Eine Führung durch die Kriegswirren im Hürtgenwald

Von: Stephan Johnen
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Im Hürtgenwald finden sich Relikte des Zweiten Weltkriegs wie dieser gesprengte Bunker des Westwalls. Die derzeit in Ausbildung befindlichen Hürtgenwald-Guides sollen Besuchern facettenreiche Einblicke in dieses Kapitel der Zeitgeschichte ermöglichen. Foto: Johnen
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Achim Konejung, Vorstandsvorsitzender der Konejung Stiftung, hat die Ausbildung mit konzipiert.

Stolberg/Hürtgenwald. „Hölle im Hürtgenwald“, „Verdun in der Eifel“ und „Todeswald“: Diese oft verwendeten Schlagworte geben mehr als einen Hinweis darauf, dass der Hürtgenwald nicht nur wegen seiner landschaftlichen Reize Ziel für viele Touristen ist.

 Der Hürtgenwald steht auch für erbitterte Kämpfe Mann gegen Mann im Kriegswinter 1944/45, als sich deutsche und amerikanische Truppen während des Zweiten Weltkriegs dort gegenüberstanden. Regelmäßig steigt im Zweifaller „Hotel zum Walde“ hohe us-amerikansiche Generalität ab, um den Ort der Kämpfe zu besichtigen, die Ereignisse zu analysieren und Lehren für die Zukunft für den Einsatz der Truppen zu ziehen.

Das Interesse an der Vergangenheit wird in Zukunft wohl noch zunehmen. Spätestens, wenn sich 2014 die sogenannte „Schlacht im Hürtgenwald“ zum 70. Mal jährt. Die Höhengemeinde und der Verein Rureifel Tourismus sind darauf vorbereitet: Ab dem Frühjahr werden 22 Hürtgenwald-Guides ihren Dienst aufnehmen und Besucher über die Geschehnisse während des Krieges und in der Nachkriegszeit informieren.

Kämpfe am Westwall

Mitte November hat die Ausbildung der 22 Guides im Nationalpark-Infopunkt Zerkall begonnen, Mitte März soll sie abgeschlossen sein. Konzipiert wurde die Ausbildung im Auftrag der Gemeinde vom Verein Rureifel Tourismus in Kooperation mit der „Konejung Stiftung: Kultur“, die bereits die sogenannten „Historisch-Literarischen Wanderwege“ entwickelt und mit dem Film „You enter Germany“ eine Dokumentation über die Kämpfe am Westwall vorgelegt hat (wir berichteten). „Die Guides kommen aus der ganzen Region“, sagt Achim Konejung, Vorstandsvorsitzender der Stiftung. Es sind Mitglieder des Heimatbundes Schmidt ebenso vertreten wie Mitglieder des Geschichtsvereins Hürtgenwald. Zehn künftige Hürtgenwald-Guides sind bereits als Referenten auf dem Gelände der ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang tätig. Doch warum nun eine offizielle Ausbildung?

„Es gab eine ganze Generation von Menschen, die das immer in ihrer Freizeit gemacht hat“, sagt Konejung. Schon immer hätten Besucher des Hürtgenwaldes vor Ort versierte Ansprechpartner gefunden. „Doch nach und nach haben sich viele auch zurückgezogen“, sagt Konejung. „Wir wollen ein hochwertiges touristische Angebot schaffen. Über die Touristik soll es für Besucher möglich sein, zentral verschiedene Führungen zu speziellen Themen zu buchen“, umreißt Gotthard Kirch, Geschäftsführer der Rureifel Tourismus, das Ziel der Ausbildung.

„Die Gästeführerausbildung ist gut für Hürtgenwald, damit der ständig wachsenden Zahl an Anfragen zu den Geschehnissen 1944/1945 nachgekommen werden kann. Nur so kann der Gefahr verantwortungsvoll begegnet werden, dass sich Zahlen und Mythen verbreiten, die nicht der Realität entsprechen“, erläutert Hürtgenwalds Bürgermeister Axel Buch die Beweggründe der Gemeinde. Historiker hätten sich in der Vergangenheit aus diesem Kapitel der Geschichte herausgezogen, sagt Achim Konejung. Es sei beizeiten ein Vakuum entstanden.

Die Ausbildung soll allen Guides das Rüstzeug an die Hand geben, die Geschichte auch kritisch zu hinterfragen – und mit allen Fragen der Gäste souverän umgehen zu können. „Glaubwürdig ist man nur, wenn man weiß, worüber man redet“, sagt Konejung. „Wir schreiben den Guides aber nicht vor, was sie zu sagen haben“, fügt er hinzu.

Es gehe aber auch um kritische Militärgeschichte. Angesichts der Kämpfe im Hürtgenwald laute die Frage nicht ausschließlich „Wohin ist an welchem Tag welcher Panzer gefahren?“, sondern „Warum ist er gefahren? Wer hat ihn gebaut?“ Zur Ausbildung gehört es auch, die Rolle der Deutschen kritisch zu hinterfragen, den Blick zu schärfen. Unterstützung gibt es während der Ausbildung von Wissenschaftlern des Staatsarchivs Eupen und der RWTH Aachen.

Erlernen von Recherchetechniken

Besonders freut es Konejung und Kirch, dass auch junge Menschen und Frauen sich zum Guide ausbilden lassen. „Jeder Mensch hat einen anderen und neuen Ansatz, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen“, sagt Konejung.

Nachdem am Anfang der Umgang mit Quellen und das Erlernen von Recherchetechniken auf dem Programm standen, geht es in der weiteren Ausbildung nun darum, seinen persönlichen Ansatzpunkt zu finden. „Krieg wird von Männern gemacht. Aber er hat auch das Leben der Frauen verändert“, nennt Achim Konejung ein Beispiel. Sei es mit einer stärkeren beruflichen Einbindung oder mit der Rolle von Frauen im Widerstand. Dieses Kapitel könnte beispielsweise aus dem Blickwinkel einer Frau aufgearbeitet werden – und neue Perspektiven eröffnen. „Die Kämpfe sind das zentrale Ereignis. Aber es gibt auch eine Vor- und Nachgeschichte“, sagt Konejung.

Im Idealfall sollen so viele ganz individuelle Führungen konzipiert werden, die eine facettenreiche Betrachtung dieses Kapitels Zeitgeschichte ermöglichen. Statt Schlagwörtern gibt es dann detaillierte Informationen.

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