Stolberg - Patchwork auf die andere Tour

Patchwork auf die andere Tour

Von: Nadine Preller
Letzte Aktualisierung:
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Familie einmal anders: Pflegeeltern nehmen Kinder auf, deren Familien nicht mehr in der Lage sind, sich selbst ausreichend um die jungen Menschen zu kümmern. Foto: N. Preller (1), stock/CHROMORANGE (1)

Stolberg. Irgendwo in Stolberg liegt das Winterzauberland: Von einer weißen Schneedecke bedeckt sind im Garten die Schaukeln, die Rutschbahn und das große Trampolin. Wohlig warmes Licht fällt durch die Fenster hinaus in den Garten und in den dunklen Abendhimmel. Und im Inneren des Hauses kann sich der Besucher gar nicht satt sehen an all den liebevoll gestalteten Dingen, die jedes Kinderherz höher schlagen lassen.

Eine Budenlandschaft mit Karussell, Poffertjes-Stand und Pferdeschlitten summt und brummt auf der Wohnzimmeranrichte vor sich hin. Im Flur hängt eine große Lokomotive aus bunter Pappe, aus deren Fenstern Kinderfotos dem Betrachter entgegenlächeln. Und in den Kinderzimmern erst: da sticht das Playmobil-Haus im einen den großen Teddybären im anderen aus, die Carrera-Rennbahn im nächsten macht dem Sternenmobile an der Decke und den Prinzessinen-Vorhängen über dem Bett in einem weiteren Konkurrenz. Ein neues Zuhause

Vier Kinder haben in diesem wunderbaren Reich ein neues Zuhause gefunden. Ein Zuhause, dass ihnen im eigentlichen Elternhaus nicht geboten werden kann. Weil die leiblichen Eltern nicht mehr in der Lage sind, sie ausreichend zu versorgen und deren Erziehung sicherzustellen. Kurz nach ihrer Geburt kamen Alina, Phillip, Janina und Natalie in die Familie Rothkrantz – eine von 55 Pflegefamilien in Stolberg. Jährlich sucht der hiesige Pflegekinderdienst ein solch neues Zuhause für rund zehn bis 15 Kinder, die sonst in Kinderheimen untergebracht werden müssten. Und der Bedarf an Pflegeeltern ist immer da, wie Heinz-Josef Labs vom Pflegekinderdienst betont.

Heute ist die Jüngste der Pflegekinder bei Familie Rothkrantz zehn, die Älteste 16 Jahre alt. Mit ihren anderen Geschwistern sind die beiden über all die Jahre morgens vom Wecker aus dem Bett geklingelt worden, haben ihre Schulen besucht, sind nachmittags zum gemeinsamen Essen heimgekehrt um danach in alle Richtungen auszuschwirrt: zum Gitarrenunterricht, zur Nachhilfe, zu den Pfadfindern, bevor sie abends wieder in die Kojen fielen. In den Schulferien ist die Familie in Urlaub gefahren, Ostern wurden die versteckten Eier im Garten gesucht, Weihnachten saß man gemeinsam unterm Tannenbaum und packte Geschenke aus. „Wir sind nichts Besonderes, eine ganz normale Familie wie jede andere auch“, sagt Mama Helga Rothkrantz.

Und das sagt sie so leicht daher, während sie und ihr Mann Walter wohl schier einen Rekord in puncto Pflegeeltern aufstellen könnten. Seit 44 Jahren nehmen die beiden immer wieder Kinder auf, die bei ihnen ein zweites Zuhause finden, darunter auch schwerstbehinderte Kinder. Insgesamt elf Jungen und Mädchen haben die beiden über die Jahre „ihre Eigenen“ nennen können, bis sie flügge wurden und hinaus in die Welt schwirrten, ihre eigenen Familien gründeten oder für einen Job in eine andere Stadt zogen. Die zahlreichen Bereitschaftspflegen, die Familie Rothkrantz über einige Monate übernommen hat, zählen sie schon gar nicht mehr.

Ein Umstand, der den beiden Pflegeeltern oft Kritik einbrachte. „Als ich vor Jahren ein weiteres Kind bei der Kindergeldkasse anmelden wollte, musste ich mir den Spruch anhören, ob ich keine anderen Hobbys hätte“, erzählt Vater Rothkrantz traurig. Und seine Frau fügt hinzu: „Viele konfrontieren einen auch damit, dass man das Ganze nur wegen des Geldes machen würde.“ Helga Rothkrantz muss bei diesem Gedanken laut auflachen: „Das ist ein 24-Stunden-Job, die zum Teil schwierigen Kinder zu betreuen.“ Hinzu kämen Kosten für Taschengeld, Kleidung, Urlaube, Therapien, Gitarrenunterricht. „Ein größeres Auto musste her, wir haben ein 180 Quadratmeter-Haus zu finanzieren, jeder hat sein eigenes Zimmer, die Ältere will jetzt ins Fitnessstudio“, will Walter Rothkrantz die nicht enden wollende Liste vervollständigen. „Da bleibt nichts übrig.“ Was die beiden antreibe, sei vielmehr der Wunsch, Kindern ein richtiges Zuhause zu bieten. „Ich wollte immer viele Kinder haben, zwei eigene waren mir gegönnt, dann war Ende“, erzählt Helga Rothkrantz. „Außerdem hält uns der bunte Haufen jung“, wirft sie lachend hinterher. Ein gutes Stichwort: Sie ist bereits 63 Jahre alt, ihr Mann ein Jahr älter. „Nach denen hier übernehmen wir allerhöchstens noch Bereitschaftspflege für Kinder, irgendwann ist man einfach zu alt.“

Kontakt zu leiblichen Eltern

So nennen die beiden Jüngsten ihre Pflegeeltern bereits schon Oma und Opa – was alle im Haus vielmehr amüsiert und dem ganzen einen sympathischen Touch verleiht, als dass es irgendwie negativ aufstoßen würde. Die älteren Pflegekinder sagen hingegen noch Mama und Papa zu Herrn und Frau Rothkrantz – zu ihren leiblichen Eltern im Übrigen auch. Denn die sehen die Pflegekinder nach wie vor, zu kurzen Besuchen in der Woche, zu Geburtstagen oder Taufen. Ein Problem für die Beteiligten ist das nicht, eher ein Fundament dafür, das alles so gut funktioniert. „Ich will, dass die Kinder wissen, wo sie herkommen“, sagt Helga Rothkrantz. Und auch die Kinder genießen die Freiheit. „Das gibt mir das Gefühl, hier nicht festgehalten zu werden“, sagt die Älteste. „Ich werde zu nichts gezwungen. Es ist meine Entscheidung, dass ich hier bleibe.“

Auch Pflegeeltern sowie die leiblichen stehen in ständigem Kontakt miteinander – das sei schon allein unabdingbar ob der rechtlichen Fragen. Denn anders als bei einer Adoption haben die leiblichen Eltern bei Pflegekindern nach wie vor Entscheidungsrecht, was beispielsweise die Religion, die Schul- oder Berufsbildung ihrer Kinder betrifft.

Der Kontakt, der Austausch tue allen Beteiligten gut, wie Helga Rothkrantz beteuert. Und so wird wie in den Vorjahren auch in diesem Dezember das Heilige Fest gemeinsam gefeiert – mit Pflegekinder, Eltern und Pflegeeltern, mit Tanten, Großeltern und Enkelkindern. Selbst einige bereits erwachsene ehemalige Pflegekinder wollen vorbeischauen. „Wir essen dann in zwei Schichten, anders geht es nicht“, sagt die 63-Jährige und lacht laut auf. „Erst sind die Kinder dran, dann die Erwachsenen.“

Und wenn an diesem Abend ein Spaziergänger am Wohnzimmerfenster von Familie Rothkrantz vorbeiziehen und in die hell erleuchteten Räume einen Blick werfen sollte, dann wird er sicherlich eine Menge glücklicher und zufriedener Gesichter erkennen. Er wird Menschen sehen, die gemeinsam Geschenke auspacken und Plätzchen naschen – es wird ein Bild sein, das den weihnachtlichen Ursprungs-Gedanken wohl kaum wahrhaftiger widerspiegeln kann.

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