Ein mahnendes Plädoyer für die Gesamtschule

Von: Michael Grobusch
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Wohin gehen, wenn die Entscheidung für eine Gesamtschule gefallen ist? Neben Eschweiler und Langerwehe kommt für Stolberger Kinder auch die Gesamtschule in Brand in Frage. Foto: M. Jaspers

Stolberg. Es hat sich einiges aufgestaut in den letzten Wochen und Monaten. Die Gesamtschule ist zum häufigen Gesprächsthema geworden, weil enorm viele Stolberger Eltern sich für eben diesen Schultyp entscheiden und ihre Kinder mangels Angebot in der eigenen Stadt nach der vierten Klasse in Eschweiler, Langerwehe oder Brand anmelden.

Die SPD will auf Basis einer Bedarfsabfragung auch in der Kupferstadt eine Gesamtschule durchsetzen, die CDU aber verweigert sich auf kommunaler und auf Landesebene dem Thema und will nach eigener Aussage das dreigliedrige Schulsystem stärken.

Das ist Politik, doch am wahren Leben geht diese nach Meinung vieler betroffener Mütter und Väter weit vorbei. Einige von ihnen haben sich jetzt zusammengetan und im Gespräch mit unser Zeitung von ihren Erfahrungen mit der Gesamtschule berichtet und ihren Unmut über die Haltung der Landesregierung zum Ausdruck gebracht.

Kinder auch auf Gymnasien

Es sind unterschiedliche Familien, die in dieser Runde einen Einblick in ihr Privatleben gewähren. Sie haben Kinder, die eine Gesamtschule besuchen, aber auch Kinder, die ihren Weg auf dem Gymnasium gehen. Doris Tornow zum Beispiel hat zwei Töchter und einen Sohn. Hannah wird im nächsten Jahr auf dem Ritzefeld-Gymnasium ihr Abitur machen.

Doch bei Eva (10. Klasse) und Tim haben sich die Tornows für die städtische Waldschule in Eschweiler entschieden. „Alle drei hatte eine Gymnasialempfehlung. Aber Eva war ein eher zurückgezogener Mensch, der dem Druck am Gymnasium wahrscheinlich nicht standgehalten hätte. Deshalb haben wir uns für die Gesamtschule entschieden.” Die Entscheidung hat Doris Tornow nicht bereut, und angesichts der positiven Erfahrung war die Schulwahl für Tim später nur noch eine Formsache. „Die individuellen Fördermaßnahmen haben unseren Kindern sehr gut getan. An der Gesamtschule werden die Stärken gefördert und nicht die Schwächen in den Vordergrund gestellt.”

Das kann Michaela Graetz nur bestätigen. Ihre Tochter Dina verließ die Grundschule mit einer Hauptschulempfehlung. „Aber in vielen Bereichen hatte sie durchaus größeres Potenzial”, erinnert sich die Mutter. In der Waldschule fand die heute 17-jährige Tochter einen Platz. „Heute ist sie ein selbstbewusstes und leistungsfähiges Kind, in der Oberstufe.” Ein Schulwechsel war nicht nötig. „Schließlich geht sie auf eine Gesamtschule, die hinsichtlich der Abschlüsse eine Durchlässigkeit bietet.”

„Dann hatten wir den Vergleich”

Tochter Anne wurde dennoch zunächst am Ritzefeld-Gymnasium angemeldet. „Doch dann hatten wir den direkten Vergleich”, berichtet Achim Graetz, der stellvertretende Vorsitzender der Schulpflegschaft an der Waldschule ist. „Anne wurde nicht ansatzweise so gefördert wie ihre Schwester, der Noten- und Leistungsdruck war enorm und das soziale Miteinander mangelhaft. Zur siebten Klasse folgte der Wechsel nach Eschweiler und anschließend rasch der erhoffte positive Effekt.

„Die Gesamtschule ist ein sozialer Treffpunkt und integraler Bestandteil des Lebens. Es wird sehr viel Wert auf das Miteinander gelegt - auch bei der schulischen Arbeit”, schwärmt Claudia Krupp von dem „dualen System, in dem Schwächere und Stärkere sich gegenseitig unterstützen und voneinander profitieren.” Sie ist überzeugt: „Hier wird Vielfalt als Chance gesehen und das Kind auf das richtige Leben vorbereitet.” Dazu dient auch die Berufsorientierung, die bereits in Klasse 8 beginnt und innerhalb von drei Jahren drei Praktika vorsieht. Claudia Krupp weiß, wovon sie spricht, wenn sie das Gymnasium mit der Gesamtschule vergleicht. Während Kevin mittlerweile die 10. Klasse des Goethe-Gymnasiums besucht, fiel die Entscheidung für ihre Tochter Christa auf die Gesamtschule Brand. „Unsere Tochter hat sehr viel Potenzial, brauchte aber nach der Grundschule noch einen etwas behüteteren Rahmen”, nennt die Mutter den Grund für die Schulwahl. Die hat sie nie bereut. „Die Gesamtschule fordert und fördert den Einzelnen, im Unterricht und auch in den zahlreichen AGs, die am Nachmittag angeboten werden. Und das gilt keinesfalls nur bei schwächeren Schülern.”

Auch die Tatsache, dass das Abitur noch in neun Jahren absolviert werden kann und der Ganztagsbetrieb eine Selbstverständlichkeit ist, sind für Claudia Krupp wichtige Aspekte.

Den Vorteil des fließenden Übergangs der Schulformen innerhalb der Gesamtschule hat derweil Walter Rother nach eigener Aussage schätzen gelernt. Bei seinem Sohn Marcel wurde in der dritten Klasse eine Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) festgestellt. „In der Gesamtschule ist auf diese Schwäche intensiv eingegangen worden, unter anderem durch ein zusätzliches Förderprogramm. Das hat keine andere Schule zu bieten”, betont Rother, der heute zufrieden resümiert: „Marcel hat sich in der neunten und zehnten Klasse so gesteigert, dass er im nächsten Jahr trotz seiner früheren Schwäche Abitur machen wird.” So war es selbstverständlich, dass auch Sohn Yannick im vergangenen Sommer an der Waldschule angemeldet wurde.

Für die versammelten Eltern steht jedoch fest: „Wenn wir die Möglichkeit gehabt hätten, wären unsere Kinder natürlich in Stolberg auf die Gesamtschule gegangen”, erklärt Doris Tornow, die sich gegen die Darstellung des CDU-Landtagsabgeordneten Axel Wirtz wehrt, der „gewachsene Strukturen” als eine Erklärung für die ausgeprägte Abwanderungsbewegung von Stolberger Schülern angeführt hatte.
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