Im Bethlehem gibt es keine „Pille danach“

Von: Daniel Gerhards
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Nur nichts von einem Unbekannten trinken: K.o.-Tropfen landen häufig in den Getränken von jungen Diskothek-Besucherinnen. Katholische Krankenhäuser kamen jüngst in Verruf, da sie ein Vergewaltigungsopfer, das so betäubt wurde, nicht behandelten. Foto: imago/Lars Reimann

Stolberg. Die Meldung hat hohe Wellen geschlagen: Mitte Dezember wurde eine 25-Jährige in Köln mit K.o.-Tropfen betäubt und vergewaltigt. In zwei katholischen Krankenhäusern wollte ihr offenbar trotzdem niemand helfen. Scheinbar wollten die Ärzte so ein Gespräch über die „Pille danach“ vermeiden. Denn diese lehnt die katholische Kirche strikt ab.

Zwar beschwichtigte die Leitung der katholischen Kirche: Es habe sich um Missverständnisse gehandelt. Doch die Geistlichen bleiben bei ihrem Standpunkt: Die „Pille danach“ ist tabu. Wer sie nimmt, vernichte bereits Leben. Der Kölner Kardinal Joachim Meisner präzisierte am Donnerstag: die Abgabe zeugungshemmender „Pillen danach“ an Missbrauchsopfer sei akzeptabel, solange sie Befruchtung verhindert. Präparate, die die Einnistung bereits befruchteter Eizellen verhindern sollen, seien hingegen nicht hinnehmbar, so Meisner. Damit rudert die Kirche ein wenig zurück.

Doch was, wenn nun eine junge Frau nach einer Nacht in einer Bar oder Diskothek auf einer Stolberger Parkbank wach wird? Wird ihr hier geholfen oder geht es ihr nicht besser als der vergewaltigten Kölnerin? Das Bethlehem-Gesundheitszentrum ist ja schließlich auch in katholischer Trägerschaft. Man brauche das katholische Haus nicht zu meiden, erklärt „Bethlehem“-Personalleiter Helmut Drummen. „Wenn jemand in so einer Situation ist, kann sie zu uns kommen“, sagt er. Das „Bethlehem“ lasse die „traumatisierten Frauen nicht im Regen stehen“.

Vollständige Untersuchung

Das bestätigt Professor Dr. Christian Karl. Der Leiter der Gynäkologie des Krankenhauses erklärt, dass bei solchen Fällen der komplette Körper der Frau untersucht werde. Es werden Fotoaufnahmen von Verletzungen gemacht und die Frau wird gynäkologisch untersucht. Dabei geht es um Geschlechtskrankheiten und um Sperma-Reste. Schließlich gilt es Beweise zu sichern, falls es eine Vergewaltigung gab.

Ein bis zwei mal pro Jahr komme eine Frau ins Krankenhaus, die mit K.o.-Tropfen betäubt wurde, sagt Karl. Er geht aber davon aus, dass es eine große Dunkelziffer gibt, weil sich viele Frauen nicht trauen zum Arzt zu gehen oder weil sie sich schämen. Diejenigen, die trotzdem ins Krankenhaus kommen, stehen „häufig noch unter Schock“. Im „Bethlehem“ werden sie psychologisch und seelsorgerisch betreut. „Das ist gleichwertig mit der Beweissicherung und der körperlichen Untersuchung“, sagt Karl.

Doch an einem Punkt ist für die Ärzte im „Bethlehem“ Schluss: Die „Pille danach“ verschreiben sie nicht. „Wir vertreten da die katholische Position. Wir werden niemandem zu einem Schwangerschaftsabbruch raten“, sagt Drummen. Gleichwohl kläre man die Patientin darüber auf, dass es zu einer Schwangerschaft kommen kann und auch darüber, dass man die „Pille danach“ noch bis zu 48 Stunden nach dem Geschlechtsverkehr nehmen kann, sagt Karl. Empfehlen wollen die katholischen Ärzte das Empfängnisverhütungsmittel aber nicht.

Für Karl ist die medizinische Pflicht damit erfüllt: Alle Untersuchungen, die Beweissicherung und die psychologische Betreuung finden genauso, wie in jedem anderem öffentlichen Krankenhaus statt. Es gebe bloß kein Verhütungsmittel. Das Rezept dafür bekomme man in der Notfallambulanz oder bei einem niedergelassenen Arzt. Und die Tablette gibt es in der Apotheke. „Medizinisch halte ich das für vertretbar. Es gibt ja eine ausreichende Zeitspanne, innerhalb derer man das Präparat einnehmen kann“, sagt Karl. Zudem müsse es in weltlich geführten Krankenhäusern auch nicht immer schneller gehen: „In öffentlich-rechtlichen Krankenhäusern liegt die Pille auch nicht rum.

Die Ärzte dort schreiben das Rezept auf. Und dann muss man trotzdem zur Notfallapotheke“, sagt Karl. Auch persönlich steht der Arzt hinter der Praxis des „Bethlehem“: „Ich habe das Haus mit dieser Trägerschaft als Arbeitgeber gewählt. Solange ich das mit meinem ethisch-medizinischen Gewissen vereinbaren kann, gehe ich da voll mit“, sagt er.

Um Informationen zum Thema K.o.-Tropfen zu bündeln, möchten das „Bethlehem“ und die Stadt Stolberg ihre Internetseiten nun verlinken. „Es herrscht große Verunsicherung. Wir wollen mit den Informationen Abhilfe schaffen“, sagt Stolbergs Gleichstellungsbeauftragte Susanne Goldmann. „Im Krankenhaus in Stolberg gibt es kein Problem, bis auf die Schwangerschaftskonfliktberatung und die Pille danach“, sagt sie. Sie hat die Informationen mit Hilfe der Polizei zusammengetragen.

Wichtig ist ihr, dass die Informationen auch zu den Schulen durchdringen. Zum einen, damit die jungen Leute gar nicht erst mit solchen Tropfen betäubt werden. Auf der anderen Seite sollen die Schüler aber auch wissen, was zu tun ist, wenn es doch zu einer solchen Situation kommt. „Man kann das zwar vermeiden, aber ich denke, nicht immer. Nicht jeder Täter ist ein Unbekannter“, sagt Goldmann. In erster Linie solle man darauf achten keine Getränke von Fremden anzunehmen.

Drummen findet, dass durch die Vorfälle an den beiden Kölner Krankenhäusern alle katholischen Ärzte unter Generalverdacht stehen. Er will sich zu dem, was dort passiert ist, nicht äußern, da er die Hintergründe nicht kenne. Aber: „Es ist ein schiefes Bild entstanden.“ Es sei der Eindruck erweckt worden, dass sich katholische Krankenhäuser „raus tun“. Das sei jedoch falsch – zumindest für das „Bethlehem“ gelte dies nicht. Drummen: „Es ist unsere erste Pflicht zu helfen.“

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