben, spreche ich sie darauf an.

Und wie sieht der Arbeitstag eines Schülerlotsen aus, Frau Hausmann?

Hausmann: Ich stehe um halb Sechs auf, gehe mit unserer Schäferhündin Senta spazieren. Wenn ich wieder zurück bin, wecke ich die Jungs und schmiere anschließend Brote für alle. Um 6.45 Uhr wecke ich Eva, und um 7.25 Uhr gehe ich raus – dann arbeite ich, 20 Minuten lang. Runde zwei ist von 11.45 bis 12.05 Uhr, und dann bin ich noch einmal von 13.25 bis 13.45 Uhr draußen. Anschließend habe ich Feierabend. In der Zwischenzeit kann ich alles, was so anfällt, erledigen: Haushalt, Arzttermine...

Wie viele Kinder lotsen Sie täglich über die Straße?

Hausmann: Zurzeit sind es etwa 35. Im Herbst und Winter werden mehr Kinder gefahren. Heutzutage gehen sowieso immer weniger zu Fuß.

Woran liegt das?

Hausmann: Vielleicht an zunehmender Angst und Unsicherheit, aber ich bin überzeugt, dass viele Menschen auch einfach zu bequem geworden sind. Die fünf Minuten, die mit dem Auto eingespart werden, kann man länger im Bett verbringen.

Und dann geht‘s im Eiltempo zur Schule...

Hausmann: Genau! Zwischendurch gibt es leider immer wieder Autofahrer, die völlig aus der Art schlagen. Deren Unvernunft ist manchmal so groß, dass ich ernsthaft schon mehrere Male den Gedanken hatte, diesen Job an den Nagel zu hängen. Manchmal ist es in diesem Kreuzungsbereich ganz schön gefährlich.

Ist schon einmal was passiert?

Hausmann: Glücklicherweise nicht. Aber brenzlige Situationen gab es schon öfter. Einmal war ein Lkw, einmal ein Pkw sehr nah an ein Kind herangekommen. Das liegt daran, dass auf einem Stück der Höhenstraße hinter dem Kreisverkehr kein Bürgersteig ist beziehungsweise keine Abgrenzung zwischen Straße und Fußgängerweg. Jetzt habe ich Verkehrshütchen bekommen, die ich jeden Tag hin und her schleppe, um den Bereich zu sichern. Langfristig wäre hier eine andere Lösung sinnvoll.

Auf der Höhenstraße ist sowieso zu den Berufsverkehr-Zeiten ganz schön viel los.

Hausmann: Das ist der Wahnsinn, zu Stoßzeiten fahren hier morgens innerhalb von zehn Minuten über 200 Autos lang. Mir soll keiner sagen, die Höhenstraße wäre keine Durchgangsstraße. Aber was das betrifft, habe ich den Kampf schon fast aufgegeben, weil ich überall auf taube Ohren stoße. Oder es wird von einem zum anderen geschoben. Letztlich tut sich aber nichts. Hier muss aber was geschehen, denn an die vorgeschriebenen 30 Stundenkilometer halten viele sich nicht.

Und was machen Sie dann?

Hausmann: Ich alleine kann ja dagegen nichts machen. Aber wenn wieder einer angerauscht kommt, bedeute ich ihm mit einer Handbewegung, dass er langsamer fahren soll. Das habe ich einmal gemacht und hätte sie fast auf die Schnauze bekommen. Ich bin auch schon mehrmals ausgeschimpft worden.

Sie müssen als Verkehrshelferin ein dickes Fell haben!

Hausmann: Das kann man wohl sagen. Aber wenn die Kinder fröhlich sind, lachen und gerne bei mir über die Straße gehen, ist das für mich die schönste Anerkennung. Das überwiegt dann. Selbst ältere Menschen freuen sich, wenn ich ihnen über die Straße helfe. Meine Arbeit wird da nicht für selbstverständlich genommen. ‚Frau Hausmann, das ist für dich‘, höre ich öfter. Dann bekomme ich zwischendurch selbst gepflückte Blumen geschenkt. Und in der Weihnachtszeit Tee und Socken, weil ich ja bei Wind und Wetter draußen stehe (lacht).

Sprechen die Kinder Sie manchmal an?

Hausmann: Ja, ich habe ein gutes Verhältnis zu den Kindern. Sie erzählen, was sie am Wochenende gemacht haben, wie es in der Schule war, was sie schenken oder basteln, wenn ihre Eltern oder Geschwister Geburtstag haben. Oder sie brauchen nur mal ein Tempo...

Was wünschen Sie sich?

Hausmann: Mir geht es nur um die Sicherheit der Kinder. Wenn alle ein bisschen mehr Rücksicht nehmen, dann müsste es eigentlich auch laufen.

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