Immer auf der Suche nach Stolperfallen

Von: Ottmar Hansen
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Thomas Gerth läuft jetzt im Auftrag der Stadt die Stolberger Straßen und Gehwege ab, um Schäden aufzuspüren und zu notieren. Damit sie rasch repariert werden können. Foto: O. Hansen
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Ein großes Stück Bordstein ist auf unerklärliche Weise an der Würselener Straße verschwunden. Hier wächst jetzt Löwenzahn. Die Lücke bildet eine Gefahr für Fußgänger, die hier stürzen könnten. Foto: O. Hansen

Stolberg. Sein Blick ist meistens Richtung Boden gesenkt, wenn Thomas Gerth durch die Stadt läuft. Der Angestellte des Technischen Betriebsamtes mustert auch an diesem Morgen bei seinem Weg über den Bürgersteig der Würselener Straße Fläche unter seinen Füßen. Fast jede Gehwegplatte und jede Bordsteinkante wird penibel in Augenschein genommen. Zur Beantwortung der Frage: Wo könnte sich auf dem Gehweg eine Stolperfalle für Fußgänger verbergen?

Anfang November wurde Thomas Gerth von der Stadtverwaltung eingestellt. Die Schäden an Straßen und Gehwegen in Stolberg haben in den letzten Jahren derart zugenommen, dass jemand sie einfach erfassen und eine Prioritätenliste für die Reparatur erstellen muss.

Inzwischen kennt sich Thomas Gerth bereits bestens in der Kupferstadt aus und läuft seine Strecken fast automatisch ab. Der Mann ist aber auch Experte auf seinem Fachgebiet. Der 46-Jährige ist gelernter Straßenbauer, er war zuvor auch als Polier und Bauleiter tätig und ist staatlich geprüfter Bautechniker.

Seine Aufgabe in Stolberg stellt allerdings auch für den Fachmann durchaus eine Herausforderung dar. Da die Stadt zuletzt nicht genug Geld in die Instandhaltung ihrer Infrastruktur investiert hat, gibt es kaum noch eine Straße ohne Schlaglöcher und kaum noch einen Gehweg ohne wackelnde oder zerbrochene Platten in Stolberg. Ein kaum zu lösendes Problem.

Den Stadtplan studiert

„Ich habe mich erst einmal mit einem Stadtplan hingesetzt und die Stolberger Straßen nach ihrer Belastung durch den Verkehr eingeteilt“, blickt Thomas Gerth auf die ersten Tage seiner Arbeit für die Verwaltung zurück. Sein Ziel ist, jede Straße mindestens einmal alle drei Monate zu kontrollieren. Hauptverkehrsachsen wesentlich öfter.

Eine Fußgängerzone wie den Steinweg begutachtet Gerth einmal die Woche. Der Grund liegt auf der Hand. Gerth: „Hier sind die Fußgänger durch die Schaufenster abgelenkt und schauen deshalb nicht so oft auf den Boden, dass sie Schäden im Belag rechtzeitig erkennen würden.“

Der technische Mitarbeiter ist bei jedem Wetter draußen unterwegs. Auf sich alleine gestellt. In jedem Stadtteil. Immer dabei hat er sein Klemmbrett mit einem Formular, in das er die entdeckten Schäden samt genauer Ortung eintragen kann. Auch an diesem Morgen braucht Thomas Gerth nicht weit zu laufen, um den ersten gravierenden Schaden zu entdecken.

An der Kreuzung Würselener Straße/Rhenaniastraße ist ein Bordstein gebrochen und abgesackt. Ein Fußgänger, der hier zur Ampel sieht und auf Grünlicht wartet, schaut natürlich nicht zu seinen Füßen hinunter und auf den Knick im Bodenbelag gleich vor ihm. Und wenn er dann bei Grünlicht endlich los gehen kann, ist die Gefahr eines Sturzes groß. Sorgfältig, mit genauer Fundstelle, notiert Thomas Gerth den Schaden in seinem Formular. Unter der Kategorie: „Dringendst zu beheben.“ Zur Dokumentation macht er auch noch ein Foto von der Stolperfalle.

Gehwegplatten zerrissen

„Man braucht in Stolberg nicht weit zu gehen, um derartige Schäden zu entdecken. Das ist leider so“, weiß Thomas Gerth inzwischen. Auf dem weiteren Weg entlang der Würselener Straße Richtung Ortsausgang läuft der Experte über zig zerrissene Gehwegplatten.

Aber die kann man noch benutzen, ohne gleich zu stürzen. „Die Kunst ist, zu sehen, hinter welchem Schaden sich eine Gefahr für Autofahrer und Fußgänger verbirgt, und über welchen Defekt man noch hinweg sehen kann“, sagt Gerth.

Bei dringenden Fällen versuche das Technische Betriebsamt, die Schäden rasch zu beheben. Möglichst noch am selben Tag. Notfalls müsse eine Fremdfirma helfend einspringen. Weniger gravierende Defekte, die Gerth im Belag entdeckt, kommen auf eine Prioritätenliste.

Allein 2013 gab es mehrere Personenschäden von Bürgern, die auf dem Gehweg gestürzt sind. Schon allein deswegen forderten die in Anspruch genommenen Versicherungsunternehmen die Einstellung eines Experten durch die Stadt, der die Wege regelmäßig kontrolliert. Dieser Auflage ist die Stadt mit der Einstellung Gerths nachgekommen. Am Eingang von der Würselener Straße zum Luchsweg stehen Gehwegplatten bedenklich hoch. Eine Gefahrenstelle, die Thomas Gerth wieder auf seinem Formular notiert.

Dieser Schaden sei ja noch relativ einfach zu beheben, betont der Fachmann. Schlechter sehe es aus, wenn der Gehweg asphaltiert wurde. „Asphalt braucht ständige Belastung, um geknetet zu werden“, berichtet Werth. Das funktioniere auf der Straße ganz gut, nicht jedoch auf einem Gehweg, der nicht regelmäßig und natürlich auch mit geringerem Gewicht genutzt werde.

Die Folge: Der Asphalt bekommt Haarrisse, in die Wasser eindringt. Der Frost sorgt dann im Winter dafür, dass der Asphaltbelag förmlich zerbröselt. Eine zerbrochene Gehwegplatte sei leicht auszuwechseln. Der löchrige Asphalt müsse komplett abgetragen werden. Aufwendig und teuer.

Aber auch was die Gehwegplatten angeht, ist die Bautechnik heute schon weiter als noch vor einigen Jahren. Zu der Zeit, als in Stolberg viele Platten ausgelegt wurden. Gerth: „Die Platten werden heute nicht mehr auf Betonestrich verlegt, sondern auf einem Split/Sand-Gemisch, das wasserdurchlässig ist.“

Einige Häuser weiter notiert Gerth einen Bordstein in seinem Schadensformular, von dem, wie auch immer, fast ein Drittel verschwunden ist. Stattdessen wächst jetzt Löwenzahn in der Lücke. 20 Meter weiter sind zwei Bordsteine Richtung Straße gekippt. Erneut eine Gefahr für Fußgänger oder Radler.

Um seinen Kontrolldienst verrichten zu können, benötigt Thomas Gerth natürlich Tageslicht. Abends spät oder am frühen Morgen mit einer Taschenlampe durch die Stadt zu laufen, macht wenig Sinn. Auch unter einer Schneedecke wären die Schäden am Boden kaum zu erkennen. Für Thomas Gerth kann der weiße Winter also ruhig noch etwas auf sich warten lassen.

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