Stolberg - „Kunst auf dem Weg” zu Fuß erkunden

„Kunst auf dem Weg” zu Fuß erkunden

Von: Doris Kinkel-Schlachter
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Faszinierten das Publikum bei
Faszinierten das Publikum bei der Vernissage von Christiane Vincent-Poppen und Wolfgang Vincent im Rahmen der Artibus-Ausstellungsreihe: Susanne Schietzel-Mittelstraß und Tänzerin Britta Rodenkirchen. Foto: D. Kinkel-Schlachter

Stolberg. „Nur wo du zu Fuß warst ,bist du auch wirklich gewesen”, sagte Johann Wolfgang von Goethe vor vielen, vielen Jahren. Der große Dichter und Denker sollte Recht behalten, denn auch am gestrigen Sonntag ließen sich die zwölf Stationen bei „Kunst auf dem Weg” am besten und am schönsten zu Fuß erkunden.

Und wer sich - dem usseligen Wetter zum Trotz - auf den Weg machte, wurde in vielerlei Hinsicht belohnt. Alleine 15 Künstler, die ihre Werke noch nie in Stolberg präsentiert haben, waren mit von der Partie und zeigten den „Kunst auf dem Weg”-Kennern neue Werke. Mit dabei waren aber auch bekannte Namen wie Birgit Engelen, Karin Lynen, Antonio Màro und Holger Vanicek, deren Wirken in den letzten Jahren immer wieder Anlass zur Bewerunderung gab. Und es gab Installationen zu sehen, die speziell für „Kunst auf dem Weg” im Kontext der Stolberger Altstadt enstanden. Es gab wieder be­sondere Einblicke in Alt­stadt­häuser, und die Ateliers auf dem Weg präsentierten sich neu.

„Nicht in diesem Ton”

In dem urig-gemütlichen Atelier von Karin Lynen musste schon am frühen Morgen zusammengerückt werden. „Eigentlich sollte Sebastian Ybbs seine Lesungen draußen halten”, erklärte Malerin Karin Lynen. Einzig der Blick zum Himmel genügte, um zu der Erkenntnis zu kommen, dass daraus eher ein Reinfall würde. Also rein mit der Lesung, und auch rein mit den Holzskulpturen von Holger Vanicek. Und es fügte sich wunderbar zusammen, zeigte sich die Kunsttherapeutin begeistert. Wie Holger Vanicek an sein Pseudonym Sebastian Ybbs gekommen ist? Vor über 25 Jahren war er mit Win Braun zu einem Künstlerdorf nach Ungarn unterwegs und passierte dabei die Raststätte „Ybbs” - nahe dem Ort Ybbsitz, das gemeinsam mit Stolberg seit 2001 Mitglied des „Rings der Europäischen Schmiedestädte” ist. Vanicek fand diesen Namen so skurril, zumal er auch keinen Sprachraum zuzuordnen sei, dass er ihn sich zueigen machte.

„Meinen Lesern und Hörern möchte ich nicht vorenthalten, was sich alles zusammengefunden hat. Speziell für Stolberg habe ich eine Sammlung von Absurdem zusammengestellt, als Kurzgeschichten, Aphorismen oder Auszüge aus meinen Romanen. Es könnte durchaus vorkommen, dass Sie an manchen Stellen schmunzeln werden, doch ich werde Sie auch nicht ohne tiefsinnige Gedanken entlassen”, so der Schriftsteller, „und nebenbei werde ich auch noch Kaffee kochen!” Darüber hinaus zeigte Holger Vanicek eine kleine Auswahl seiner Holzskulpturen, die so gut mit den Malereien von Karin Lynen harmonierten. Im Erdgeschoss präsentierte Pit Siebigs seine Fotografien. Auf eindrucksvolle und ästhetische Weise zeigen die Großfotos die vergänglichen Spuren menschlicher Arbeit und industrieller Architektur. Dafür war Siebigs vorzugsweise im Industriepark Oberbruch unterwegs, hat Gebäude, Industrieanlagen sowie einzelne Details festgehalten. „Dort habe ich als Werksstudent mein Studium finanziert und möchte mit meinen Bildern ein Stück weit das bewahren, was dort noch vorzufinden ist”, erläuterte der aus Grebben stammende Fotograf. Gute Laune bewahren mussten Angelika und Heinrich Keller. Das in Aldenhoven ansässige Künstler-Paar hat im Frühjahr noch im Rahmen der Artibus-Ausstellungsreihe zum Thema „Paare” seine Werke in der Burg-Galerie gezeigt. Dort konnten die beiden ihre Skulpturen im Trockenen ausstellen, während sie am Sonntag ständigen Regenschauern ausgeliefert waren. „Nur die Harten kommen in den Garten”, sagte Angelika Keller mit einem Lächeln im Gesicht. Tapfer hielt sie den großen Standschirm fest, der sich bei jeder stärkeren Windböe in die Lüfte erheben wollte, während Heinrich Keller Kaffee zum Aufwärmen besorgte. Liesel und Walter Drobig ließen sich ebenso wenig vom Wetter beeindrucken, dafür aber umso mehr von der Skulptur mit dem Namen „Nicht in diesem Ton”, das, wie Künstlerin Keller betonte, „eigens für Ehepaare” geschaffen wurde.

Überhaupt störten sich die Besucher nicht groß am Wetter. Wer sich einmal auf den Weg gemacht hatte, und das waren viele an diesem Sonntag, blieb auch darauf. Ausgestattet mit wetterfesten Schuhen, entsprechender Kleidung und Hut oder Schirm traf man sich immer wieder auf dem von Kunst umsäumten Weg, redete über die schöne Veranstaltung und sinnierte über die ausgestellten Werke.

Kunst kommt bekanntlich von Können, und das wurde am Sonntag vielfach unter Beweis gestellt. Besonders natürlich bei der Vernissage von Christiane Vincent-Poppen und Wolfgang Vincent in der Burg-Galerie. Dieses Ehepaar ist ein Paradebeispiel für das Thema „Paare” der Artibus-Reihe, die auf Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Schwierigkeiten in Leben und Arbeit von Künstler-Paaren aufmerksam macht. Als vierte von insgesamt fünf Ausstellungen erfolgte die Eröffnung als Teil von „Kunst auf dem Weg”. In die Ausstellung, die bis zum 30. September zu sehen ist, führte in gewohnt kurzweiliger Weise Professor Dieter Alexander Boeminghaus ein. „Das vierte Paar in dieser Ausstellungsreihe hat sich der Farbe verschrieben”, sagte der bisherige Präsident der Europäischen Vereinigung Bildender Künstler aus Eifel und Ardennen (EVBK). Die beiden Künstler hätten gemeinsam die Farben kennengelernt und sich - und dabei habe es auch gefunkt. Boeminghaus: „Sie haben sich um die Erhellung der Farbe bemüht.”

Mit Kettensäge und Feile

Vor allem großformatige Werke sind eigens für die Paare-Ausstellung und die Burg-Galerie enstanden. Dabei trennt ein Farbweg die Werke des Paares. „Ich habe den Eindruck, dass Christiane nach Farbe angelt. Seine Seite dagegen ist etwas radikaler. Wolfgang zitiert die Farbe an sich, er ruft eine aus, die sich dann entwickeln darf.”

Ein ineinander verschlungenes Paar zog die Blicke der Besucher im Museum in der Torburg auf sich. Hier stellte Peter Lidak seine Skulpturen aus Keramik, Metall, Stein und vor allem Holz aus. Faszinierend, wie der gelernte Schlosser aus einem Stück Holz eben erwähntes Paar zaubert. Die Kettensäge nutzt der Künstler fürs Grobe, danach kommen Hammer und Meißel, Feile und Schleifpapier zum Einsatz.

Handarbeit leisten auch Natalie Stercken und Marc Jägers in der Druckmanufaktur. An ihrer 110 Jahre alten, manuell betriebenen Buchdruckmaschine - nur eine von mehreren alten Schätzchen - entstehen Anhänger, Sprüchekarten, Danksagungen, Lesezeichen und mehr. Stercken reproduziert auch Vignetten aus alten Zeitungen und Büchern, und so ziert ein Kinderwagen aus einer alten Zeitungsanzeige eine Glückwunschkarte. Stercken: „Mir ist es wichtig, dass man sich Zeit nimmt für seine Produkte. Heutzutage läuft doch alles immer nur schnell und schneller.” Viele kennen Natalie Stercken als Gesangssolistin, Drucken und Singen, wie geht das? Ganz einfach, wenn die sympathische Sängerin druckt, gibt es neben Klängen von Verdi und Donizetti das Geräusch der Druckmaschine, das sich anhört wie eine alte Tram.

Die Ateliers im Kupferhof Rose werden außerdem mit Werken von AninA Marita Cujai, Maria Krings und Heidi Selheim bereichert. Angela Mainz zeigte bei „Kunst auf dem Weg” ihre Werke. Zarte, transparente Strukturen lassen ihre Objekte aus finnischem Papiergarn leicht und filigran wirken. Malerei von Sigrid von Lintig gab es in der Bodega zu bewundern, Objekte aus Blei, Glas und Blaustein von Annette Grösgen im Hof.

Finken „beflügeln” die Gasse

In den Altstadthäusern zeigten Marion Kamphausen, Roswitha Preis und Anne Hoffmann ihre Werke. Danach konnten sich die Besucher beim Flanieren durch die Finkenberggasse von über 700 Papierfinken „beflügeln” lassen. Monika Bergrath und Heinz-Martin Kuß zeigten ihre Installationen und Objekte sowie Fotografien in der Finkenbergkirche, und im Atelierhaus am Hammerberg sowie im Skulpurengarten lud Birgit Engelen zum Heimspiel ein. Malerei, Steinobjekte, Metallskulpturen und Keramik - die Stolberger Künstlerin teilte ihr kunstvolles Zuhause mit Peter Henn, Peter Taubert und Gerda Zuleger-Mertens. Einzigartige Schmuckstücke präsentierte Sina Korr in ihrem Atelier noch ein Stück weit oberhalb von Engelens Grundstück, und ihre Freundin Silke Dohlen präsentierte im Carport der Familie Korr ihre Photograffiti. Wieder in der Stadt angekommen, gelangte der Besucher zur letzten Station von „Kunst auf dem Weg”: die Steinweg-Galerie im Burg-Center, in der Antonio Máro seinen abstrakten Expressionismus zur Schau stellte.
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