Stolberg-Büsbach - Obdachlose und Flüchtlinge feiern Weihnachten am Kelmesberg

Obdachlose und Flüchtlinge feiern Weihnachten am Kelmesberg

Von: Lukas Franzen
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Ein ereignisreicher Tag am Kelmesberg: Vertreter der Stadt beschenkten die dort untergebrachten Flüchtlingskinder. Foto: L. Franzen
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Der Sozialdienst Katholischer Männer (SKM) spendierte ein Weihnachtsessen für alle Bewohner. Foto: L. Franzen
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Für festliche Stimmung sorgt ein geschmückter Tannenbaum vor den Unterkünften. Davor: die selbst gebaute Krippe des obdachlosen Bewohners René van Thriel. Foto: L. Franzen

Stolberg-Büsbach. René van Thriel ist erleichtert. Kurz vor Heiligabend ist seine Krippe fertig geworden. Drei Wochen hat der Bewohner der Obdachlosen- und Flüchtlingsunterkünfte am Büsbacher Kelmesberg an ihr gearbeitet. Hausmeister Peter Nießen hat ihm seine leeren Zigarrenkisten geschenkt. Aus ihnen ist der Stall entstanden, in dem kleine Figuren die Geburt Jesu nachstellen.

Für ein wenig Weihnachtsatmosphäre vor den tristen Mauern der Häuserblocks am Kelmesberg sorgt jedoch nicht nur die Krippe. Hinter ihr steht ein großer Tannenbaum, den van Thriel und seine Freundin Melanie Schroof mit gespendetem Weihnachtsschmuck und einer Lichterkette dekoriert haben.

Obdachlose, Suchtkranke, Menschen mit anderen Krankheiten, die als „austherapiert“ gelten, aber längst nicht geheilt sind, leben hier am Rande von Büsbach auf engstem Raum – gemeinsam mit Flüchtlingsfamilien. Nicht nur Pessimisten würden den hier lebenden Menschen einen schweren Stand in der Gesellschaft und noch schwerere Aufstiegschancen bescheinigen. Und dennoch kommt der beleuchtete Weihnachtsbaum auf dem Kelmesberg in diesen Tagen wie ein kleiner Hoffnungsschimmer daher. Als habe sich René van Thriel bei seiner Aktion an ein Sprichwort erinnert, das besagt: „Wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“

„Wenn mir die Decke auf den Kopf fällt, suche ich mir eben Beschäftigung“, sagt der gebürtige Stolberger, der seit einem Jahr am Kelmesberg untergebracht ist, zu seiner Krippenidee. Gerne würde er sich eine geringfügige Beschäftigung und eine andere Bleibe suchen, wie er sagt. „Aber wer Kelmesberg im Personalausweis stehen hat, kommt hier so schnell nicht mehr weg.“

Trotz dieser Enttäuschungen, die die Bewohner immer wieder zurückwerfen, habe sich auf dem Kelmesberg einiges zum Positiven entwickelt, berichtet Andreas Dittrich, Mitarbeiter des Sozialdienstes Katholischer Männer (SKM). „Auf einen Sicherheitsdienst können wir mittlerweile gänzlich verzichten. Und keine Obdachlosenunterkunft in der Region ist in Sachen Sozialarbeit so gut betreut wie unsere.“ So wie der Sozialarbeiter sieht es auch SKM-Geschäftsführer Jörg Manfred Lang. „Wir bauen hier zwar nicht mit Backsteinen, sondern mit Kieselsteinen.“ In kleinen Schritten sei es aber gelungen, die Gegend rund um den Kelmesberg „zu befrieden“, sagt Lang und hofft, dass die Zeiten, in denen Bewohner ein Auto in Flammen setzten, Feuerwehrmänner anschließend mit Flaschen bewarfen und Anwohner regelmäßig die Polizei riefen, endgültig der Vergangenheit angehören. Und dann sagt Lang: „Es gab Jahre, da hätte die Krippe keinen Tag gestanden.“ René van Thriels Weihnachtsaktion also nicht nur ein Zeichen der Hoffnung, sondern auch des friedlichen Zusammenlebens? Vielleicht.

Fest steht: Nicht nur die Krippe und der geschmückte Baum erinnern an diesem Tag an Weihnachten. Bereits mittags haben Bürgermeister Tim Grüttemeier, sein Stellvertreter Patrick Haas und Sozialdezernent Robert Voigtsberger Geschenke für die Flüchtlingskinder und Jugendlichen am Kelmesberg vorbeigebracht. Anschließend fuhren sie weiter zur zweiten zentralen Flüchtlingsunterkunft in der Wiesenstraße. 43 Kinder zwischen einem Jahr und 14 Jahren wollte die Stadt damit eine Freude bereiten. Stofftiere und Spiele wurden überreicht. Sogar MP3-Spieler befanden sich in den Päckchen, gespendet vom Sozialkaufhaus der Wabe und der Stolberger Seniorenvertretung.

Am Abend dann die nächste Überraschung: Der Lieferwagen eines Cateringunternehmens bringt Gulaschsuppe für alle Bewohner. Der Sozialdienst Katholischer Männer hat zum gemeinsamen Weihnachtsessen eingeladen. Rainer Becker, ein Mann mit langem Bart und einer Kochmütze, steht in der Küche der Kantine des Hauses, in dem Gemeinschaftsräume für die Bewohner eingerichtet sind, und schenkt die Suppe aus. Becker ist gelernter Koch. Danach arbeitete er viele Jahre als Reisebusfahrer. Dann wurde er schwer krank. Jetzt wohnt der 58-Jährige am Kelmesberg, wo er sich um die Küche kümmert. „Ja, ich gehörte einmal zu der so genannten Mittelschicht“, sagt Becker und wirkt dabei nicht verbittert. Arbeiten könne er wegen seiner Krankheit nicht mehr, doch sein Traum sei, auf dem Kelmesberg eine Suppenküche zu eröffnen. „Bisher ist aber niemand bereit, mich dabei zu unterstützen. Und mir fehlen die finanziellen Mittel dazu.“

Geschenke, sagt Becker, würden unter den Bewohnern an Heiligabend eher selten ausgetauscht. „Aber in den vergangenen Jahren saßen wir oft zusammen und haben in Erinnerungen geschwelgt.“ Gut möglich, dass Becker auch an den Weihnachtstagen in der Küche aushelfen wird und gemeinsam mit Sozialarbeiter Andreas Dittrich und anderen Bewohnern kocht. „Wir werden noch einen großen Weihnachtsbaum in der Kantine aufstellen und einige Lebensmittelpakete der Stolberger Tafel verlosen“, sagt Dittrich, der selbst die beiden nächsten Nächte am Kelmesberg verbringt. Für die eigene Familie bleibt da erst am zweiten Weihnachtstag Zeit.

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