Kampf mit der Bremse bei 70 km/h und Regen

Von: Kolja Linden
Letzte Aktualisierung:

Stolberg/Wiesbaden. Regen, Kälte, Windböen und wieder Regen: Ihren Wiesbadener Triathlon im Sommermonat August hatte sich Jennifer Ganser wohl anders vorgestellt.

„Der härteste halbe Tag des Jahres”, mit diesem Spruch wirbt der Veranstalter für den „Ironman 70.3”, und zumindest in diesem Jahr hätte das Motto nicht zutreffender sein können. Unter äußerst erschwerten Bedingungen hat die Breinigerin dennoch bei ihrem ersten Start bewiesen, dass sie eine echte „Ironwoman” ist.

Und dass, obwohl die zweifache Mutter nach dem Zieleinlauf gar nicht glücklich war. Sechs Stunden und 19 Minuten hatte ihr Mann Markus als Zeit übermittelt und dabei vor allem eine unerwartet schlechte Laufzeit errechnet.

Erst am Sonntagabend, beim Blick auf die Resultate im Internet erhellte sich Jennifer Gansers Miene erheblich: 6:07,57 Stunden und Platz 18 in ihrer Altersgruppe - ein hervorragendes Ergebnis bei der Premiere.

Den ersten Härtetest hatte sie schon am Start überwunden. Zwar hörte der Regen gerade auf, als Ganser ins kalte Wasser des Schiersteiner Hafens stieg, doch da hatten schon zahlreiche Sportler aufgrund des Wetters ihren Startverzicht erklärt.

Warum, das ging der 35-Jährigen auf, als sie nach 1,9 Kilometern und 36,27 Minuten aus dem Wasser kam: eiskalter Regen peitschte ihr in der Wechselzone ins Gesicht, dennoch verzichtete Ganser auf die Regenjacke, lediglich eine Windweste und ein dickes Paar Socken sollten für zusätzliche Wärme sorgen.

Das Schöne am Bergauffahren ist für die meisten Radler sicher das anschließende Bergabrollen - nicht aber bei strömendem Regen auf anspruchsvollem Terrain: „In der ersten Abfahrt standen Männer mit Fahnen und riefen langsam, langsam!”, beschreibt Ganser ihre Erfahrungen mit dem bergigen Profil der 90-km-Strecke. „Aber ich habe nur zurückgeschrieen: Ich kann nicht!” Es war einfach zu glatt, die Bremsen versagten und mit 40 km/h auf dem Tacho hat sie noch so gerade die Kurve gekriegt.

Tempo 70 zeigte der Tacho sogar bei der letzten Abfahrt - eine Kamikaze-Geschwindigkeit für Hobbyfahrer, nicht aber für die erfahrene Radsportlerin Ganser, die gerade bergab viele Konkurrenten überholen konnte, einige davon mit Schürfwunden gezeichnet.

Während für gestürzte Favoritinnen wie die mehrfache Deutsche Meisterin und Ironman-Siegerin Nicole Leder der Wettkampf da schon längst zu Ende war, erreichte Jennifer Ganser nach 3:20,46 Stunden auf dem Rad die zweite Wechselzone - erholsamer wurde es aber nicht: „Das Laufen war eine Quälerei, es tat von Anfang an weh. Ich war einfach kaputt.”

Gut, wenn am Streckenrand dann Freunde und Familie stehen und fleißig anfeuern: „Das hat gut getan, es hat mich von Runde zu Runde gerettet.”

Im Ziel dann Erschöpfung, die erst am Abend der Zufriedenheit wich. Mit 2:04 Stunden war sie die 21,1 km zwei Minuten schneller gelaufen, als sie sich selbst vorgenommen hatte, im Wasser waren es sogar vier Minuten. Und auch die Zeit auf dem Rad kann sich - angesichts extremer Bedingungen - mehr als sehen lassen.

Ob Jennifer Ganser noch einmal bei so einem Wettbewerb starten wird? Vielleicht, zumindest bei einem 70.3-Triathlon, der halben Strecke des Ironman. Und nicht unbedingt in Wiesbaden: „Mein Mann könnte mir ja mal eine Strecke aussuchen, die nicht ganz so schwer ist.”
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