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Goethe-Gymnasium: Schulhof-Schirme werden neu bespannt

Von: Jürgen Lange
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Ulrich Coopmann, Lea Kohler und Bernd Decker (hinten von rechts) verfolgen interessiert die Montage der Membran am ersten von sechs Schirmen auf dem Schulhof des Goethe-Gymnasiums. Ralf Dietrich (2.v.l.) hat das textile Bauen in Wien studiert. Foto: J. Lange

Stolberg. „Das wäre eine schöne Aufgabe für den Mathe-Leistungskurs“, schmunzelt Bernd Decker. Es ist gar nicht so einfach zu berechnen, wie die Bahnen für die Schirme auf dem Schulhof des Goethe-Gymnasiums abgemessen und zugeschnitten werden müssen, erfährt der Direktor.

„Das macht bei uns ein Computerprogramm“, sagt Ralf Dietrich, dessen Firma die Sonnensegel in diesen Tagen neu bespannt. Eine hoch komplexe Herausforderung, denn die neuen Bahnen aus Polyester mit PVC-Belag und PDF-Lackierung haben nicht nur eine optische, sondern auch eine statische Bedeutung für die Konstruktion. In den Zeiten vor Kollege Computer „wurde das alles händisch berechnet“, erzählt Dietrich. Und man griff zu Modellen als Hilfsmitteln, etwa einem in Leim getunkten Damenstrumpf oder einem Drahtgeflecht, das in Seifenlauge getaucht wurde. „Das ergab dann die optimale Form“.

Aus dieser Ära stammen auch die Pilze, die die markante Silhouette des „Goethes“ betonen. 1978 zog das Gymnasium vom Kaiserplatz auf die Liester. Seitdem sorgen die Schirme für eine „trockene Verbindung“ zwischen Schulgebäude und Sporthalle. Ursprünglich waren es sieben; aber das Sonnensegel vor dem Hauptgebäude musste mittlerweile den Anforderungen des Brandschutzes weichen. Die verbliebenen sechs Pilze versahen ihre Aufgabe weitaus länger als erwartet.

„Normalerweise liegt die Lebensdauer bei 15 bis 20 Jahren“, sagt Ulrich Coopmann. Hier haben die Bahnen über 35 Jahre nicht nur gute Dienste geleistet, sondern auch zur Identität der Schule beigetragen. Sie sind in stilisierter Form Bestandteil des Schullogos, und auch die Schüler haben die „Pilze“ in ihr Herz geschlossen. „Wir haben uns große Sorgen gemacht, was mit unseren Schirmen passiert“, berichtet Schülersprecherin Lea Kohler von sorgenvollen Gesprächen der Pennäler. „Sie gehören für uns alle einfach mit zum Bild der Schule“.

Aber erste Risse in den Planen bescherten erst einmal dem Leiter des Hochbauamtes Sorgen. „Weil sie tragende Elemente der Stahlkonstruktion sind“, erklärt Coopmann. Und wenn der Kunststoff nicht mehr den Stahl halten kann, besteht Unfallgefahr – eine nicht zu unterschätzende bei den 375 Kilogramm schweren Stahlumrandungen. Deshalb wurden die Bahnen erst einmal demontiert, und Coopmann machte sich auf Suche nach Ersatz.

Vorbild Olympiastadion

Seine Recherchen führten ihn bei einer privaten Reise bis ins Münchener Olympiastadion, wo der Architekt Frei Otto mit der Leichtbauweise des Zeltdaches in den 70er Jahren für Furore sorgte. Auch die Stolberger Konstruktion entstammt dem Geist dieser Zeit. „Stoff aus meinem Studium“, erinnert sich Ulrich Coopmann gerne, aber keine leichte Aufgabe, zumal der damalige Hersteller Strohmeyer nicht mehr existiere und nur eine Handvoll Firmen dieses Fachwissen anbieten. In Bonn wurde er bei Ralf Dietrich fündig.

Auch der erinnert sich gerne an sein Studium. „Weltweit zwei Hochschulen bieten Studiengänge im textilen Bauen an: Dessau und Wien“, plaudert Dietrich aus dem Nähkästchen. „Wir waren 22 Studenten aus 16 Nationen“. Im vergangenen Jahr schloss er an der TU in der österreichischen Metropole mit dem „Master of Membrane Lightweight Structures“ ab, die Befähigung Sonnensegel in eine Membrane zu verwandeln, die durch Ihre Dreidimensionalität ihre ganz besondere Stabilität erreicht – so wie es am „Goethe“ wieder sein soll.

Wenn auch nicht mehr aus gelben, sondern aus weißen Bahnen, die auch über Jahre hinweg nicht verschmutzen sollen. „Sie bieten einfach mehr Licht“, erklärt Dietrich. „Bei gelben Membranen würden ja auch die Pausenbrote gelb aussehen“. Wäre die Kupferstadt bei Gelb geblieben, hätte sie gleich 5000 laufende Meter abnehmen müssen, weil die Farbe nun einmal nicht so gefragt ist. „Das wäre ja zu teuer geworden“, sagt Coopmann. Weiß passe ja auch ganz gut zum Schulgebäude, meint Decker; und gelb waren die alten Schirme längst nicht mehr. Rund 30.000 Euro investiert die Stadt in die Restaurierung der textilen Bauwerke.

Energetische Sanierung folgt

Die Bahnen werden auch nicht mehr wie damals vernäht, sondern mit Hochfrequenz punktgenau verschweißt. Und wie diese für den sechs mal sechs Meter messenden Rahmen auf den 1,50 Meter höher liegenden Mittelpunkt von der 2,18 Meter breiten Rolle zugeschnitten werden müssen, das berechnet und bewerkstelligt heute eine spezielle Software. An den Stahlrahmen werden die Bahnen dann verschraubt und auf drei Meter Höhe über dem Boden gehievt; dann wird die Konstruktion mit Stahlseilen am Mast gesichert: „Gegen Windböen“, sagt Dietrich, denn im Grunde ist die Membrane selbsttragend. Am Samstag sollen die Montagearbeiten abgeschlossen sein.

Ob Bernd Decker den Mathe-Leistungskurs das praktische Beispiel dann einmal nachrechnen lässt, ließ der Schulleiter am Donnerstag noch offen. Eine andere Aufgabe könnte er auch stellen: die Kostenberechnung für die energetische Sanierung von Dach und Fenstern des Goethe-Gymnasiums. Die steht in den nächsten Jahren etappenweise an, „und das geht in die Millionen“, kündigt Ulrich Coopmann schon an.

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