Stolberg-Mausbach - Lesertour im Segelflugzeug: Glücksmomente hoch über den Wolken

CHIO-Header

Lesertour im Segelflugzeug: Glücksmomente hoch über den Wolken

Von: Heike Eisenmenger
Letzte Aktualisierung:
Wer sein Flugzeug liebt, der s
Wer sein Flugzeug liebt, der schiebt: Gemeinsam mit unseren Lesern rollt Dr. Joachim Ossig (rechts), Vorsitzender des Luftsportvereins Mausbach, eines der Segelflugzeuge aus dem Hangar.

Stolberg-Mausbach. Das sieht nicht gut aus: Blauschwarze Wolken ballen sich über Mausbach, Blitze zucken, es donnert und starker Wind tritt auf. Binnen von Minuten ist sie da, die angekündigte Gewitterfront. Es geht so schnell, als habe jemand einen Schalter von „Schönwetter” auf „Schlechtwetter” umgelegt.

Dr. Joachim Ossig, Vorsitzender des Luftsportvereins Mausbach, zieht die Stirn kraus: Das war zu erwarten. Wir packen jetzt sofort ein und schauen, wie es in einer Stunde aussieht.” Alle helfen, denn das Unterwetter kann jede Sekunde über die Gruppe hereinbrechen. Schon wird der ausklappbare Sonnenschirm, der eigentlich als Schutz vor der brüllenden Nachmittagshitze aufgestellt worden war, von einer Böe erfasst.

Hätten nicht Pilot Frank Nickel und zwei Leser unserer Zeitung den Ständer noch zu fassen bekommen, der Sonnenschirm wäre ins Feld geweht worden. Insgesamt haben sich acht Leser zum Segelfliegen in Mausbach eingefunden. Es hatten sich zahlreiche Abonnenten beworben, aber das kostenlose Angebot ist aus logistischen Gründen auf eine Teilnehmerzahl von acht Personen begrenzt. Für die meisten aus der Gruppe ist Segelfliegen Neuland, aber ob jemand schon mal im Segelflugzeug gesessen hat oder nicht - die Vorfreude steht allen im Gesicht geschrieben. Die gute Stimmung kann auch die Schlechtwetterfront nicht trüben. Außerdem ist die Wartezeit im Hangar mit spannender Theorie ausgefüllt und unserer Leser dürfen die Fragen stellen, die ihnen unter den Nägeln brennen. Fragen wie die, warum man bei Gewitter mit einem Segelflugzeug nicht starten darf. Es ist nicht der Blitzeinschlag ins Flugzeug, den die Piloten fürchten: „Wir starten hier in Mausbach mit einer Winde”, erläutert der Vorsitzende. An ein Stahlseil gekoppelt, wird das Segelflugzeug mit etwa 100 Kilometern pro Stunde gezogen, damit es so den nötigen Auftrieb erhält. Im steilen Winkel zieht der Pilot sein Segelflugzeug dann nach oben. Erst wenn es die nötige Höhe und Geschwindigkeit für den Weiterflug entwickelt ist, wird das Stahlseil automatisch ausgekoppelt.

Bei Gewitter ist ein Stahlseil sozusagen eine Einladung für den Blitz. „Der Blitz würde über das Stahlseil in die Winde fahren. Was das für den denjenigen bedeutet, der die Winde bedient, kann man sich denken”, sagt der 56-jährige Mausbacher. Es gibt noch weitere gute Gründe, warum bei Gewitter am Boden geblieben wird. „In einer Gewitterwolke treffen Sie auf extreme Turbulenzen”, stellt Pilot Manfred Mager klar. In einem Moment gehe es 20 Meter in die Höhe, dann wieder nach unten. Das Flugzeug werde hin- und her gewirbelt, und die Kräfte, die auf Tragfläche und Rumpf einwirken, können so stark sein, dass das Material reißt, obwohl Segelflugzeuge im Vergleich zu großen Linienflugzeugen viel mehr aushalten, was das angeht. Gefährlich sei eine Gewitterwolken außerdem, weil man förmlich von ihr angesaugt werden könne.

Auch wenn es nicht blitzt und donnert, ist Regen bei Piloten von Segelflugzeugen unbeliebt. „Wasser oder auch Eis verändern die Flugeigenschaften. Durch den erhöhten Widerstand nimmt die Leistung ab”, beschreibt der 44-jährige Mager die Auswirkungen. Das erklärt auch, warum die Piloten des Luftsportvereins gleich mehrere Ledertücher dabei haben. Dauerregen ist auch deswegen unbeliebt, weil es das Fliegen aufgrund der getrübten Sicht keinen echten Spaß macht.

Pilot Frank Nickel formuliert es so: „Das Schöne am Segelflug ist ja, dass man ohne störende Motorgeräusche die wunderbare Aussicht genießt.” Übrigens wirken sich nicht nur Regen oder Eis auf der Außenhülle negativ auf die Flugeigenschaften des Segelflugzeugs aus, sondern auch Insekten.

Vor diesem Hintergrund wurde ein „Mückenwischer” entwickelt. Das ist eine Vorrichtung, die während des Flugs automatisch über die Tragflächen gleitet und diese von Insektenüberresten befreit. Bei Gewitter jedoch hilft nur eines: Geduld. Nach rund eineinhalb Stunden ist das Gewitter in Richtung Weisweiler Kraftwerk weitergezogen - es kann losgehen. Mit vereinten Kräften wird das Segelflugzeug erneut auf die Piste gerollt. Die Piste ist zwar nur eine lange Wiese, aber mehr braucht es auch nicht, um ein Segelflugzeug mit Hilfe einer Winde abheben zu lassen.

Die Winde auf dem Lastwagen ist eine Konstruktion von Vereinsmitgliedern. Damit haben sie eine mobile Winde, was praktisch ist. Optisch erinnert das Gefährt ein bisschen an einen Touristenbus wie man ihn bei Safaris benutzt. Auf die Idee kommt man wegen der Gitter, die wie eine Art Käfig einen Teil des Lkw umschließt.

Bei jedem Start müssen alle, die sich an der Winde aufhalten, Schutz hinter den soliden Metallgittern suchen, denn es könnte theoretisch passieren, dass das unter Spannung stehende Stahlseil reißt. Das Stahlseil reißt an diesem Tag tatsächlich, aber binnen weniger Minuten haben es der angehende Pilotenausbilder Thomas Dahlmann und Flugschüler Norbert Weidenhaupt repariert.

Bevor die Leser und Piloten ins zweisitzige Segelflugzeug einsteigen, werden Fallschirme umgeschnallt. „Es könnte, auch wenn es höchst unwahrscheinlich ist, eine Situation auftreten, in der ein Absturz unvermeidlich ist”, erklärt der Vorsitzende Ossig. „Der Pilot muss binnen einer Sekunde entscheiden, ob ausgestiegen wird oder nicht und in einem solchen Moment darf man auch als Flugschüler oder Passagier nicht zögern, sondern muss unbedingt der Anordnung des Piloten Folge leisten”, mahnt Ossig.

Der Fallschirm ist mit einer Leine im Cockpit verankert. Bei einem Notausstieg wird die Reißleine beim Verlassen des Flugzeuges automatisch aktiviert.

Nachdem der Rettungsfallschirm angelegt worden ist, steht eine Einweisung auf dem Programm und dann geht es auch schon los. Mit einem Affenzahl - so kommt es einem im Cockpit zumindest vor - schießt das Flugzeug über die Wiese, um im steilen Winkel ins endlose Blau aufzusteigen. Das fühlt sich an wie Achterbahnfahren, aber ohne „schlecht werden”. Bei etwa 300 Metern ruckt es im Flugzeug - das Schleppseil hat sich ausgeklinkt.

Der Ausblick, der sich bietet, ist beeindruckend. So fühlt sich Freiheit an. Schade nur, dass keine Vögel in der Nähe sind. Vögel sind für Piloten „fliegende Wegweiser”, um Thermik aufzuspüren. Die Aufwinde zu finden, das sei de Kunst beim Segelfliegen, sagt Pilot Frank Nickel. Thermik entsteht dort, wo warme Luft aufsteigt. Warme Luft ist leichter als kältere und steigt darum auf. Wo sich Aufwinde bilden, ist von der Bodenbeschaffenheit und den meteorologischen Bedingungen abhängig.

Petra Büttgen hat jede Minute „oben” genossen. „Da besteht eindeutig Suchtgefahr”, sagt die Leserin aus Gressenich nach dem Flug. Auch die elfjährige Lea Denkmann aus Mausbach wäre am liebsten in der Luft geblieben. Damit das Mädchen überhaupt mitfliegen konnte, war ein „Zwergenadapter” (Kindersitz) nötig.

Vom lautlosen Fliegen restlos angetan ist auch Norbert Pütz (54 Jahre) aus Zweifall: „ Es war fantastisch, und ich wäre gerne noch länger geflogen - man hat eine grandiosen Ausblick und dann noch diese Ruhe dabei.”

Der Luftsportverein Mausbach im Internet

Wer ebenfalls durch die Lüfte segeln will, kann beim Luftsportverein Stolberg (LVS) im Internet (www.l-v-s.de) ein Kontaktformular ausfüllen.

Anmeldung auch bei Dirk Scheibe, Tel.02404/61337 oder Norbert van de Weyer, Tel. 0241/173694.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert