Stolberg - Helfer auf vier Pfoten weckt die Lebenslust

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Helfer auf vier Pfoten weckt die Lebenslust

Von: Heike Eisenmenger
Letzte Aktualisierung:
Vierbeiner Paula hat das Herz
Vierbeiner Paula hat das Herz von Katharina Jones (l.), hier mit Hundetherapieführerin Sabine Jahn, im Sturm erobert.

Stolberg. Paula fühlt sich gut an: so weich und kuschelig. Die alte Dame streichelt etwas unbeholfen, aber liebevoll, durch Paulas Fell. Plötzlich klärt sich der sonst so leere Blick der Demenzkranken. Sie lacht leise, und Paula legt den Kopf schief.

Irgendetwas ist durch den Nebel der Demenz an die Oberfläche ihres Bewusstseins gedrungen. Vielleicht lacht die Seniorin, weil sie die Berührung mit dem weichen Fell an ihre Kinderzeit erinnert. Vielleicht aber auch nur deswegen, weil ein Elo so drollig aussieht. Doch das Warum ist gar nicht so wichtig. Was zählt, ist, dass es der alten Dame in diesem Moment gutgeht.

Paula und ihre vierbeinigen Kollegen sind regelmäßig zu Besuch im „Haus Lucia”. Das ist eine Einrichtung des Stolberger Krankenhauses für Kurzzeit- und Tagespflege. Es sind besondere Vierbeiner, die in der Einrichtung am Halsbrech in der tiergestützten Therapie zum Einsatz kommen. Und das nicht nur, weil sie Elos - diese Rasse gilt als besonders wesensfest und belastbar - sind. „Besonders” sind sie deswegen, weil sie einen wichtigen „Job” machen: Sie sind die vierbeinigen „Co-Therapeuthen” von Sabine Jahn. Die 46-jährige aus Inden bildet die Therapiehunde aus und besucht mit ihnen Altenheime, Pflegeeinrichtungen und Kindergärten.

„Die Erfolge sind unglaublich, wir erleben das ja jeden Tag”, beteuert die ausgebildete Hundetherapieführerin und Gerontotherapeutin, die sich mit der Geschäftsidee 2009 selbstständig gemacht hat.

„Der Nutzen einer Tiertherapie ist wissenschaftlich belegt. Allein durch den Umstand, dass sich der Patient entspannt, sind Muskeln nicht mehr so verkrampft, und der Blutdruck sinkt.” Vor allem aber animiere der Therapiehund dazu, sich zu bewegen, und davon profitiere der gesamte Organismus. Gerade bei Schlaganfall-Patienten sei der Therapiehund oftmals eine Brücke. „Wir haben immer wieder mit Patienten zu tun, die durch den Schlaganfall völlig aus der Bahn geworfen worden sind und die jede Therapie verweigern, weil sie völlig frustriert sind, dass sie sich nicht mehr so bewegen können wie früher. Lernt der Patient den Hund kennen, will der Vierbeiner natürlich erst mal ein Leckerchen”, schildert Sabine Jahn die Situation. Um dem Hund das Leckerchen geben zu können, müsse der Patient sich jedoch bewegen. „Ihm wird so klar, dass er sich zwar anders bewegt wie vor dem Schlaganfall, aber er bewegt sich. Die erste Hürde ist damit genommen und der Weg frei für weitere Therapien.”

Der Kontakt zu den Hunden wirke physisch wie psychisch. Auf emotionaler Ebene habe es ein Vierbeiner bei depressiven Patienten oft leichter als ein menschlicher Therapeut. „Ein Hund ist frei von Vorurteilen. In interessiert es nicht, ob die Haut faltig ist, die Beine gelähmt sind oder der Mensch kein Geld hat. Damit ist die Begegnung unbelastet von den Ängsten, die sonst mitschwingen”, erläutert die 46-Jährige.

„Tiere sind treu und kennen keine Falschheit. Sie sind die besseren Menschen”, findet Katharina Jones, die in „Haus Lucia” betreut wird. „Es ist leichter, zu einem Hund eine Verbindung herzustellen”, sagt die 80-Jährige und tätschelt den Kopf von Max, der neben ihr sitzt und die Ohren gespitzt hat. Auch Heinz Hartmann (80) ist hingerissen vom vierbeinigen Besuch, der regelmäßig in „Haus Lucia” vorbeikommt: „Wir hatten zu Hause früher auch immer Tiere. Sie sind so anhänglich, da hat man nicht das Gefühl, so allein zu sein.”

Patientin Maria Schreiber hat eigentlich Angst vor Hunden; ihr Mann war früher mal gebissen worden. Obwohl sie Sabine Jahn vertraut und weiß, dass die Therapiehunde lieb sind, hält sie lieber Abstand. Gut findet sie die Idee, Therapiehunde in die Altenarbeit des Hauses zu integrieren, dennoch. „Alten Menschen, die allein sind, gibt ein solcher Hund durchaus neuen Lebensmut.”

Das sieht auch Heinz Niessen (86) so: „Man muss wohl auf die Hygiene achten, aber das wird hier auch gemacht.”

Die demenzkranke Frau, die mit Paula schmuste, setzt sich abseits an einen Tisch. Zu ihren Füßen liegt Elo Max, ganz entspannt, und blinzelt ab und zu mit den Augen. Sabine Jahn hat viel mit Demenzkranken zu tun. „Wir haben eine Patientin, die zehn Jahre lang nur auf die Wand gestarrt hatte. Heute ist sie in der Lage, sich selbstständig anzukleiden und zu uns zur wöchentlichen Therapie zu kommen.” Natürlich könne der Hund nicht die Demenz heilen, aber er könne dazu beitragen, Ressourcen, die noch vorhanden sind, abzurufen.

Sabine Jahn drückt die Hand der kranken Frau, spricht leise mit ihr, während Paula auf ihrem Schoss aufmerksam „zuhört”.

Wer die 46-Jährige bei der Arbeit beobachtet, der sieht und spürt, dass sie mit Leidenschaft bei der Sache ist. „Ich habe es am eigenen Leib erlebt, wie gut Hunde tun”, erzählt die frühere Unternehmensberaterin von einem Sportunfall, der ihr altes Leben von der einen Sekunde auf die andere auslöschte. „Schon damals hatte ich Hunde, und ich merkte, wie gut sie mir taten.”

Es waren aber keine Therapiehunde, sondern eben ganz „normale” Vierbeiner. Damals reifte der Gedanke in ihr, mit ausgebildeten Hunden kranken und alten Menschen zu helfen, und sie beschloss, sich das nötige Wissen anzueignen.

Den Entschluss hat sie nie bereut, und auch ihr Mann Roman hat seinen alten Beruf an den Nagel gehängt und arbeitet in ihrer Firma als Hundetherapieführer und Gerontotherapeut. „Wissen Sie, Therapiehunde sind einfach tierisch gut - sie helfen wirklich”, sagt Sabine Jahr fröhlich, aber doch bestimmt von einer tiefen Überzeugung.
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