Mauerfall war auch ein sportlicher Glücksfall

Von: Dirk Müller
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Von Chemnitz nach Stolberg: Robert Retschke hat auch als Sportler vom Mauerfall profitiert. Sein Trainingsgelände ist jetzt die Eifel. Foto: D. Müller

Stolberg-Dorff. Die Öffnung des „Eisernen Vorhangs” erlebte Robert Retschke in Bernau in der DDR genauso wie die meisten Westdeutschen: Er saß vor dem Fernsehgerät und betrachtete wie elektrisiert die Bilder von jubelnden Menschen, die sich auf offenen Grenzübergängen in die Arme fielen und um das Symbol der Teilung Deutschlands, der Berliner Mauer, feierten.

„Das war großartig, aber für uns schwer zu realisieren, wir wussten ja zunächst gar nichts mit der neuen Freiheit anzufangen”, kommentiert er aus Sicht der DDR-Bürger das Ende des Regimes.

Doch Retschke, der heute in Dorff lebt, nutzte die Freiheit schon bald und arbeitete auf eine Karriere als Radrennfahrer hin. Er besuchte die Realschule in Chemnitz, ging auf die Sportschule in Gera, bevor er in Köln 2003 als Profi für das Team Vermarc Sportswear fuhr.

Ein Jahr später kam er nach Stolberg, um für ComNet-Senges, dem heutigen Kuota-Indeland-Radsportteam von Markus Ganser, Rennen zu bestreiten. Seitdem ist Retschke Wahl-Stolberger - und das sehr gerne: „Ich mag es, in Stolberg zu leben und möchte so lange es geht hier wohnen. Außerdem bietet die Nähe zur Eifel mir ein optimales Trainingsareal.”

Für den Stolberger Profi-Rennstall würde er wohl heute noch fahren, wenn nicht 2006 mit der Verpflichtung für das Team Wiesenhof ein Sprung auf der sportlichen Karriereleiter gelockt hätte. Nach der Auflösung des Teams unterschrieb er einen Vertrag mit einem italienischen Rennstall, bei dem in letzter Sekunde ein deutscher Sponsor absprang.

„Nun stand ich kurz vor Beginn der Saison ohne Team da. Ich hatte Glück, noch bei dem süddeutschen Team Mapei Heizomat unterzukommen”, beschreibt Retschke seine Misere von 2008.

Derzeit tritt er für das Luxemburger Continental Team Differdange in die Pedale, das hauptsächlich Rennen in Frankreich, Belgien und den Niederlanden bestreitet. „Bei Differdange fühle ich mich sehr wohl, in dem international besetzten Team geht es immer familiär und lustig zu. Außerdem hat Luxemburg einen Mindestlohn, daher verdienen auch Radfahrer nicht schlecht,” beurteilt er seinen Arbeitsplatz.

Sportlich sitzt Retschke fest im Sattel: Der Deutsche Bergmeister der Jahre 2005 und 2006 wird in der Europäischen Wertung der UCI-Rangliste momentan auf Platz 117 geführt; zum Vergleich: Der Olympiasieger und Mannschaftsweltmeister Luke Roberts kursiert auf Rang 1201.

In der kommenden Saison will er noch einmal angreifen, um sich für ein Pro-Tour-Team zu empfehlen, denn wie jeder Profi träumt er davon, die Tour de France zu fahren. „Ich habe die besten Jahre meiner Karriere vor mir, meine Leistungsfähigkeit ist auf dem Höhepunkt. Selbst wenn ich mal schlechte Beine habe, fahre ich noch gut. Hinzu kommt, dass ich nach Wettkämpfen schneller regeneriere, denn je. Bei der Deutschen Meisterschaft im nächsten Jahr ist alles möglich”, verspricht der Dorffer Radprofi mit gesamtdeutscher Geschichte, dessen sportlicher Werdegang so in der DDR nicht möglich gewesen wäre.

„Profi werden konnte man ohnehin nicht. Aber auch um als Amateur in das Nationalkader zu kommen, musste man gewisse Kriterien erfüllen, an denen ich wohl gescheitert wäre”, meint Retschke zum Beispiel die Parteiangehörigkeit zur SED, die eine Grundvorraussetzung für die sportliche Laufbahn in der DDR war. Weiterhin wäre seine Verwandtschaft im Westen der Grund dafür gewesen, dass er an internationalen Rennen im Ausland wohl nicht hätte teilnehmen dürfen, da die Gefahr der Republikflucht bestanden hätte.

Sorgen um die Zeit nach dem Dasein als Profi-Sportler macht er sich nicht, denn Retschke hat eine abgeschlossene Berufsausbildung: „Ich bin gelernter Ver- und Entsorger der Wasserwirtschaft. Das ist ein Umweltberuf mit Zukunft, in dem ich nach meiner Radsport-Karriere arbeiten möchte.”
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