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Lesermeinung: Lebensraum anstelle einer Geschäftsmeile am Steinweg

Von: Doris Kinkel-Schlachter
Letzte Aktualisierung:
Der Fluss muss erlebbar werden
Der Fluss muss erlebbar werden: Das passt gut zu Klaus-Josef Kaeslers Credo, Lebensabläufe zu planen und Lebensräume zu gestalten. Foto: D. Kinkel-Schlachter

Stolberg. „Eine Stadt kann man nur im Gehen erleben, das ist schließlich kein Standbild.” Gesagt, getan. Gemeinsam mit Klaus-Josef Kaesler machen wir uns auf den Weg durch die Stadt, um sie aus den Augen eines Architekten zu sehen, mit Ideen und Visionen.

Und doch ist es ziemlich schnell da, das Standbild, oder eher gesagt: der Leerstand - das üblich triste Bild im Steinweg, vor allem im oberen Teil. Einige Mitarbeiter der Stadt nutzen die Pause, indem sie hier spazieren, ein paar Leute parken vor Ort, um zu den Geschäften zu gelangen, das wars. Hinter vielen Schaufenstern herrscht gähnende Leere, es sieht stellenweise heruntergekommen aus. „Günstig zu vermieten”, heißt es. An anderer Stelle wird Kunst ausgestellt oder hängen Plakate von einer in Sonnenschein getauchten Burg.

Klaus-Josef Kaesler weiß um die Komplexität, und natürlich weiß er auch, dass das Stadtsäckel leer ist. Dennoch: Das „Toschlag-Argument” Geld will er nicht gelten lassen. „Alle reden von Wiederbelebung, aber ich kann doch keine Stadt beleben und gucke dabei zu, wie sie verfällt”, sagt er. Überhaupt: Die Wiederbelebung des Steinwegs als florierende Geschäftsmeile - das sieht der Architekt nicht. Er ist der festen Überzugung: „Die Stadt muss viel mehr als Lebensraum erkannt werden.” Und da, wo die Stadt eingreifen könne, dürfe sie eben nicht nur Funktionen schaffen, sondern müsse Lebensräume berücksichtigen und verbessern.

Den Steinweg sieht er als Wohnraum, als Ort zum Wohlfühlen, alles andere komme dann nach und nach von selbst. Die schönen Stadthäuser seien so schmal, dass sie als Einfamilienhäuser wunderbar geeignet wären. Mit ein „bisschen renovieren und dann vermieten” ist es für Kaesler allerdings nicht getan, dann käme es zur Verslumung, also zum weiteren Verfall. „Im Vergleich zu den Vororten, die sowieso immer teurer werden, muss innerstädtisch eine entsprechende Qualität geschaffen werden”, verweist der aus Westfalen stammende Architekt auf ein großzügiges Wohnen wie auf dem Lande, aber eben mit den Vorteilen einer Stadt. Der Wohnraum Stadt als Wohlfühlort, so sieht Klaus-Josef Kaesler den Steinweg. „Hier können doch auch problemlos Kinder spielen”, sagt er.

Dafür müssten bestimmte Dinge geändert werden, und der seit vielen Jahren in Stolberg wohnende Kaesler scheut sich nicht vor einem bestimmten Wort: Abriss. Natürlich nicht alte Häuser und nicht alle Häuser, „nennen wir es Rückbau, das ist eleganter”, sagt der 58-Jährige und lächelt verschmitzt. Er zeigt auf den Wohnblock im Steinweg, in der Verlängerung der Kortumstraße: Der Aufschrei bei den Anwohnern wäre sicherlich groß, und der Eigentümer würde garantiert nur ein müdes Lächeln übrig haben für den Visionär, der der Meinung ist, dass dieser Block „weg muss. Wir haben den Fluss, der muss erlebbar werden”. In
Kaeslers Wohnung hängt eine Skizze mit dem Titel „Stolberg - Wohnfühlort”, die Blöcke sind wegradiert, die blaue Vicht ist aus ihrem gemauerten Bachbett geholt, grüne Wiesen am Ufer laden ebenso zum Verweilen ein wie Straßencafés. So ein Abriss an bestimmten Stellen muss in Kaeslers Augen finanziell gefördert werden, damit er für die Eigentümer überhaupt in Frage kommt, also attraktiv wird.

Und dann ist da noch der Denkmalschutz, der sicherlich wichtig ist, aber für den Architekten mancherorts zum Hindernis wird: „Die Häuser stehen im Steinweg nicht umsonst leer, haben Sie sich dieWohnungen mal angesehen?” Altstadt, sie sei schön und gut, aber sie müsse aufgefrischt und attraktiv zum Wohnen gemacht werden, „oder wollen wir aus dieser Stadt ein leerstehendes Museum machen”, fragt Klaus-Josef Kaesler.

Es gehe nicht darum, einfach vier Wände zu erstellen, das Thema sei so komplex, dass sich keiner im Ganzen herantraue. Jeder picke sich sich einzelne Probleme heraus, das Geld, das Parken, die Verkehrssituation, das reinste Schubladen-Denken. „Es muss ein Generalplan her und man muss sich darüber klar sein, wo man hinwill.” Wenn das Ziel abgesteckt sei, müsse die Bereitschaft da sein, „den Eselsweg zu gehen”, auch wenn es der schwierigere Weg sei, „ansonsten kommen so Hauruck-Lösungen zustande wie Kaufland und Burgcenter”.
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