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Leoni Kerpen: Jetzt trifft es das Stammpersonal

Von: Jürgen Lange
Letzte Aktualisierung:
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Leoni Kerpen produziert zu teuer und zu wenig profitabel: Mit Personalabbau und Steigerung der Kosteneffizienz soll der Standort Stolberg stabilisiert und der Umsatz gesteigert werden. Foto: Leoni

Stolberg. Vor einem weiteren Abbau von Personal steht Leoni Kerpen in Stolberg. „Der Umfang eines Personalabbaus steht noch nicht fest“, erklärte Martin Moser auf Anfrage unserer Zeitung, nachdem die Belegschaft über die schwierige Lage des Unternehmens informiert worden war. „Wir haben dabei bewusst keine Zahlen genannt, weil noch keine feststehen“, sagte der Geschäftsführer.

Bis Anfang April sollen sie aber vorliegen. Zunächst komme erst einmal alles auf den Prüfstand. Kostendruck, Auftragsausfälle aufgrund des EU-Embargos gegen den Iran und ein Umsatzrückgang in Höhe von 15 Prozent (Geschäftsjahr 2012 im Vergleich zu 2011) sind in Stolberg zu kompensieren, um dem „Rückgang von Profitabilität und Stabilität“ des Standortes zu begegnen.

„Die Evaluierung läuft erst an“, verwies Moser auf die Analyse des Standortes, wie Betriebsabläufe weiter optimiert und Verbesserungen der Kostenstrukturen erzielt werden können. Da stellt sich dann etwa die Frage, ob administrative Aufgaben effizienter von Nürnberg aus erledigt oder mit welchen Maßnahmen Herstellungskosten am Standort reduziert werden können. Sein Konzept will Martin Moser bis Ende März stehen haben; nach Ostern sollen die Details mit Betriebsrat und der IG Metall verhandelt werden. Sie wurden durch den Geschäftsführer über die Pläne informiert. Noch vor den Sommerferien sollen Entscheidungen getroffen werden.

„Die Nachricht traf uns wie ein Schlag“, sagte Helmut Wirtz, der in engem Kontakt mit dem erkrankten Betriebsratsvorsitzenden Karl-Heinz Lach steht, die als Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat der Leoni AG über beste Kenntnisse verfügen. Der Geschäftsführer der Stolberger IG Metall mahnt in der von Gerüchten angeheizten Situation die Belegschaft zur Besonnenheit.

„Wir können ja noch gar nicht wissen, mit welchen Vorschlägen die Geschäftsführung kommen wird“. Sobald sie vorgelegt werden, werden sie von Arbeitnehmerseite intensiv geprüft und analysiert. „Dazu werden wir uns entsprechenden fachlichen Beistand holen“, kündigte Wirtz an, erst dann starten die Verhandlungen zur Sicherung der Arbeitsplätze in Stolberg.

Zumindest von den Vorschlägen des Geschäftsführers betroffen sein wird das Stammpersonal am Nachtigällchen. Derzeit beschäftigt dort die M-Dax notierte Aktiengesellschaft 614 Mitarbeiter. Zur Kompensation weggebrochener Aufträge hatte sich Leoni Kerpen bereits Ende letzten Jahres von 39 befristeten Arbeitskräften getrennt und Kurzarbeit gefahren. Sie ist für diesen und voraussichtlich nächsten Monat zwar kein, kann aber ab April wieder ein Thema werden.

„Stolberg ist ein Sorgenkind“

Als in der vergangenen Woche der Konzern beste Ergebnisse für das vergangene Geschäftsjahr und positive Erwartungen für das laufende verkündet hatte, verwies Dr. Bernd Buhmann bereits auf die schwierige Lage der Leoni Kerpen AG: „Stolberg ist ein Sorgenkind im Konzern“, sagte der Vizepräsident Kommunikation. Gleich auf zwei Geschäftsfeldern bereitet die wirtschaftliche Situation Sorgen.

„Auf dem Geschäftsfeld Datenkabel sind wir einem enormen Preisdruck ausgesetzt“, verdeutlichte Martin Moser. Der konnte im vergangenen Jahr durch Optimierung und Effizienzsteigerung sowie personelle Maßnahmen noch kompensiert werden“, erklärte der Geschäftsführer. „Aber für dieses Jahr wird sich der Druck weiter verschärfen.“ Niedrigpreise osteuropäischer und asiatischer Hersteller sowie Überkapazitäten europäischer Werke seien der Grund. „Deshalb müssen wir mit weiteren Maßnahmen zur Kostenreduzierung Schritt halten, um auf diesem Feld wettbewerbsfähig zu bleiben“, so Moser weiter.

Die Auslastung der vorgehaltenen Kapazitäten seien in diesem Geschäftsfeld schwierig zu prognostizieren, weil Aufträge relativ kurzfristig innerhalb weniger Wochen eingehen und auch bearbeitet werden. Entsprechend schwierig gestalte sich die Vorhersage, in wie weit Kurzarbeit fehlende Aufträge kompensieren müsse.

Die Kunden im Datenkabel-Segment stammen vor allem in Deutschland, Österreich und der Schweiz aus dem Bereich des Installationsgewerbes sowie von Planern für Rechenzentren. Dort sieht Moser für Leoni Kerpen einen guten Ansatz, das Auftragsgeschehen nachhaltig zu stärken. „Wir möchten uns als Dienstleister frühzeitig in die Konstruktion einbringen“. Eine effiziente Planung der Verkabelung und Steckverbindungen erweise sich für Kunden kostengünstig. „Wir haben die Qualität und das Know-how dafür“, betonte Moser.

Einen ganz dicken Strich durch die Rechnung hat Leoni Kerpen das verschärfte und anhaltende EU-Embargo gegen den Iran getroffen. „Aufträge im zweistelligen Millionen-Bereich sind weggebrochen“, sagte der Geschäftsführer. Kabelstränge und Systemlösungen für den Auf- und Ausbau von Förderanlagen und Raffinerien lieferten die Stolberger an den Golf. Abgeschlossene Aufträge durften nicht mehr erfüllt werden. Neue sind kaum in Sicht und selbst bei einem Abschluss, wirkt sich dies erst Jahre später in der Fertigung aus. „Solche Projekte werden zwei bis fünf Jahre im Voraus geplant“, erklärte Moser. „Und bei der Realisierung gehört die Verkabelung zu den letzten Elementen, die eingebaut werden.“

Perspektive erneuerbare Energie

Vergleichbar lange Vorlaufzeiten gelten auch für das noch recht junge Geschäftsfeld von Solar-, Photovoltaik- und Windenergie. Als Mitglied im „Desertec“-Konsortium – von einem Netzwerk von Politikern, Wissenschaftlern und Ökonomen konzipiert – will Leoni dazu beitragen, sauberen Strom nach Europa zu liefern und bis 2050 dort 20 Prozent des Strombedarfs zu decken – ein nachhaltiges aber auch langfristiges Konzept. „Ich sehe das sehr positiv“, sagte Moser.

„Wir sind auf einem guten Weg.“ Und der Einstieg auf diesen jungen Markt beschert dem Stolberger Standort Perspektiven. „Ein erster Auftrag über mehrere 100.000 Euro ist abgeschlossen“, so Moser, bei weiteren Millionen-Projekten rechnet er sich gute Chancen auf einen Zuschlag aus. Aber auch in diesen Fällen werden abgeschlossene Aufträge erst einige Jahre später zu einer Auslastung der Produktion führen. In den Jahren 2014 / 15 werden sie dann für Beschäftigung sorgen.

Angesichts dieser Konstellation auf den von Stolberg aus bedienten Geschäftsfeldern „ist eine Steigerung der Kosteneffizienz und Profitabilität am Standort unabdingbar“, betonte Moser, der nochmals beteuerte, dass das Konzept dazu in Arbeit sei. „Wir stehen erst am Beginn der Überlegungen. Die kann man noch nicht in Arbeitsplätze umrechnen“.

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