Stolberg - Im Sternenhaus das zweite Zuhause gefunden

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Im Sternenhaus das zweite Zuhause gefunden

Von: Nadine Preller
Letzte Aktualisierung:
Die Mitarbeiter im Sternenhaus
Die Mitarbeiter im Sternenhaus: Laura Schotten, Nicole Hund, Guido Möbus, Janina Obst, Florian Lieser und Daniel Horn (v.l.). Und natürlich darf Gruppenhündin Emma auch nicht fehlen. Foto: N. Preller

Stolberg. Man nehme eine Prise Sternenstaub, das fröhliche Hundegebell eines Labradors sowie eine Handvoll Sonnenlicht und werfe das Ganze in das alte Pfarrhaus dort oben am Donnerberg.

Heraus kommt eine Einrichtung, die Kindern und Jugendlichen mit traumatischen Erfahrungen ein zweites Zuhause geben will. Ein Zuhause, das sie dort, wo sie herkommen, nicht mehr finden können. Weil sie diese Erlebnisse hatten: Verwahrlosung oder Misshandlung. Oder beides. An der Höhenstraße entsteht derzeit ein Ort für die jungen Suchenden, die nun zur Ruhe kommen und wieder den richtigen Weg im Leben finden sollen. Und dieser Ort wächst von Tag zu Tag.

Acht Kinder im Alter von elf bis 15 Jahren finden Platz in der traumapädagogischen Wohngruppe, die sich kurz einfach nur Sternenhaus nennt und dem Haus St. Josef in Eschweiler angehört. Die pädagogische Arbeit im Haus St. Josef gestaltet sich in individuellen Betreuungsformen für junge Menschen: stationäre und ambulante Hilfen, die Schul- und Jugendhilfe, psychologische Fachdienste, einen Förder- und Freizeitbereich. Das Sternenhaus ist eine von insgesamt acht stationären Wohngruppen, die verteilt sind über die gesamte Städteregion. Von Eschweiler sind die Kinder samt Erzieher an den neuen Standort auf dem Donnerberg umgezogen.

Platz, Licht, Wärme

In die Glastür des ehemaligen Pfarrhauses sind jetzt zahlreiche Sterne eingraviert, darüber die Lettern Sternenhaus geschrieben. Ein Drücken des Klingelknopfes, und schon kommt Emma angesaust. Die hauseigene Labrador-Hündin begrüßt den Eintretenden mit aufgeregtem Schwanzwedeln. Hinter ihr her schaut ein lachender Mann, mittelgroß, mit strahlenden hellen Augen. Es ist Teamleiter Guido Möbus, einer von insgesamt acht Mitarbeitern. „Die vorherige Einrichtung hat nicht unseren Ansprüchen genügt: Es war ein altes Haus mit kleinen Fenstern, beengtem Garten, mitten in der Stadt. Da gab es wenig Platz sich zu entfalten”, sagt er.

Aber Platz, Licht, Wärme - das sind Dinge, die die jungen Bewohner brauchen - und im Sternenhaus finden. Dort leben die jungen Menschen dann, „mindestens zwei Jahre, in vielen Fällen bis ins Erwachsenenalter”. Vormittags besuchen sie die Schulen im Umkreis, steigen wie alle anderen Kinder morgens in den Bus. Nachmittags gehts wieder in die Höhenstraße, gemeinsames Mittagessen steht auf dem Plan, dann Hausaufgaben machen. Nach der Arbeit das Vergnügen: Freunde treffen, chillen, durch die Stadt ziehen. „Bei uns läuft alles wie in jeder anderen Familie auch.”

Und ja, das Haus schaut ganz und gar nicht aus, wie es alte verstaubte Vorstellungen von Kinderheimen hergeben wollen. „Hier hausen keine 80 Kinder in einem kalten Steinbau, bewacht von strengen Vorgesetzten”, sagt der Teamleiter und lacht. Es gibt ein Wohnzimmer mit einer gemütlichen Sitzecke und einem Holzofen, darüber private Bilder der Bewohner. Sie lachen auf den Fotos, blödeln mit den Erziehern auf der Couch herum. Im Flur hängen Stundenpläne. Und in der Küche steht ein prall gefüllter Obstkorb neben Rezeptbüchern. Durch die großen Fenster hat man rundherum einen Blick auf den dicht bewachsenen Garten. Und immer wieder streift Hündin Emma durch die hellen Räume, tapst ab und an mal in die oberen Etagen, wo die Zimmer der Kinder liegen. Sie sind abgeschlossen. Privatsphäre ist schließlich ein hohes Gut.

Familienleben eben - mit acht Kindern und ebenso vielen Erziehern, Praktikanten, Mitarbeitern, die sich im Schichtdienst die Arbeit teilen. Nachmittags geht es für viele der jungen Leute zur Therapie. Daneben fahren die Erzieher ein zusätzliches Programm auf. „Morgen beispielsweise wander ich mit dem ganzen Trupp in den Wald”, sagt Reiner Bürschgens, das Urgestein des Teams. Seit neun Jahren ist der 44-Jährige mit dabei und für den erlebnispädagogischen Part zuständig. Was sich dann dort zwischen Bäumen, Laub und Wurzeln abspielt? Eine Schlange wird beispielsweise gebildet, jeder hält sich am anderen fest, dann werden die Augen geschlossen, Bürschgens geht voran. „Es geht darum, einander zu vertrauen. Dinge, die die jungen Leute erst wieder lernen müssen.”

Und es gibt Regeln: Essen zu abgemachten Zeiten, den Besuch von Freunden anmelden, abends nicht einfach wegbleiben. Eine Stunde dürfen die Kinder am Tag Computer spielen. Es gibt Taschengeld, für gute Noten extra was auf die Hand. Ab 14 Jahren bekommt man einen eigenen Wecker, muss lernen, selbstständig aufzustehen. „Das sind Dinge, die die meisten nicht kennen. Damals gab es oft niemanden, der sich um sie gekümmert hat. Und somit gab es auch keine Regeln”, sagt Möbus. Jetzt sind sie da - die Regeln. Und Wutanfälle oft schon programmiert. Verstört aber verhalten sich die Kinder meist, wenn sie etwas an ihr traumatisches Erlebnis erinnert.

„Das kann ein bestimmter Geruch sein, ein Geräusch, ein Wort.” Türenknallen, Erstarren, in sich zurückziehen - oft werden die Erzieher unerwartet mit dem Verhalten der Kinder konfrontiert. „Wir kennen nur die Spitze des Eisbergs. Unsere Aufgabe ist es herauszufinden, wovor die Kinder sich fürchten und ihnen diese Angst zu nehmen. Wir wollen sie bestmöglich vorbereiten, damit sie mit 18 Jahren hier ausziehen und selbstständig durchs Leben ziehen können.” Ein Vorhaben, das im Großteil der Fälle gelinge.

So langsam tasten sie sich jetzt vor - die Kinder und die Betreuer - gehen hinaus vor die Tür. „Wir sind die neuen Nachbarn, die ihr Umfeld kennenlernen wollen”, betont Möbus. Und als Zugezogener bietet er „seinen neuen Nachbarn” auch an, gerne mal vorbeizuschauen, um zu sehen, dass im Sternenhaus ein netter bunter Haufen lebt.

Und der hat momentan noch alle Hände voll zu tun. Zimmerstreichen steht auf dem Plan. Und im Garten sollen die Teiche zugeschüttet werden. Damit genug Platz ist für eine Holzhütte und einen Grillplatz. Der Rasen muss natürlich auch noch gemäht werden - und da muss jeder einmal ran, ob er Lust hat oder nicht. Wie gesagt: wie in einer ganz normalen Familie.

Von Kindern für Kinder: Kinderrechte-Kalender

Die Kinder und Jugendlichen der stationären Wohngruppen von St. Josef haben im Kinder- und Jugendparlament einen Kalender zum Thema Kinderrechte gestaltet.

Ab November kann der Kalender für 12,50 Euro im Sternenhaus, Höhenstraße 51a, oder über das Internet bestellt werden. Im Preis enthalten sind zehn Euro Materialkosten sowie 2,50 Euro, die an das Kinder- und Jugendparlament gehen.

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