Oberer Steinweg: Die Zwischenbilanz fällt eher mager aus

Von: Nadine Preller
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Schließungen, wohin das Auge
Schließungen, wohin das Auge reicht: Am 22. November 2008 wurde der obere Steinweg wieder für den Autoverkehr geöffnet. Man erhoffte sich, neue Kundschaft in das bedrohte Viertel zu bringen. Fehlanzeige. Foto: N. Preller (6)

Stolberg. Fast vier Jahre ist es jetzt her, da griff Bürgermeister Ferdi Gatzweiler feierlich zur Schere und durchschnitt ein rot-goldenes, quer über den Steinweg gespanntes Band mit den Worten: „Ich bin sicher, in zehn bis 15 Jahren wird es hier schon wieder ganz anders aussehen”.

Damals, am 22. November 2008, wurde der obere Steinweg wieder für den Autoverkehr geöffnet. Rund 20 Jahre, nachdem aus der 500 Meter langen Flaniermeile eine Fußgängerzone geworden war.

Verstaubte Ladenfenster

Man versprach sich damals viel von der Öffnung, nicht nur Gatz­weiler hoffte, dass in die schon damals zu einem Drittel leerstehenden Ladenlokale wieder Leben einkehren würde. Die Zwischenbilanz fällt allerdings mager aus: Die Aufhebung der Fußgängerzone hat anscheinend nichts am Leerstand geändert. Hinter verstaubten Ladenfenstern blicken dem Spaziergänger meist vermüllte und verlassene Lokale entgegen. Ansehnlich dekorierte Auslagen müssen zurückstecken gegenüber den zuplakatierten Fenstern, an denen großflächig Zettel befestigt sind: „Ladenlokal günstig zu vermieten”. Der Ladenleerstand im Steinweg ist und bleibt ein Dauerthema.

Was im Zuge der teilweisen Öffnung für den Autoverkehr in vielen Augen zusätzlich schiefgelaufen ist: „Für die neuen Parkplätze auch noch Geld zu verlangen”, sagt Vasili Tafralidis. Seit 1981 betreibt er eine Änderungsschneiderei im Steinweg, ist auf Stammkundschaft angewiesen. Denn Laufpublikum - das komme hier schon lange nicht mehr vorbei. „Wenn jetzt meine Stammkunden auch noch dafür bezahlen müssen, dass sie bei mir für eine halbe Stunde vorbeischauen, dann bleiben die auch noch weg.” Dem pflichtet Heidi Krajewski bei. Seit 1988 betreibt sie Nova Moden im Steinweg. „Die Öffnung für den Autoverkehr hat eigentlich keine Veränderung gebracht”, sagt sie. Auch Krajewski ist auf langjährige treue Kunden angewiesen, „die kommen zwar so oder so; aber bei der Öffnung ging es ja um neue Kundschaft”. Doch die bleibt fern, dafür schließen immer mehr Läden.

Rückblick in die Mitte der 80er Jahre: Etwa einen halben Kilometer ist der Steinweg befahrbares Bindeglied zwischen Zweifaller Straße bis zur Sonnentalstraße, zählt über 90 Ladenlokale. Eine Hauptverkehrsachse mitten in der Innenstadt. Zum Einkaufen lädt das nicht ein, befand man damals. Die Stadtväter planten eine verkehrsberuhigte Zone, auf Wunsch der Anlieger aber wurde die Einkaufsstraße eine Flaniermeile. „Ein Schuss in den Ofen”, wie Tafralidis heute bilanziert und deprimiert nachlegt: „Der Zug für uns ist wohl bald abgefahren.”

Mehr noch, es sei ein Teufelskreis. Je mehr Geschäfte schließen, desto weniger Leute besuchten den Steinweg, blieben ergo auch von den anderen Läden fern. Von gegenseitigem Befruchten keine Spur. „Ich würde hier auch kein Geld mehr in einen Laden stecken, wenn ich hier neu wäre. Der wäre doch zum Sterben verurteilt!”

Eine traurige Wahrheit, der sich wohl auch Patric Peters, Sprecher der Gesellschaft für Stadtmarketing Stolberg, stellen muss. „Wenn keine nächste Generation nachrückt, stirbt der Einzelhandel im Steinweg über kurz oder lang aus.” Doch noch hat Peters nicht aufgegeben: gemeinsame Werbeaktionen der Steinweg-Geschäftsleute stünden fortlaufend auf dem Programm, verkaufsoffenen Sonntage, „die den Umsatz mal eben um 20 Prozent steigern” könnten.

Sorgenkind Nummer Eins

Einen Knackpunkt sieht Peters wie die Geschäftsleute im Bezahlparken, er plädiert für kostenfreies Parken mit Parkscheibe. „Niemand geht hier länger als 1,5 Stunden einkaufen.” Das kostenlose Parken würde die Leute locken und dem Problem Steinweg vielleicht noch mal eine andere Richtung geben.

„Die Leute sind eben bequem, die fahren am liebsten mit dem Wagen direkt ins Geschäft. Die Möglichkeit müssen wir ihnen geben - und zwar kostenfrei.” Doch der Stadtmarketing-Sprecher warnt auch, sich nicht allzu sehr auf den Steinweg zu versteifen, nur weil der das Sorgenkind Nummer Eins sei. „Im Steinweg kriegen wir keine blühenden Landschaften mehr hin”, ist Peters überzeugt. „Aber wir haben noch andere Baustellen, wo wir schnell anpacken müssen, bevor es da auch zu spät ist.” Auf Peters Agenda steht beispielsweise die Rathausstraße und die Stadthallenpassagen. Rewe werde im kommenden Jahr die Räumlichkeiten verlassen, die höheren Etagen stünden schon seit längerem leer. „Es gibt sogar Mieter, die nachziehen wollen, aber der Eigentümer lässt nicht mit sich reden”, erklärt Peters sichtlich verärgert. Dennoch versucht der Mann auch, nicht alles zu Schwarz zu malen.

Viele Städte in der Größenordnung Stolbergs seien von dem Problem Ladenleerstand betroffen. „Das Kaufverhalten der Menschen ändert sich eben, die zieht es immer mehr in die großen Passagen in den Randgebieten.”

Vielleicht sind ja auch ganz neue Ideen für den Steinweg eine Lösung? Weg von der klassischen Flaniermeile, hin zu anderen Konzepten, wie Architekt Klaus-Josef Kaesler kürzlich unserer Zeitung erklärte (Artikel vom 11. Oktober 2012; „Lebensraum anstelle einer Geschäftsmeile”). Kaesler sieht den Steinweg als Wohnraum und „Wohnfühlort”: Die schmalen Stadthäuser in Einfamilienhäuser umwandeln, im Steinweg spielende Kinder, die nahe gelegene Vicht wieder erlebbar machen. Über Kaeslers Ideen nachdenken könnte sich lohnen.
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