Stolberg - Jäger wollen die Schweinepest aufhalten

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Jäger wollen die Schweinepest aufhalten

Von: Laura Laermann
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Von der Natur zurückgeholt: Die Jäger Helmut Kaul und Dr. Uwe Laurien (v. links) werfen einen Blick in die grüne Schlucht. Der einst karge Steinbruch Vygen zwischen Gressenich und Werth ist im Laufe der Jahre zu einem Biotop herangewachsen. Foto: Laura Laermann

Stolberg. Wenn Helmut Kaul ein Tier erlegt, ist das für ihn ein routinierter Ablauf. Emotional wird er dabei nicht. Für ihn steht ein sachlicher Grund im Mittelpunkt. An den Wänden seines Wohnzimmers hängen Füchse, Antilopen, die Geweihe von Rothirschen und Muffelwild.

Doch beim Jagen geht es dem Stolberger nicht allein um Trophäen. Viel wichtiger, und das betont er, ist es, die Jagd aus ökologischer Sicht zu betrachten. Auch bei dem aktuellen Problem, das auf Deutschland zukommt, sieht er die Jäger in besonderer Verantwortung.

Denn die Afrikanische Schweinepest (ASP) breitet sich immer schneller in den Oststaaten aus und könnte auch schon bald die Bundesrepublik treffen. In Polen und Tschechien wurden bereits mehrere Wildschweine entdeckt, die infiziert sind. Die Virusinfektion ist tödlich und kann schnell auf Hausschweine übergreifen. Nicht nur Jäger auch die Schweinezüchter fürchten die Pest. Für die Mastindustrie könnte das einen erheblichen Schaden bedeuten.

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt rief zu strikten Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen auf: „Vom Schweinehalter über den Händler bis zum Reisenden muss jeder helfen, die Ausbreitung zu verhindern.“ Denn einen Impfstoff gibt es nicht, daher sei die einzige Lösung: „Schießen“, sagt Kaul, der in Stolberg Hegeringleiter ist. „Der Bestand muss verkleinert werden. Sind zu viele Wildschweine in einem Gebiet, wandern sie ab. Das fördert die Verbreitung von Krankheiten.“

In den vergangenen Tagen wurde daher mit sofortiger Wirkung die Schonzeit für Wildschweine in Nordrhein-Westfalen aufgehoben. Die Landesregierung will die Wildschweinbestände drastisch reduzieren. Eine Einschränkung bei der Jagd gilt nur für Bachen, weibliche Wildschweine, mit gestreiften Frischlingen unter 25 Kilogramm.

Helmut Kaul und der Wildbiologe Dr. Uwe Laurien sind besorgt über die aktuelle Entwicklung der Pest. Das enorme Wachstum der Wildschweinpopulation erschwert die Situation zusätzlich. „Wildschweine haben eine Vermehrungsrate von 300 Prozent“, erklärt Laurien. „Zudem haben sie ebenso wie Hirsche und Füchse hierzulande keine natürlichen Feinde“, sagt Laurien. Auch der Klimawandel habe Einfluss: Da die Winter immer wärmer werden, können mehr Junge überleben. Nur mit der Jagd kann der Bestand reguliert und Krankheiten vorgebeugt werden, erklärt Helmut Kaul.

Das Problem geht aber nicht allein von den Schweinen aus. Auch Jagdtouristen könnten über Kleidung und Ausrüstungsgegenstände den Virus aus dem Ausland mit nach Deutschland bringen, heißt es von Experten. Die viel größere Gefahr gehe aber von Menschen aus, die infizierte Nahrungsmittel in der Natur entsorgen. So könnten mit dem Virus kontaminierte Fleischreste den Erreger auf diese Weise verbreiten.

Mit regelmäßigen Entmüllungsaktionen versuchen die Stolberger Jäger auch diesem Problem zu entgegnen. Ganzjährig trifft Helmut Kaul verschiedene ökologische Maßnahmen, um sein 550 Hektar großes Revier, das er gepachtet hat, zu umhegen. Die Jagd ist dabei das letzte Glied der Kette – „aber aus ökologischer Sicht unverzichtbar“, sagt Kaul. Denn die Regulierung der Bestände wirke sich auf das gesamte Ökosystem aus.

Etwa um Wildschäden in Wäldern und auf Äckern zu vermeiden. Wildschweine besorgen sich zum Beispiel Eiweiße in Maisfeldern. Der Schaden, der dabei entsteht, kann im vierstelligen Bereich liegen. Das sorgt nicht nur für Verärgerung bei den Bauern. Die Jäger müssen nämlich privat für den Schaden aufkommen, weil sie für die Tiere zuständig sind. Damit nehmen sie ein finanzielles Risiko auf sich.

Auch wenn das Verhältnis zwischen Landwirt und Jäger nicht immer entspannt ist, versuchen Kaul und Laurien, möglichst gut mit den Landwirten zusammenarbeiten. Mit der Wiederaufforstung von Hecken und Blühstreifen auf Feldern soll der Lebensraum für Tiere wieder attraktiver werden. Zum nachhaltigen Jagen gehört es eben nicht nur dazu, Tiere zu erlegen, sondern auch neues Leben zu schaffen.

Kaul ist schon seit 58 Jahren Jäger und wundert sich nicht über das Artensterben. Es sei eine Folge der Flurbereinigung vor einigen Jahrzehnten, sagt der 74-Jährige. Landwirte begradigten damals Bächer oder schütteten sie zu, trockneten Nass-Biotope aus, fällten Bäume und Hecken zur optimalen Nutzung der Agrarflächen. „Das kann man nicht mehr rückgängig machen“, sagt der Biologe Uwe Laurien.

Denn längst nicht alle Tiere sind so verwöhnt wie die Wildschweine. Während Schwarzwild in Raps- und Maisfeldern ein reichhaltiges Nahrungsangebot und Schutz finden, sind einige Vogelarten wie die Waldschnepfe, Feldlerche, das Hasel- oder das Rebhuhn vom Aussterben bedroht. Ihnen fehlen diese Nahrungsquellen. Zudem haben die Bodenbrüter dutzende Fressfeinde, erklärt Helmut Kaul. Hecken, die ihnen Schutz vor Fressfeinden bieten, sind in der Landwirtschaft kaum zu finden.

Deutlich intakter ist der Wald, aber auch dort müssten die Jäger eingreifen. Zum Beispiel knabbern Rehe und Hirsche gerne Jungbäume an, die davon erheblichen Schaden tragen. Als Gegenmaßnahme zäunen die Jäger die Jungbäume ein oder besprühen sie mit Bitterstoffen, um die Wildtiere fernzuhalten. Stattdessen werden sogenannte Äsungsflächen geschaffen, Wildwiesen, die Tieren eine Vielzahl von Kräutern als Nahrungsquelle bieten.

Aber nun steht für Helmut Kaul und Uwe Laurien ein anderes Problem im Mittelpunkt: Sie müssen raus zur Wildschweinjagd, damit die Afrikanische Schweinepest aus Stolberg fern bleibt.

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