Stolberg - Interview: „Wer etwas erkämpfen will, der muss sich zeigen“

Whatsapp Freisteller

Interview: „Wer etwas erkämpfen will, der muss sich zeigen“

Von: Michael Grobusch
Letzte Aktualisierung:
9127145.jpg
Georg Moik

Stolberg. Zum Jubiläum wird er Abschied nehmen: 25 Jahre nach seinem Dienstantritt ist für Georg Moik am 30. April Schluss. Dann geht der Gewerkschaftssekretär der IG Metall Stolberg/Eschweiler in Rente. Eigentlich sollte sein Ausscheiden zu diesem Zeitpunkt noch gar kein Thema sein.

Doch der Ortsvorstand hat sich am Wochenende kurzfristig entschieden, den personellen Wechsel an der Spitze der Verwaltungsstelle bei der Delegiertenversammlung auf die Tagesordnung zu setzen (wir berichteten). Seitdem ist offiziell, dass nicht nur Moik, sondern zwei Monate später auch Geschäftsführer Helmut Wirtz die Verantwortung abgeben wird. Die IG Metall steht somit vor einem Umbruch.

 

Die meisten Delegierten im Jugendheim Münsterbusch waren überrascht, dass der Vorstand kurz vor Weihnachten das Personalkarussell in Schwung gebracht hat. Eigentlich wollte die IG Metall sich doch erst Anfang 2015 positionieren.

Moik: Das war in der Tat so vorgesehen. Die Nominierung von Martin Peters für die Wahl zum neuen Geschäftsführer und der Wechsel von Ralf Radmacher von der Firma Prym in die Verwaltungsstelle sollten erst am 3. Februar im Eschweiler Talbahnhof bekanntgegeben werden. In der Zwischenzeit hat es aber so viele Nachfragen vor allem aus den Betrieben gegeben, dass wir uns spontan entschlossen haben, unseren Zeitplan zu ändern. Schließlich haben wir immer großen Wert auf Transparenz gelegt.

Dem Vernehmen nach war Ihr Entschluss zum Einstieg bei der IG Metall auch recht spontan.

Moik: Sagen wir mal so: Ich hatte eigentlich nicht vor, mich bei der Gewerkschaft zu bewerben. Doch dann bin ich vom damaligen Geschäftsführer Rudi Heuer dazu aufgefordert worden. Im Anschluss habe ich tatsächlich meine Bewerbung eingereicht und am 1. Januar 1990 meine die Arbeit als Gewerkschaftssekretär aufgenommen.

Hatten Sie damals schon einen Bezug zur IG Metall?

Moik: Ich war bereits Revisor im Ortsvorstand und nicht freigestellter Betriebsratsvorsitzender bei der Firma Gebrüder Dohlen in Nothberg. Neuland habe ich also nicht betreten.

Mussten Sie lange überlegen?

Moik: Eigentlich nicht. Ich gehörte dem Betrieb schon fast 25 Jahre an, und irgendwie war alles viel zu viel Routine. Deshalb hat mich das Neue sehr gereizt.

Gab es auch mal Zweifel daran, den richtigen Schritt gemacht zu haben?

Moik: 2009 und 2010, als die Finanzkrise kam und ich zugleich gesundheitlich etwas daneben hing, da gab es eine Phase, in der ich das Gefühl hatte, dass mir alles zu viel werden könnte. Damals habe ich mir eine dreimonatige Auszeit genommen, dabei sehr viel Unterstützung von meinen Kollegen erfahren und das Ganze deshalb auch gut überstanden.

Die IG Metall ist eine starke Gewerkschaft mit vielen Erfolgen. Gab es für Sie auch schwere Niederlagen?

Moik: Sicher. Zum Beispiel der massive Stellenabbau bei der Firma Hoffmann im Jahr 2009. Ich habe mich damals bei einer Betriebsversammlung massiv mit der Geschäftsführung angelegt, sollte daraufhin Hausverbot erteilt bekommen. Unterm Strich haben wir es nicht verhindern können, dass 70 Kollegen ihren Job verlieren. Das hat mir schon sehr zu schaffen gemacht, zumal ich selber in Eschweiler lebe und die meisten von ihnen persönlich kannte und kennen. Und dann war da natürlich noch die Betriebsschließung bei Prysmian Ende 2012. Das war bitter, weil es alle Beteiligten geschafft hatten, die Ergebnisse zu verbessern, und der Standort dann doch aufgegeben wurde, weil er der kleinste im Konzern war. Davon waren 160 Mitarbeiter betroffen.

Hat es in solchen Fällen Vorwürfe gegeben?

Moik: Nein. Die Menschen haben verstanden, dass die IG Metall und auch sie selbst nicht die Verursacher der Situation waren. Das lag auch daran, dass wir immer sehr viel und offen mit ihnen gesprochen haben. Das ist insgesamt eine ganz große Stärke von uns. Sie ist in Eschweiler und Stolberg sicherlich zum Teil auch dadurch bedingt, dass wir eine kleine Geschäftsstelle sind und es immer geschafft haben, den persönlichen Kontakt zu unseren Mitgliedern nicht zu vernachlässigen. Daraus ist eine Vertraulichkeit und Vertrautheit entstanden, die unheimlich viel wert ist.

Gab es auch besondere Highlights in Ihren 25 Jahren bei der IG Metall?

Moik: Highlights waren eigentlich immer die Tarifrunden. Am Anfang stehen die Forderungen, und man weiß nie, was sich daraus entwickelt. Das wird auch im nächsten Frühjahr wieder so sein.

Die Tarifrunden hat die IG Metall in der Regel mit sehr guten Ergebnissen abgeschlossen.

Moik: Wir sind schon führend in der Tarifpolitik und die Lokomotive für andere Gewerkschaften. Die Stärke ist bedingt durch unsere Mitgliederzahl, aber auch durch die gesamte Organisation. Die IG Metall hat sich in den vergangenen 20 Jahren sehr gewandelt. Wir sind sehr breit und strukturiert aufgestellt, legen sehr viel Wert auf Bildungsarbeit und sind auch technisch auf dem aktuellsten Stand. Insgesamt wird in der IG Metall sehr professionell gearbeitet.

Trotzdem verliert auch die IG Metall Mitglieder.

Moik: Nicht immer. 2012 und 2013 waren wir im Plus, 2014 werden wir das Niveau wahrscheinlich halten können. Aber davor hat es in der Tat auch bei uns rückläufige Zahlen gegeben. In der gesamten Altindustrie gibt es keinen personellen Zuwachs mehr, weil die Produktivität immer mehr gesteigert wird. Das macht die Mitgliedergewinnung schwierig.

Man sagt, in schlechten Zeiten haben Gewerkschaften besonders starken Zulauf.

Moik: Nein, einen solchen Automatismus gibt es nicht. Natürlich kommt es punktuell vor, dass die Mitgliederzahlen steigen, wenn wir beteiligt sind. Aber die Leidensgrenze bei vielen Menschen ist heute sehr hoch, und es dauert leider sehr lange, ehe sie sich wehren und gewerkschaftlich organisieren. Wer etwas erkämpfen will, der muss sich zeigen und für die Dinge eintreten. Wir müssen heute um jedes einzelne Mitglied kämpfen und versuchen den Leuten klarzumachen, dass eine Organisation viel mehr erreichen kann als ein Einzelner.

In Stolberg und Eschweiler haben Sie viele junge Mitglieder gewinnen können.

Moik: Das ist der Erfolg einer Initiative, die der Vorstand und die Bezirksleitung angestoßen haben. Bei uns vor Ort hat sie noch einen zusätzlichen Schub bekommen durch die gute Arbeit unseres Sekretärs Martin Peters. Leider ist die Ausbildungszahl in den Betrieben in den vergangenen zehn Jahren massiv zurückgegangen. Umso höher sind die vielen Neueintritte zu bewerten.

Martin Peters soll im Juni mit dann 32 Jahren neuer Geschäftsführer werden, der 55-jährige Ralf Radmacher Sekretär. Diese Kombination dürfte kein Zufall sein.

Moik: Nein, wir haben uns bewusst für einen jungen Funktionär und einen erfahrenen Betriebsrat entschieden. Diese Mischung hat viele Vorteile. Ein junger Gewerkschafter kann neue Akzente setzen, und die Erfahrung eines langjährigen Betriebsratsvorsitzenden ist nicht zu unterschätzen. Ich denke, das passt sehr gut für unsere Verwaltungsstelle.

Am 30. April räumen sie ihren Schreibtisch am Mühlener Markt. Haben Sie schon eine Vorstellung davon, was sich bei Ihnen an diesem Tag emotional abspielen wird?

Moik: Das ist schon jetzt ein Wechselbad der Gefühle. Ich weiß, dieser Tag wird kommen, und irgendwie ist das auch gut so. Andererseits muss ich einiges hinter mir lassen, mit dem ich sehr eng verbunden bin.

Werden Sie sich, wie man so schön sagt, dann ganz raustun?

Moik: Ich bin ja gewählter Delegierter, und als solcher werde ich bis zum Ende der Amtsperiode im Jahr 2016 auch ganz normal an den Versammlungen teilnehmen und mitwirken. Zudem biete ich für den September 2015 noch mal ein Seminar zum Arbeitsrecht an.

Und was werden Sie ansonsten mit der dann vielen freien Zeit machen?

Moik: Ich werde mir in erster Linie Zeit für die Dinge nehmen, die bisher nur so nebenher gelaufen sind – für das Zuhause, den Garten und natürlich für meine drei Enkelkinder, das ist mir ganz wichtig. Und natürlich werde ich weiterhin viel Urlaub machen, denn es gibt noch eine Menge zu sehen auf dieser Welt.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert