„Netto“ durch Zincoli-Projekt in Gefahr

Von: Jürgen Lange
Letzte Aktualisierung:
6112552.jpg
Wirtschaftliche Überlebensfähigkeit gerät durch neue Märkte auf dem Zincoli-Gelände in Gefahr: Der Netto an der Prämienstraße wurde erst im vergangenen Jahr modernisiert und erweitert. Foto: J. Lange
6112559.jpg
Hat vor drei Jahren das E-Center als selbstständiger Kaufmann übernommen: Enser Cevik. Foto: J. Lange
6112565.jpg
Muss kurz vor der Eröffnung im September mit Konkurrenz rechnen: Lidl ersetzt seine Filiale auf der gegenüberliegenden Seite der Ardennenstraße. Foto: J. Lange

Stolberg. Im vergangenen November wurde nach grundlegender Renovierung und Erweiterung die Netto-Filiale in Münsterbusch wieder eröffnet. An der Prämienstraße bietet der Discounter seitdem 900 Qudaratmeter Verkaufsfläche und ein Café mit über 100 Quadratmetern. Eine Investition des Edeka-Konzerns, die in Gefahr gerät.

Das geht aus der Analyse der Auswirkungen auf den Einzelhandel hervor, die im Rahmen der geplanten Ansiedlung eines Bau- und Gartenmarktes auf dem ehemaligen Zincoli-Gelände an der Mauerstraße erstellt wurde. Dort engagiert sich der Rewe-Konzern nicht nur mit seiner Baumarktkette „toom“ auf 6800 qm (als Ersatz für den Markt an der Mauerstraße mit 3500 qm), sondern auch mit einem Verbrauchermarkt auf 2500 qm und einem Discounter mit 1000 qm; vorgesehen ist außerdem ein Drogeriemarkt mit 1000 qm Verkaufsfläche.

Projekt der Strabag Real Estate

Dieses Engagement hat auch Auswirkungen auf das E-Center, das Enser Cevik vor drei Jahren aus der Konzernregie als selbstständiger Kaufmann übernommen hat. Cevik selbst wird auch die Regie des neuen Edeka-Marktes in Atsch übernehmen, um den jetzt nach Münsterbusch kommenden Kunden treu zu bleiben.

Die Realisierung auf dem Kistenplatz beginnt, „sobald die Baugenehmigung vorliegt“, so Investor Dirk Schlun, in wenigen Wochen: Edeka (1500 qm Verkaufsfläche), der Getränkemarkt Trinkgut (680 qm), der Discounter Netto  (800 qm) und der Drogeriemarkt dm (800 qm) werden dann mehr als nur die Nahversorgung des Stadtteils Atsch sichern.  „Ob nun aber Münsterbusch zwei Vollsortimenter verkraften kann, darf bezweifelt werden“, zeigt sich Cevik skeptisch.

Das von der Kölner Strabag Real Estate forcierte Einkaufszentrum in Münsterbusch „wird die bestehenden Handelsstrukturen in Stolberg sehr unterschiedlich betreffen“, erklärt Fachbereichsleiter Andreas Pickhardt bei der Auswertung des Gutachtens, das die Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung mbH (GMA) im Auftrag des Investors erstellt hat.

Dabei kennt die Kölner GMA Stolberg sehr detailliert; denn sie hatte bereits im Jahr 2004 das Nahversorgungs- und Einzelhandelsgutachten für die Kupferstadt im Vorfeld der Ansiedlung von Kaufland und Burg-Center in Oberstolberg erstellt. Nun analysierte die GMA, wie sich das Strabag-Projekt in die Einzelhandels-Landschaft Stolbergs und der umgebenden Kommunen einfügt, anhand eines Vergleichs der prognostizierten Umsätze auf dem Zincoli-Gelände mit den angenommenen Umsätzen bestehender Betriebe.

„Im Wesentlichen ist der Einzelhandel im Nahversorgungszentrum Münsterbusch und indirekt auch in Ober- und Unterstolberg betroffen“, berichtet Pickhardt in seiner Vorlage, die der Ausschuss für Stadtentwicklung in einer Sondersitzung am 10. September direkt vor Hauptausschuss und Stadtrat behandelt.

„Mit dem Satzungsrecht rechnen wir für das erste Quartal 2014“, möchte Strabag-Bereichsleiter Rainer Maria Schäfer dann gleich die Bauanträge bei der Stadt einreichen. „Die Vorbereitungen dafür und Gespräche mit weiteren Mietern laufen parallel weiter.“

Derweil wachsen die Sorgen im Münsterbuscher Einzelhandel. „Die Zahl der potenziellen Kunden wird ja nicht unbedingt mehr“, prognostiziert Cevik eine verschärfte Konkurrenz. Im kommenden Monat wird sich die Wettbewerbssituation weiter verschärfen, wenn auf der Liester die neue Lidl-Filiale eröffnet. 400 Meter entfernt vom Netto-Markt präsentiert sich der Discounter dann auf 1200 qm Verkaufsfläche mit seiner neuen Filialgeneration, die laut Konzern 100 Prozent weniger Heizenergie, 30 Prozent weniger CO2-Ausstoß und 10 Prozent weniger Stromverbrauch im Vergleich zu einem herkömmlichen Lebensmittelmarkt bietet.

Mit dem Strabag-Projekt wird es aus Gutachtersicht „in der hier anzunehmenden Worst-Case-Betrachtung“ – also im schlimmsten Fall  –  „zu erheblichen Umsatzverteilungseffekten gegenüber dem in räumlicher Nähe befindlichen Discountmarkt an der Prämienstraße kommen“. Ein wirtschaftlich nachhaltiger Betrieb dieses Anbieters sei nicht sichergestellt, obwohl der Netto als modern und leistungsfähig eingestuft werde. Aber selbst ein Ausscheiden dieses Discounters würde „keine wesentlichen negativen Auswirkungen für die Versorgungsstruktur“ in  Münsterbusch und darüber hinaus haben, so die GMA, da diese durch die übrigen Anbieter vor Ort gesichert werde.

Deutlich spürbare Auswirkungen

Die Konkurrenz bekommt auch das E-Center Cevik wegen direkter Nachbarschaft und gleichen Systemhintergrundes zu spüren. „Die Umverteilungswirkungen werden deutlich spürbar sein“, so die GMA, die aber davon ausgeht, dass  „trotz der zu erwartenden Höhe ein wirtschaftlicher Betrieb unter Berücksichtigung der eigenen Leistungsfähigkeit auch bei einer deutlichen Wettbewerbsverschärfung aufrechterhalten werden kann.“ Verstärkt werde auch der neue Lidl-Markt betroffen, der mit 900 Kunden im Tagesschnitt kalkuliert hat.

Alleine für den Versorgungsbereich Münsterbusch wird mit einer Umsatzumverteilung von bis zu 4,4 Millionen Euro (19 Prozent) gerechnet. Aldi und Lidl im Prattelsack würden bis zu zehn Prozent Umsatzumverteilung bei Nahrungs- und Genussmitteln verzeichnen. Mit rund 1,5 Millionen Euro (9 Prozent) werde das geplante Einkaufszentrum auf dem Kistenplatz betroffen. Außerhalb der Kernstadt liegt das Volumen bei 3,6 Millionen Euro (davon 2,7 Millionen Euro Nahrungs- und Genussmittel), was die Märkte in Büsbach, Breinig, Mausbach und Gressenich treffen wird.

6,8 Millionen Euro mehr Kaufkraft

Insgesamt gehen die Gutachter davon aus, dass das Strabag-Projekt mit seinen vier Märkten eine Umsatzleistung von über 27 Millionen Euro generieren wird. Bei Genuss- und Nahrungsmitteln wird eine Umverteilung des Umsatzes in Höhe von rund 10,3 Millionen Euro erwartet, während lediglich mit einer geringen Erhöhung an Zuflüssen und Bindung von Kaufkraft zu rechnen sei. Bei Drogerieartikeln summiert sich die Umverteilung auf 2,8 Millionen Euro – vor allem zu Lasten der beiden Rossmann-Filialen in Oberstolberg und des projektierten „dm“ in Atsch– , bei Spielwaren auf 0,3 Millionen Euro sowie bei Schreib- und Haushaltswaren auf je 0,2 Millionen Euro. Für letztere Sortimentsbereiche erwägt die Stadt Regelungen im Bebauungsplan, um die Situation zu entschärfen.

Im Sortimentsbereich Bau-, Heimwerker- und Gartenbedarf rechnet die GMA zwar mit einer zusätzlichen Bindung von Kaufkraft, aber auch einer Umsatzverteilung von rund 1,1 Millionen Euro – vor allem zu Lasten von toom Breinig und Praktiker, aber auch Obi und Praktiker in Brand.

Dagegen rechnet die GMA mit einer Rückholung von Kaufkraft nach Stolberg in einem Umfang von insgesamt 6,8 Millionen Euro, 4,8 Millionen Euro davon bei Nahrungs- und Genussmitteln sowie Drogeriewaren.

Leserkommentare

Leserkommentare (2)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert