Stolberg - Mit Hochgeschwindigkeit auf der Datenautobahn

Mit Hochgeschwindigkeit auf der Datenautobahn

Von: Jürgen Lange
Letzte Aktualisierung:

Stolberg. Bei „TCO“ verspricht sich Leoni Kerpen einen klaren Wettbewerbsvorteil auf dem Weltmarkt. Die drei Buchstaben stehen für den betriebswirtschaftlichen Begriff „total cost of ownership“, was so viel wie die Betrachtung der Gesamtbetriebskosten eines Projektes bedeutet.

Sie sind für Martin Moser und Wolfgang Schuh der beste Grund, sich für Produkte aus dem Hause am Nachtigällchen zu entscheiden. Denn die vielleicht teureren und komplexen Systemlösungen versprechen bei einer Betrachtung der gesamten Kosten eines Investitionsvorhabens letztlich die günstigere Wahl zu sein.

Mit neuen Produkten, optimiertem Vertrieb, umfassendem Service sowie eigener und intensivierter Forschung und Entwicklung möchte die Geschäftsführung das Stolberger Werk am Markt besser aufstellen. Dies ist neben einer Kostenoptimierung am Standort das zweite Standbein des Restrukturierungskonzeptes, das vor gut einem Monat zwischen den Tarifparteien und der Geschäftsführung vereinbart wurde, um das Stolberger Werk nachhaltig wirtschaftlich aufzustellen.

Arbeitsplätze abgebaut

Dem Abbau von 104 Arbeitsplätzen und Einbußen beim Lohn steht eine Garantie für mindestens 400 Arbeitsplätze und 20 Millionen Euro an Investitionen gegenüber. Die Hälfte davon fließt in neue Maschinen, um auch bei der Herstellung „up to date“ sein zu können.

Dabei möchte Leoni Kerpen diese Nase ganz weit vorne haben in der Datenübertragung. Übertragungsraten von 100 Gigabit pro Sekunde über vierpaarige Kupferkabel sollen technologisch und wirtschaftlich möglich werden – bislang sind noch 10 Gbit/s machbar. Die Stolberger sind Partner in einem Entwicklungsprojekt, das von Bundesministerium für Forschung und Technologie an der Universität Reutlingen gefördert wird. Gelingt der Technologiesprung wird die Schnelligkeit von Glasfasernetzen übertrumpft, und der Werkstoff Kupfer kann seine Vorteile ausspielen.

Etwa den der einfachen Installation, Verarbeitung und Konfektionierung, erklärt Wolfgang Schuh und verweist auf die Aufrüstung von Rechenzentren. Die Steigerung der dort vorgehaltenen Kapazitäten ist unerlässlich für den Trend der Speicherung in „Clouds“ – in virtuellen Wolken, aus denen Daten jederzeit mobil abrufbar sind. Tatsächlich sind sie in Rechenzentren hinterlegt, die über hohe Kapazitäten verfügen müssen, um große Datenmengen schnell liefern zu können. Problem einer Nachrüstung eines Rechenzentrums sind die bislang erforderliche Stillstandzeiten dafür. „Da kostet ein Tag schnell mehr als 100.000 Euro“, so Schuh.

Resistent gegen Öl und Salz

Die Lösung von Leoni Kerpen vermeidet solche Kosten: Links, Kupferkabel mit spezifizierten Steckerverbindungen, deren Länge einfach den Erfordernissen angepasst werden können. „Sie können nicht nur einfach und schnell installiert werden“, erläutert der Geschäftsführer, „sondern das ist auch während des laufenden Betriebs“ möglich, wobei neue Stecker sogar abwärts kompatibel sind. Mehrkosten für diese intelligentere Kabellösung würden so rasch amortisiert.

Eine noch größere Ersparnis sei mit Betrachtung der Gesamtbetriebskosten möglich, wenn das Stolberger Unternehmen nicht nur die Kabelsätze alleine liefere, sondern die Datennetzwerklösung gleich komplett konzipieren und anschließend warten könne. Wovon natürlich auch das Stolberger Unternehmen profitiere. Eine derartige Konnektivität aus der Kupferstadt überzeugte auch die Fachhochschule Bielefeld, die Europäische Zentralbank und die Bundesbank, bei deren Umstellung der Rechenzentren die Stolberger zum Zuge kamen.

Dabei hat Leoni Kerpen nicht nur bereits auf die neueste Industrienorm für Steckerverbindungen, die Kategorie 8, im Portfolio, bei dem die „Steckgesichter“ einfach ausgetauscht werden können, sondern will in wenigen Wochen mit der Steigerung Übertragungsraten durch kupferbasierte Steckerverbindungen auf 40 Gbit/s den Vorsprung auf dem Markt ausbauen.

Dies gilt auch für den Geschäftsbereich industrieller Großprojekte. „Wir haben konsequent an Systemen zur Verkabelung von Solarthermiefeldern gearbeitet“, verweist Martin Moser auf ein junges Geschäftsfeld.

Nachdem ein erster Auftrag erfolgreich abgewickelt wurde, erwartet Leoni Kerpen bei zwei weiteren Großprojekten noch in diesem Jahr einen Zuschlag. „Wir rechnen uns gute Chancen aus, nicht nur für das Kabelpaket, sondern auch für die komplette Ingenieursplanung beauftragt zu werden“, zeigt sich Moser zuversichtlich. Denn was für das Geschäftsfeld der Datenkommunikation gilt, gilt für industrielle Großprojekte erst recht. Bei einer ganzheitlichen Konzipierung aus einer Hand spare der Financier wesentlich größere Summen ein als er für besseres Equipement investieren müsse. „Das ist eine klassische Win-Win-Situation“, sagt Moser.

Beide Seiten profitieren vom wirtschaftlichen Erfolg. Das kann für den Kunden dann schon 10 bis 15 Prozent seiner Investitionskosten ausmachen, wenn vom Kabelart und -Verlauf über Sicherungen und Trafos bis hin zur Wartung alle Elemente aufeinander abgestimmt sind. „Die Folgekosten der Wartung werden zusätzlich eingespart“, so Moser. Entsprechend wandeln sich auf der Vertriebsseite die Ansprechpartner. Müssten Projektingenieure bei der Beschaffung von simplen Kabeln auf die Einhaltung ihres Budgets achten, so suchen Moser und Schuh nun den direkten Kontakt zum investierenden Kunden und seinen Financiers, um die Kostenvorteile eines ganzheitlichen Ansatzes an den Mann zu bringen.

Allerdings schlägt sich der wirtschaftliche Erfolg solcher Geschäfte angesichts der langen Vorlauf- und Entwicklungszeiten erst mit Verzögerung in den Büchern nieder. Dabei ist auch zu bedenken, dass bei derart großen Solarthermiefeldern aus Kostengründen stets zuerst ein Pilotfeld in Betrieb genommen werde. Ist es erfolgreich justiert, werden die Erkenntnisse auf die übrigen Einheiten übertragen. „Das liegt an der komplexen Abstimmung von Turm und Spiegelfeldern“, erläutert Schuh.

Aus vergleichbarem Grund können Umsätze auch bei der Gas- und Öl-Raffinerie erst nach längerem Vorlauf realisiert werden. Auch für diesen Anwendungsbereich wartet Leoni Kerpen mit Innovationen auf.

„Dank der Unterstützung aus dem Konzern ist es uns gelungen, für Offshore-Anwendungen ein neues Kabel zu entwickeln, das sowohl polare wie unpolare Manteleigenschaften besitzt aufweist“, verrät Moser. Damit besitze es die stabilen Eigenschaften, die auf See erforderlich sind: Das Kabel hält Öl ebenso wie Salzwasser stand. Dabei wurden die Erfahrungen der Schweizer Schwestergesellschaft Leoni Studer mit Werkstoffen und Kabelmänteln, die besonders UV beständig bzw. im Brandschutz bei Sicherheitskabeln oder in Zügen eingesetzt sind, auf den neuen Werkstoff übertragen.

Kabel für tiefste Minusgrade

Aufträge im Wert von 18 bis 20 Millionen Euro schätzt Moser das aktuelle Potenzial inklusive einzelner Großprojekte auf Sicht der nächsten fünf Jahre. Angesichts der Erschließung neuer Vorkommen vor den Küsten Südamerikas sehen die Stolberger weitere lukrative Perspektiven.

Gewinnbringend für den Hersteller wie für seine Kunden verspricht auch eine zweite Innovation zu werden: Kabel für die Branche, die bei Temperaturen von bis zu minus 30 Grad verlegt werden können. „Damit können Raffinerien in einem statt in zwei Jahren ans Netz gehen“, erklärt Moser. Das bedeute einen Kostenvorteil von 30 bis 50 Millionen Euro pro Woche frühere Inbetriebnahme für die Kundschaft.

Mit solchen neuen Produkten in den Geschäftsfeldern Datenkommunikation und Großprojekte auf der einen und geringeren Herstellungskosten auf der anderen Seite wollen Martin Moser und Wolfgang Schuh nach mehreren schwierigen Jahren das Stolberger Unternehmen wieder in die nachhaltig Gewinnzone fahren und damit den Produktionsstandort in der Kupferstadt sichern.

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