Made in Stolberg: Kleinste Bauteile die große Stärke

Von: Jürgen Lange
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Kein Blick in den Vorführraum eines Kinos, sondern in die Produktion der „esw“ : Auf Gurten werden die Bauteile angeliefert, bevor sie in Breinig mikrometergenau auf Platinen platziert und verlötet werden. Foto: J. Lange
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In Handarbeit oder automatisiert bestückt: Mehr als eine Million Bauteile verlassen jährlich die Fertigungsstraßen am Breiniger Kastanienweg.
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Heinz Willms (l.) und Artur Kreus führen als Gesellschafter auch die Geschicke des Unternehmens, das im neuen Jahr auf 30 Jahre blicken kann.
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Mikrometergenau: Eine Matrize zum punktuellen Auftragen von Lötpaste, mit der die Bauteile auf den Platinen befestigt werden.
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Service wird bei „esw“ groß geschrieben. Für Prototypen und Kleinserien werden Platinen sorgfältig von Hand bestückt.

Stolberg. Vor drei Jahrzehnten begann ein Stück Stolberger Industriegeschichte wie sie sich auch im Silicon Valley nahe San Francisco hätte zutragen können. Im Schatten der Aachener Universitäten entwickelten sich Anfang der 80er Jahre junge Unternehmen der rasant expandierenden Computerbranche.

Parsytec, Gesytec, GEI Rechnersysteme und Elsa sind nur einige der Firmen, die den Hightech-Standort der Region in den Anfängen mit prägten. Trotz modernster Technik – das Kreieren neuer Hardware war weitgehend mit Handarbeit verbunden. Platinen wurden mit viel Fingergefühl mit Widerständen, Kondensatoren, Schaltkreisen und anderen Bauteilen bestückt und verlötet.

Design wird individuell entwickelt

In dieser Zeit ist Heinz Willms 29 Jahre alt und Techniker bei der GEI Rechnersysteme, als 1985 die Idee reift, in Heimarbeit in Dorff noch überschaubare Stückzahlen zu fertigen. Im Kreise der Familie gründet die Geschichte der Firma „electronic service willms“ (esw), die sich dem Zeitgeist entsprechend entwickelt. Zu den ersten Kunden GEI und Gesytec kommen schnell weitere Abnehmer der im Auftrag gefertigten Produkte hinzu. Aus der heimischen Garage weicht das Start-up-Unternehmen 1987 in einen leer stehenden Bauernhof aus. Eine erste Maschine steigert den Output. 1992 steigt Dieter Podhajecky als Vertriebsspezialist und Gesellschafter in das Unternehmen ein. Und es folgt der nächste Schritt an den Standort am Breiniger Kastanienweg, wo die „esw“ heute in drei Gebäuden mit Verwaltung, Lager und Fertigung engagiert ist. Zu dem Zeitpunkt engagiert sich Schwager und Diplom-Ingenieur Artur Kreus als weiterer Gesellschafter. Der Kundenstamm wird ausgebaut.

Wie ein Spiegelbild der großen Soft- und Hardwarehäuser steigert sich die Mitarbeiterzahl kontinuierlich von drei im Gründungsjahr 1985 auf rund 160 im Spitzenjahr 2000. Aber die Prosperität spiegelt auch die Krisen der Branche wider. Das Ende manch hoffnungsvoll gestarteten Unternehmens bescherte der „esw“ auch Einbrüche. Heute beschäftigt sie 85 Mitarbeiter und bildet zudem im kaufmännischen Bereich aus.

„Wir kommen wieder zurück zu den Wurzeln, wo wir herkommen“, sagen Heinz Willms und Artur Kreus und unterstreichen den Servicegedanken im Firmennamen. Mit rund 400 Unternehmen im deutschsprachigen Raum ist die Konkurrenz unter den Zulieferern groß. „esw“ punktet in der Top 100 mit Flexibilität, Zuverlässigkeit und Präzision. Transportkosten, schnelle und kurze Lieferwege sind ein weiteres Pfund, mit dem die Breiniger im europäischen Umfeld sich von internationaler Konkurrenz abgrenzen können.

Bei ihrer Produktpalette setzen Willms und Kreus mehrere Standbeine. Kleine und mittlere Serien sind am Breiniger Kastanienweg die große Stärke des Unternehmens, das mit zugelieferten Bauteilen die Platinen genau so bestückt, wie der Kunde es wünscht. Und damit dies möglichst effizient geschehen kann, setzt der Service der Breiniger bereits vor der Fertigung ein.

„Gemeinsam mit unseren Kunden arbeiten wir am Design der Platinen“, erklärt Heinz Willms, „Wir planen, wo und wie welche Bauteile am besten platziert werden können, damit Funktionalität, Zuverlässigkeit, Lebensdauer und die Fertigung optimal erreicht werden.“ Damit nicht genug. Letztlich geht es am Ende der Lebensdauer der wertvollen Produkte auch um ein ordnungsgemäßes Recycling der Rohstoffe.

Eine Selbstverständlichkeit dabei ist, dass Prototypen und Null-Serien ebenso in Kooperation mit dem Kunden analysiert werden, wie alle Endprodukte auf ihre Qualität getestet werden. Bildschirmaufnahmen, Röntgengeräte und Funktionskontrolle – teilweise im eigenen Haus entwickelt – muss jedes Produkt durchlaufen, bevor es die Fertigung verlassen darf.

Wie anno dazumal ist auch hier noch bei einer Reihe von Produkten Handarbeit gefragt. Dann werden wie vor drei Jahrzehnten die Platinen von flinken Händen bestückt und unter guten Augen behutsam verlötet – Durchsteckmontage, in der Fachsprache nennt sich das dann THT (through-hole technology).

Aber längst hat die Automatisierung einen Großteil der Fertigung übernommen. Erst recht deshalb, weil die Produkte immer kleiner, die Anforderungen aber immer größer werden. Dabei werden die Bauteile auf Gurt angeliefert. Das sieht dann fast so aus, wie die guten alten Filmrollen im Vorführraum eines Kinos. In der Maschine hat die technische Entwicklung den Lötzinn durch eine Lötpaste abgelöst, die mikrometergenau auf die Platine aufgebracht wird; anschließend platziert und fixiert ein Automat die kaum millimetergroßen Bauteile an den vorbestimmten Orten. Im abschließenden Arbeitsgang werden die Bauteile mit Hilfe von Heißluftöfen verlötet.

Bis zu 4500 Platinen pro Stunde kann „esw“ auf Linie fertigen. SMT – surface-mounted technology, zu deutsch Oberflächenmontagetechnik – nennt sich das dann. Die SMT finden in Breinig derzeit ihre Grenze bei einer Kantenlänge von 0,258 mal 0,125 Millimeter. Dann sind die einzelnen Kontaktpunkte weitaus kleiner als die Hinterlassenschaft einer Fliege am Küchenfenster. Die neue Fertigungsstraße ist jüngst in Betrieb gegangen.

Immerhin verlassen jährlich mehr als eine Million Baugruppen die Fertigungsstraßen in Breinig, rechnet Artur Kreus vor. Die Dienstleistungen der „esw“ kommen in vielen Bereichen zum Einsatz: „Von der Automobilindustrie über Anlagenbau bis hin zur Automation und Medizintechnik“, erklärt Willms. Neben der Übernahme der kompletten Logistik fertigt das Unternehmen auf Wunsch auch komplette Endprodukte. So gehört beispielsweise die Montage spezieller Messgeräte für industrielle Anwendungen auch zur Dienstleistungspalette.

Seit 1997 LED entwickelt

Die ständige die Arbeit mit Platinen und Dioden führte unweigerlich dazu, dass „esw“ 1997 sprichwörtlich ein Licht aufging. Elektrische Leuchtdioden sind letztlich auch nur Halbleiter, die leuchten. Also wurden die ersten LED-Leuchten in Breinig entwickelt, gefertigt und vermarktet – zunächst für Werbezwecke. Erste Anwendungen waren die Ausstattung von Tankstellen und Reklameschilder für Geschäfte. 2001 weitete das Unternehmen seine Aktivitäten auf die Allgemeinbeleuchtung aus. Aufmerksamkeit erregt zum Anfang des Jahrtausends die Illumination des Stephansdoms und der Wuppertaler Schwebebahn mit der Zukunftstechnik. 2005 werden die Aktivitäten unter der Marke ProfiLED gebündelt, die seit 2009 von Dieter Podhajecky als eigenständiges Unternehmen in Breinig geleitet wird – aber das ist eine andere Geschichte.

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