Junge Gewalttäter packen im Auenland zu

Von: Mischa Wyboris
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Für manche „schlimmer als Kn
Für manche „schlimmer als Knast”: Das Sozialtraining im Auenland. In dem Jugendbildungshof nahe Mulartshütte sollen jugendliche Wiederholungsstraftäter resozialisiert werden. Foto: Mischa Wyboris

Aachen/Roetgen. Ein zarter Frühlingswind weht durch die Bäume des Auenlandes, der Vichtbach plätschert gemächlich im Glanz des Sonnenlichts. Fast verbirgt das Dickicht den Blick auf eine Gruppe junger Menschen, die sich mit Hilfe von Seilen über das Flüsschen hangeln.

„Langsam”, ruft D. in Richtung L., der die Leinen in der Hand hält. Die Abenteurer kennen sich nicht; ihre jeweilige Geschichte hat sie ins Auenland geführt.

Als L. (Name der Redaktion bekannt) damals seinen Mitschüler mit voller Wucht gegen den Kopf trat, lag der längst am Boden. Wehrlos. „Ich habe das einfach aus Spaß gemacht”, erinnert sich der 16-Jährige. Stress in der Schule, Stress in der Familie. „Das hat in dem Moment gutgetan, aber nichts gebracht.” L. fliegt vom Gymnasium, findet falsche Freunde. Anfang 2011 dann der Tiefpunkt: Mit einem Komplizen überfällt er einen Mann, der gerade Geld am Bank-Automaten gezogen hat. Räuberischer Diebstahl mit Körperverletzung nennt sich das. Der Richter verurteilt L. zu acht Monaten Jugendhaft auf Bewährung - und zum Sozial-Training im Jugendbildungshof Auenland nahe Mulartshütte. Eine fast verbaute Zukunft für zwei kleine braune Scheine.

„Wie viel hast du rausgeholt?”, fragt D. erwartungsvoll. „100 Euro”, antwortet L., und D. nickt fast ein wenig mitleidig. Ihm ist es kaum besser ergangen. Raub und räuberische Erpressung führen auch den 16 Jahre alten D. vor den Jugendrichter, auch er bekommt eine Haftstrafe auf Bewährung und landet im Auenland. Hier lernt er einen geregelten Tagesablauf kennen - und neben L. noch sechs andere Straftäter in seinem Alter. Mit vielem hat er gerechnet, mit Pöbeleien seiner „Kollegen” etwa. „Asoziale Leute kann ich überhaupt nicht abhaben”, sagt D. Doch der große Streit untereinander bleibt aus, die Gruppe hält zusammen. Nicht unbedingt, weil sie will, sondern weil sie muss.

„Das ist hier ja viel schlimmer als Knast”, fluchen manche kaum einen Tag nach ihrer Ankunft. D. schüttelt den Kopf: „Nein, Bruder. Im Gegensatz zum Knast ist das hier ein Paradies.” Er ist einer von zwei Teilnehmern des Sozial-Trainings, die den Jugendknast nicht nur aus Drohungen kennen - der andere ist L. „Ich habe nicht gewusst, was ich machen soll. Ich dachte: Am besten laufe ich mit dem Kopf gegen die Wand.”

Wer im Auenland mit dem Kopf durch die Wand will, kommt bei Michael Schaar nicht weit. Eine Woche lang betreut der Teamleiter der Aachener Jugendgerichtshilfe die acht Teilnehmer des Sozial-Trainings, die dort unter anderem gemeinnützige Arbeit leisten. Intensivbegleitung nennt Schaar das. Er ist ein Kumpeltyp, der bei den Jugendlichen ankommt, der aber auch Grenzen setzen kann.

Deren Akzeptanz muss er sich mit seiner Kollegin Birthe Czarnojan allerdings jeden Tag aufs Neue erarbeiten. „Eine Woche lang fast 24 Stunden am Tag schlichten und immer wieder alles erklären: Was uns die Jugendlichen hier abverlangen, ist eine harte Nuss”, sagt Schaar. Täglicher Kontakt zu gewaltbereiten Teens: Schaar hat keine Angst um seine Haut, aber er braucht ein dickes Fell.

Seit dem vergangenen Herbst arbeitet die Jugendgerichtshilfe mit der Einrichtung Auenland zusammen, die wiederum mit Schulen und Jugendlichen aus Hartz-IV-Haushalten kooperiert. Zweimal im Jahr - einmal in den Osterferien, einmal in den Herbstferien - öffnen sich die Pforten des Auenlandes für eine Gruppe von jungen Straftätern. Zoran Medic profitiert davon. Sein rund 45 000 Quadratmeter großes Areal will instand gehalten, für Ferien- und Seminarbesucher hergerichtet werden. Unkraut zupfen, Zelte aufbauen, Swimming-Pool entlauben, Partykeller renovieren, Fensterrahmen erneuern - der Geschäftsführer der Anlage weiß aber auch: „Das ist keine sinnlose Arbeit, und die Jugendlichen lernen das nach und nach zu schätzen.”

Im Auenland herrschen klare Spielregeln: 7.15 Uhr Aufstehen, 8.15 Uhr Frühstück, 9.30 Uhr Arbeitsantritt. Und immer wieder Teamfähigkeitsübungen - wie das Überqueren des Vichtbachs. „Und die mit dem breitesten Kreuz haben die größte Angst”, weiß Schaar. Abends dann eine Feedback-Runde, später gemeinsames Sitzen am Lagerfeuer. „Da lausche ich sehr gespannt, was der eine dem anderen erzählt”, sagt der Jugendgerichtshelfer.

Zum Beispiel, wenn L. seine Geschichte erzählt, die ihn ins Auenland gebracht hat. „Wenn man Geld braucht, blendet man alles andere aus”, sagt er. „Man denkt für den Moment, aber nicht für die Zukunft.” Doch jetzt ist der Moment, sich um die Zukunft zu sorgen. Wer sich im Auenland verweigert, dem drohen vier Wochen Jugendarrest und kaum Chancen auf eine Perspektive.

L. will auf einem Berufskolleg sein Abitur nachholen. „Ausrutscher”, bei dem andere am Boden liegen, kann er sich nicht mehr leisten. „Die Versuchung ist immer groß”, sagt L. „Aber wenn ich die nächsten zwei Jahre nicht straffällig in Erscheinung trete, dann werde ich mein ganzes Leben nicht mehr straffällig.” D. denkt dasselbe. Er möchte zurück zur Hauptschule, „am besten keine Straftaten mehr begehen. Und wenn einer ankommt und will mit mir ne halbe Million Euro klauen, dann sag ich: Machs alleine!´”
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