Jungen Azubis fehlt oft die nötige Reife

Von: Daniel Gerhards
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Anspruchsvolle Ausbildung: Geht es nach der EU-Kommission soll man zukünftig nur eine Krankenpflegeausbildung beginnen dürfen, wenn man zuvor zwölf Jahre zur Schule gegangen ist. Foto: D. Gerhards

Stolberg. Für immer mehr klassische Ausbildungsberufe brauchen junge Leute eine hohe Schulausbildung. Kürzlich schlug die EU-Kommission vor, dass auch Gesundheits- und Krankenpfleger erst nach zwölf Jahren Schule eine Ausbildung beginnen dürfen.

Dadurch soll die Anerkennung des Berufs in anderen EU-Ländern vereinfacht werden. Krankenpfleger könnten also leichter in anderen Ländern der Union arbeiten. Eine solche Regelung könnte zur Folge haben, dass man in Deutschland nur noch nach bestandenem Abitur oder Fachabitur Krankenpfleger werden kann.

Also: Krankenpflege nur noch mit Abi. „Das ist mir zu plakativ. Es geht nicht um das Abitur, es geht um zwölf Jahre Schule“, sagt Susanne Kolb, Leiterin der Franziska-Schervier-Schule für Krankenpflege. Und damit hat sie Recht: Das Wort Abitur kommt in der Eingabe der EU-Kommission nicht vor. Die Schulleiterin findet vielmehr, dass der Vorstoß in die richtige Richtung geht, weil sie der Meinung ist, dass Auszubildenden erst in den Beruf starten sollten, wenn sie mindestens 18 Jahre alt sind und die nötige Reife für den Job haben.

Das bestätigt auch Agnes Gerden-Schmitz: „Bei 16- und 18-Jährigen machen die zwei Jahre Unterschied schon etwas aus“, sagt die Pflegedirektorin des Bethlehem Gesundheitszentrums. „Der Reifegrad der Auszubildenden ist ein ganz wesentlicher Aspekt. Die Leute, auf die sie auf der Station zugehen, befinden sich in einer Krise. Krankheiten sind ja oft mit großen Ängsten verbunden. Das fällt den Leuten mit 16 Jahren erheblich schwerer als mit 18“, sagt Gerden-Schmitz.

Sarah Pauls ist auf ihrem Weg zur Krankenpflegeausbildung nicht bis zum Abitur gegangen. In der zehnten Klasse hat sie das Gymnasium verlassen. Danach hat die 19-jährige Stolbergerin ihr Fachabi für das „Sozial- und Gesundheitswesen“ gemacht. Dabei machte sie auch ein Jahrespraktikum im „Bethlehem“. „Ich hätte auch mein Abi machen können. Aber an der Berufsschule hatte ich mehr Spaß am Lernen. Ich hatte dort Fächer, die schon auf den Beruf bezogen waren“, sagt sie. So konnte Sarah Pauls schon grundlegendes Wissen aus dem Gesundheitswesen erlernen, bevor die Ausbildung überhaupt begann. Im Praktikum habe sich ihr Wunsch, die Ausbildung zu beginnen, noch einmal verstärkt.

Das ist in den Augen der Personalentscheider des „Bethlehem“ sicher ein idealer Werdegang für einen zukünftigen Azubi. Es werden häufig Leute für die Ausbildung eingestellt, die zuvor ein Jahrespraktikum, ein freiwilliges soziales Jahr oder den Bundesfreiwilligendienst im Krankenhaus gemacht haben. „Der potenzielle Azubi lernt die Praxis dabei schon kennen“, sagt Gernden-Schmitz. Er bekomme ein realistischeres Bild vom Beruf und dem Alltag auf einer Krankenhaus-Station. „Und wir lernen die jungen Leute dabei kennen. Wir können dann einschätzen, wie lern- und begeisterungsfähig sie sind und wie es um ihre Sozialkompetenz und Reife steht“, sagt Gerden-Schmitz.

Die Reife sei besonders wichtig, denn die Auszubildenden müssten „ab dem ersten Tag“ eigenständig arbeiten. Das sei bei 16-Jährigen arbeitsrechtlich gar nicht zulässig. „Sie müssen wissen, wo die Grenzen sind: Was kann man eigenständig machen und wann muss man Hilfe holen?“, sagt Gerden-Schmitz.

Den Vorstoß der EU-Kommission, zwölf Jahre Schule zur verpflichtenden Voraussetzung für eine Krankenpflegeausbildung zu machen, finden Gerdes-Schmitz und Kolb nicht falsch. Allerdings müsse dann das „Vakuum“ zwischen dem Schulabschluss nach der zehnten Klasse und dem Beginn der Berufsausbildung geschlossen werden, sagt Kolb. Dies könne beispielsweise durch eine Schulform, die auf die Berufsausbildung vorbereitet oder einen weiteren Ausbildungsschritt (etwa zu Krankenpflegehelferin) geschehen.

In der Praxis würde sich, sollte der Vorschlag der EU-Kommission realisiert werden, zunächst relativ wenig ändern, meint Kolb. Denn 75 Prozent der Auszubildenden, die an der Franziska-Schervier-Schule unterrichtet werden, haben schon jetzt entweder Abitur oder Fachhochschulreife. Bewerber von der Hauptschule oder mit einem Realschulabschluss müssen gute Noten vorweisen, um einen Platz zu ergattern.

Die Bundesregierung unterstützt die EU-Initiative derweil nicht. „Wir sind der Meinung, dass man weiter auch nach zehn Jahren einen Ausbildung beginnen können sollte“, sagt Susanne Wackers, Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums. Die Position des Ministerium: Wegen des steigenden Fachkräftebedarfs werde in den kommenden Jahren ein Mangel an Krankenpflegekräften entstehen. Dieser werde durch den EU-Vorschlag noch verschärft. Fast jeder zweite Auszubildende in der Krankenpflege in Deutschland würde von der Ausbildung ausgeschlossen werden. Einen Sonderweg könne Deutschland jedoch nicht gehen, es komme nun auf die weiteren Verhandlungen in Brüssel an, sagt Wackers.

Ein Vorteil, den die Harmonisierung der Ausbildungsgänge mit sich bringen könnte, wäre, dass die Krankenpfleger leichter in einem anderen EU-Land arbeiten könnten. Auch Kolb findet wichtig, dass die Leute mit ihrer Ausbildung beweglich sind. Gerade in der Grenzregion könne es attraktiv sein, auch in den Niederlanden oder Belgien arbeiten zu können. Heute können Anerkennungsverfahren von Berufsabschlüssen noch bis zu einem Jahr dauern.

Sarah Pauls möchte zunächst nicht ins Ausland wechseln. Sie ist im zweiten Ausbildungsjahr und hat damit ihre Prüfung noch vor sich. Dass sie nicht gleich nach der zehnten Klasse mit der Ausbildung begonnen hat, bereut sie indes nicht. Auf der Kinderstation hat sie schon erlebt, dass junge Pflegekräfte weniger ernst genommen werden: „Es ist schon schwieriger, wenn man mit 16 Jahren versucht, den Eltern von einem kranken Kind etwas zu erklären. Das nehmen nicht alle gut an. Je älter man ist, desto mehr Vertrauen haben die Eltern auch.“

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