Schlangenberg: „Einzigartig auf der Welt wie Galapagos”

Von: Jürgen Lange
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Planen die Rettungsaktion für die weltweit einzigartige Pflanzenwelt vor Ort: Gutachter Dr. Richard Raskin, Förster Theo Preckel, Doris Tomski vom städtischen Landschafts- und Naturschutz, Gutachterin Doro Raskin sowie Christoph Vanberg von der Biologischen Station (v.l.). Foto: J. Lange

Stolberg. „Einzigartig auf der Welt wie Galapagos”, sagen Christoph Vanberg und Dr. Richard Raskin beim Blick auf den Schlangenberg. Was die Riesenschildkröte für die Insel im Pazifischen Ozean sind, ist die Galmeiflora und seltene Orchideen für das Areal rund um den Breiniger Berg: Sie ist einzigartig, aber bedroht.

Auf den Galapagos-Inseln kamen Naturschützer dem Aussterben der Riesenschildkröten mit der Entfernung der Ziegen als Futterkonkurrenten zuvor. In Stolberg wollen die Biologen den Lebensraum dieser fast nur noch hier geballt vorkommenden, endemischen Pflanzenarten durch das Entfernen der Kiefern vom Schlangenberg begegnen.

Über 400 seltene Pflanzenarten

In Abstimmung mit der Unteren Landschaftsbehörde haben die Biologische Station, die städtische Landschaftspflege, Förster Theo Preckel und Raskins Büro für Landschaftspflege und angewandte Ökologie ein umfangreiches Konzept erarbeitet, wie das Überleben dieser speziell auf den Stolberger Böden vorkommenden Pflanzengesellschaften und die damit zusammenhängende Tierwelt gefördert und erhalten werden kann. „Dieser Magerrasen entspricht der ursprünglichen Natur an diesem Standort”, erläutert Raskin.

Kelten und Römer bauten auf dem Schlangenberg bereits die Schwermetallerze ab. Erst die Preußen sorgten mit den hier standortfremden Kiefernkulturen im 19.Jahrhundert für den Import des Störenfriedes. Der Kieferbewuchs breitet sich rasant aus, nimmt der Galmeivegetation Licht und Standort. „Auf der aktuell erscheinenden Roten Liste werden alle diese Arten bereits eine Gefährdungsstufe höher bewertet”, kündigt Vanberg an. Die Galmei-Frühlingsmiere kommt landesweit nur noch in Stolberg vor; hier immerhin noch an fünf Standorten. Sonst ist sie nur noch im nahen Kelmis zu finden: In einem Bestand, der auf nur noch 1m2 geschrumpft ist.

Und so sehr auch Touristiker und Natürschützer mit dem Galmeiveilchen als Wahrzeichen der Kupferstadt werben - auch sein Bestand schrumpft zusehends. Weit über 400 seltene Pflanzenarten haben Doro und Richard Raskin auf dem Schlangenberg dokumentiert - darunter 48 landesweit gefährdete Arten der Roten Liste, von denen neun Sippen als stark gefährdet eingestuft sind. Eine heute schon seltene Spielart der Natur droht für immer unterzugehen.

„Es ist Zeit zu handeln”, sagt Theo Preckel. Damit beginnt der Förster in den nächsten Tagen. Auf 50 Hektar Fläche werden die Kiefern entnommen. „Punktuell haben wir das bereits in kleineren Bereichen in der Vergangenheit gemacht”. Der Arbeitskreis Naturschutz, Öko-Trupp und Zivildienstleistende, Schulklassen und Kindergärten haben über die Jahre dabei geholfen, die störenden Kiefern herauszunehmen.

Erste Maßnahmen erfolgreich

Mit großem Erfolg, wie Dr. Raskin und Doris Tomski bestätigen. Schnell kehrten die Bestände der Schwermetallflora auf ihre angestammten Standorte zurück. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, dem gesamten Schlangenberg ein Bild zurück zu geben, wie es alte Fotografien und Luftaufnahmen noch vor sechs Jahrzehnten dokumentiert haben. Bis auf ganz wenige Flächen war das ganze Gebiet frei von Baumbewuchs.

In diesen Bereichen soll auch heute noch der Kiefernbestand erhalten bleiben. Außerdem werden punktuell alte Bestände erhalten, in denen die Bäume Spechten, Hohltauben, Fledermäusern und anderen Höhlenbrütern ein Heim bieten, sagt Doro Raskin. Auch Totholzbestände sollen den ihnen eigenen Tier- und Pflanzenfamilien einen Lebensraum bieten. „Wir wollen auch ein wenig den parkähnlichen Charakter des Schlangenbergs erhalten, an den sich die Bevölkerung gewöhnt hat”, schränkt Richard Raskin ein.

Ein neuer Anfang

Aber unweigerlich wird das Naturschutzgebiet mit europäischer Anerkennung als Flora-Fauna-Habitat in den nächsten Wochen mit seinem neuen eigentlich nur sein ursprüngliches Erscheinungsbild zurück erhalten. „Es geht nicht darum, die Kiefer auszuspielen”, sagt Christoph Vanberg, „sondern um den exquisiten Schutz einer weltweit einzigartigen Pflanzengesellschaft”. Ein Vorhaben, das auf Basis der gesetzlichen Voraussetzungen mit den zuständigen Behörden abgestimmt und schon lange geplant ist.

Und mit dem jetzt nahenden Ende des Kiefernbestandes und seines mit ihm einher gehenden Bewuchses durch Schlehen, Ilex und Brombeersträuchern wird ein neuer Anfang für eine veränderte und ebenfalls seltener werdende Tier- und Pflanzengesellschaften geschaffen. Boden brütende Vögel wie die Heidelerche, Rotdrossel und Weihen sowie zahlreiche weitere Schmetterlingsarten werden erwartet. Und vor allem das Überleben einer einzigartigen Pflanzengesellschaft, wie sie weltweit nur noch in Stolberg anzutreffen ist.

Eine Reihe gefährdeter Arten im Überblick

Eine Auswahl bemerkenswerter Pflanzenbestände, die stark gefährdet und deren Überleben von Naturschutzmaßnahmen abhängig ist, wie sie jetzt auf dem Schlangenberg vorgenommen werden.

Nur in Stolberg noch häufig oder verbreitete Vorkommen bilden die Galmeipflanzen mit Galmei-Veilchen, -Grasnelke, -Täschelkraut, -Schafschwingel, -Frühlingsmiere und Galmei-Traubenkropf.

Verschollen oder nur noch vereinzelt oder selten zu finden sind auf dem Schlangenberg bereits Echte Mondraute, Schattensegge und Zierliches Tausendgüldenkraut sowie die heimischen Orchideen-Arten Gewöhnliche Mücken-Händelwurz, Fichtenspargel, Bienen-Ragwurz, Fliegen-Ragwurz und Helm-Knabenkraut.

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