Stolberg - Nicht nur die Ohrfeige wird vielfach geübt

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Nicht nur die Ohrfeige wird vielfach geübt

Von: Heike Eisenmenger
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Was Späße am Mittagstisch anbetrifft, kennt Vater Treugott (Marco Schüller) kein Pardon. Zum Glück für Lukas Schwaderlapp alias Parsifal, dass sein Schauspielkollege nur so tut als ob. Foto: H. Eisenmenger

Stolberg. Schon beim Klang seiner leicht näselnden, wohl formulierenden Stimme weiß man, was für ein Mensch Professor Dr. Traugott Hermann Nägler ist. Er ist einer von der Sorte „tugendhafter Moralwächter”, einer, für den Spaß gleichbedeutend ist mit Sünde.

In dieser Geisteshaltung haben Traugott und seine Gemahlin auch die gemeinsamen zwölf Kinder erzogen. Artig aufgereiht sitzt die Kinderschar an der Tafel, doch bevor zu Mittag gegessen wird, lässt Vater Treugott seine Familie erst französische Verben durchkonjugieren. Ungebührliches Verhalten wie lautes Lachen oder gegenseitiges Knuffen unter dem Tisch zieht sofortige Bestrafung nach sich, und der Vater verteilt an seine Kinder gar die eine oder andere Ohrfeige.

Traugott Nägler heißt im wahren Leben Marco Schüller, ist Mitglied der Breiniger Theatergruppe „Applaus” und alles andere als eine Spaßbremse. Im wirklichen Leben klingt seine Stimme ganz anders. Während des kompletten Theaterstücks den veränderten Sprachmodus beizubehalten. „Das ist mit das Schwerste”, verrät der 28-Jährige.

Es wird eifrig geprobt für die Premiere der Theateraufführung „Das Haus in Montevideo” von Curt Goetz. Die Komödie stand bereits 1991 auf dem Spielplan und wird zum 20-jährigen Bestehens des Ensembles erneut gezeigt.

Es ist eng in dem ehemaligen Schulpavillon in Walheim, der zum Proberaum umfunktioniert worden ist. Gut 20 Mitglieder tummeln sich hier. Clemens Bauer ist einer von ihnen. Wie damals, so schlüpft er auch dieses Mal in die Rolle des Pastors Riesling. „Nur mit dem Unterschied, dass ich etwas älter geworden bin”, sagt der 43-Jährige lachend. Beim Lernen der Texte hatte es Bauer darum etwas einfacher als seine Mitstreiter.”

Jeder der Schauspieler hat seine eigene Technik. Christian Pfaff (28 Jahre), der den Schwiegersohn in spe spielt, schwört auf das visuelle Lernen. „Ich stelle mir eine logische Bilderfolge vor, dann ist es viel einfacher, den Text auswendig zu lernen”, beschreibt Pfaff.

Karla Preckel, die die treu sorgende Ehefrau zum Besten gibt, übt hingegen am liebsten beim Bügeln. „Erstmal lese ich mir das komplette Drehbuch durch, um dann Passage für Passage durchzuarbeiten”, beschreibt die 53-Jährige ihre Lernmethode.

Bei den ersten fünf bis sechs Proben halten die Schauspieler ohnehin noch den Text in der Hand, erzählt Regisseur Heinz Milcher, der auch eine kleine Nebenrolle beim Jubiläumsstück besetzt. Er ist einer der Mitbegründer der Theatergruppe, die eine eigenständige Abteilung im Eifel- und Heimatverein in Breinig bildet.

Auch Kinder und Jugendliche sind dabei. Mit sechs Jahren ist Sebastian Ostlender der Jüngste in der Truppe. Der junge Mann mimt eines der zwölf Kinder. Seine große Schwester Atlanta spielt Franziska Fellerhoff (17).

Die Figur der Atlanta ist eine der Hauptrollen im Stück. Die Breinigerin ist bereits ein „alter Hase” im Genre, „Das Haus in Montevideo” die dritte Aufführung, bei der die junge Frau mitwirkt. „Sich in die Rolle reinzuversetzen, das macht totalen Spaß. Außerdem verstehen wir uns in der Gruppe auch alle prima”, berichtet Franziska.

Auf die Frage, was wäre, wenn ein Regisseur im Publikum säße und sie entdecken würde, antwortet die 17-Jährige ohne Zögern: „Klar würde ich die Chance ergreifen! Und wenn es nicht klappt, werde ich halt wie geplant Jura studieren.”

Unerlässlich bei einer jeden Theaterführung ist die Souffleuse. Sie sitzt für den Zuschauer unsichtbar in einer Box vor der Bühne, hilft über Texthänger hinweg. Für die 53-jährige Angelika Redecker ist der Auftritt als Souffleuse eine Premiere. „Zu Beginn der Proben muss man noch oft helfen, dann aber immer seltener. Es geht ja vor allem um die Gewissheit, dass im Notfall jemand zur Stelle ist und einem aus der Patsche hilft.”

Die Art und Weise, wie die einzelnen Figuren gespielt werden, bestimmen die Laienschauspieler im Großen und Ganzen selbst. „Wir reden im Team drüber, aber da ist niemand, der Vorschriften macht”, versichert Regisseur Milcher. Die Idee, die Rolle des Treugotts mit näselnder Stimme zu spielen, hat sich Schauspieler Marco Schüller vom Original abgeguckt. „Das Stück ist verfilmt worden. Curt Goetz als Treugott gefiel mir wesentlich besser als Heinz Rühmann in dieser Hauptrolle”, stellt Schüller klar und ergänzt: „Den moralisch versauerten Oberlehrers zu spielen, ist schon eine interessante Erfahrung.”

Heinz Milcher gibt das Zeichen zum Probenbeginn, Schüller verfällt augenblicklich wieder in den Sprechmodus des Treugotts, was den jungen Mann binnen Sekunden um Jahre älter wirken lässt.

Treugott zitiert seinen Sohn Parsifal (Lukas Schwaderlapp, 16 Jahre) zu sich und verabreicht ihm für ungehöriges Verhalten eine Watschen verabreicht. Die Szene mit der Ohrfeige muss mehrmals wiederholt werden. Ein Glück für Schwaderlapp, dass Schüller nur so tut, als würde er ihm eine „kleben” - und das mit näselnder Oberlehrerstimme.
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