Aachen/Stolberg - Grünenthal-Entlassungen: „Da spart man auf Kosten der Beschäftigten”

Grünenthal-Entlassungen: „Da spart man auf Kosten der Beschäftigten”

Von: Heiner Hautermans
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Noch nicht so lange her ist es, dass es Aufregung über eine Erweiterungshalle von Grünenthal im Gewerbegebiet Eilendorf-Süd gab. Jetzt soll die Belegschaft deutlich reduziert werden. Foto: Harald Kroemer

Aachen/Stolberg. Die Lektüre von Unternehmensbilanzen kann hochinteressant sein. Etwa der Jahresabschluss der Grünenthal GmbH aus dem Jahre 2009. Wörtlich steht darin: „Unseren Unternehmenserfolg verdanken wir im hohen Maße unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in allen betrieblichen Funktionen und Hierarchien. Ihre Einsatzbereitschaft, ihr Know-how und ihre Leistungsfähigkeit gilt es, auch künftig an Grünenthal zu binden.”

Und auch aufschlussreiche Zahlen sind zu finden: Der Bilanzgewinn wurde von 50 auf 54 Millionen, die Gewinnrücklagen wurden von 447 auf 469 Millionen Euro gesteigert. Auf Vorschlag der Geschäftsführung wurden 30 Millionen Euro auf das Stammkapital von 50 Millionen Euro ausgeschüttet - eine satte Summe. Nachzulesen ist das im - öffentlich zugänglichen - elektronischen Bundesanzeiger.

„Die Rendite ist immer hoch gewesen”, sagt Betriebsratsvorsitzender Karl-Josef Matthias am Mittwoch auf Anfrage: „Das Geschäft brummt.” Wie ein Schlag ins Gesicht muss es den Mitarbeitern deshalb vorgekommen sein, dass insgesamt 336 an den Standorten in Aachen und Stolberg entlassen werden sollen: „Das ist aus meiner Sicht zynisch.”

Entsprechend harsch fielen deshalb am Mittwoch in der Versandhalle oder im Produktionsstandort Stolberg 2 die Äußerungen in zehn Bereichsversammlungen aus, in denen die Mitarbeiter in den verschiedenen betroffenen Abteilungen über die Kürzungspläne informiert wurden. Namenslisten existieren noch nicht, doch die Beschäftigten hätten sich einigermaßen ausrechnen können, ob sie persönlich von der Schrumpfkur betroffen sein werden.

Etwa die Mitarbeiter in Versand, Verpackung und Konfektionierung, wo gar die Hälfte der rund 150 Stellen gestrichen werden sollen. BR-Chef Matthias: „Die Reaktionen waren sehr emotional.” Viele Tränen seien geflossen, andere seien eher versteinert gewesen und hätten stillen Protest gezeigt.

Reinigungsfrauen und Werkschützer, ebenfalls im Fokus, hätten einen Riesenschrecken bekommen. Dabei sei man vor einer Woche noch zu einer großen Feier im VIP-Bereich des Tivolis geladen gewesen und habe die Einführung eines neuen Medikamentes gefeiert. Außerdem schiebe man 50.000 Überstunden vor sich her, auch das mache das Vorgehen der Geschäftsführung um so unverständlicher.

Auch die Art und Weise, wie die Pläne der Unternehmensleitung präsentiert wurden, ist den Arbeitnehmervertretern gewaltig aufgestoßen. Erst einen Tag zuvor hatte die Geschäftsleitung den Betriebsrat informiert. „Wir hatten schon mal schwierige Situationen, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt”, sagt der gelernte Chemielaborant Karl-Josef Matthias, seit 42 Jahren bei Grünenthal, seit 1984 im Betriebsrat, seit 1999 ist er dessen Vorsitzender.

Dennoch will er die Flinte noch lange nicht ins Korn werfen: „Ich sehe gute Stellschrauben, auf etwa das geplante Outsourcing einzuwirken.” Überhaupt werde man erst einmal eingehend die Pläne prüfen und eigene Vorschläge erarbeiten. Erklärtes Ziel sei es, die Arbeitsplätze bei Grünenthal möglichst ganz zu erhalten. Matthias: „Wir sind nicht bereit, den puren Aktionismus der Geschäftsleitung zu unterstützen. Wo tatsächlich Arbeit wegfällt, müssen Lösungen gefunden werden.”

Den auf der außerordentlichen Betriebsversammlung am Dienstag geäußerten Wunsch der Unternehmensleitung auf rasche Einigung bescheidet Christine Markus, Sekretärin der IGBCE, abschlägig: „Eine schnelle Lösung und ein Abnicken wird es mit uns nicht geben. Da spart man auf Kosten der Beschäftigten und bedient die Anteilseigner.”

„Eine schnelle Lösung wird es nicht geben”

Heute beginnen die Gespräche bei Grünenthal über den geplanten Abbau von insgesamt 336 Arbeitsplätzen. Betriebsrat und IGBCE erwarten für die nächsten Tage und Wochen intensive Verhandlungen mit der Geschäftsführung. Die Arbeitnehmervertreter fühlen sich bislang unzureichend in den Entscheidungsprozess einbezogen. Das Betriebsverfassungsgesetz sieht eine umfassende und rechtzeitige Information und Beratung in diesen Fällen vor.

Betriebsrat und IGBCE sind sich einig, dass eine Lösung nur erreicht werden kann, wenn das Unternehmen bereit ist, die Beteiligungsrechte der Arbeitnehmerseite anzuerkennen. „Wir werden um jeden Arbeitsplatz kämpfen”, kündigt etwa Gewerkschaftssekretärin Christine Markus an. „Eine schnelle Lösung und ein Abnicken wird es mit uns nicht geben. Wir befinden uns in einer Phase, in der zunächst alle Informationen auf den Tisch kommen müssen und wir diese in aller Sorgfalt prüfen und Alternativen präsentieren werden”, sagt die IGBCE-Vertreterin abschließend.


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