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Ein langer Weg, bis gemeinsames Lernen Alltag ist

Von: Robert Baumann
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Stehen kurz vor ihrem Schulein
Stehen kurz vor ihrem Schuleintritt oder sind bereits auf einer Schule: (von links) Noah (7), Milan (6, hinten auf dem Sofa), Nico (7) und Simon (6), die alle Träger des Down-Syndroms sind. Foto: Robert Baumann

Stolberg. „Das ist ein L”, sagt Noah mit einem breiten Schmunzeln und greift zielstrebig nach dem Buchstaben „A” auf dem kleinen hellen Holztisch vor sich. „Stopp Noah, sonst kommt die Buchstabenpolizei”, entgegnet sein Lehrer Holger Peters.

„Das ist ein L”, wiederholt der Siebenjährige und griemelt weiter in sich hinein. Dann nimmt er sich schließlich doch das große „L” und setzt das Wort „Leo” richtig zusammen. „Er hat sehr viel Humor und veräppelt uns manchmal ganz gerne”, sagt Peters von der Regenbogenschule in Stolberg, einer Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung, lächelnd. „Für ein Kind mit Down-Syndrom hat Noah nämlich sehr starke kognitive Fähigkeiten, und er kann durch die Logopädie schon mehr Buchstaben als viele seiner Mitschüler.” Insgesamt 164 Kinder und Jugendliche besuchen die Regenbogenschule in Stolberg, davon 14 Schüler mit Down-Syndrom.

Mehr Aufmerksamkeit schenken

Insgesamt sind in Deutschland rund 50.000 Personen Träger des Down-Syndroms, schätzt das Deutsche Down-Syndrom Infocenter. Bei diesen Menschen ist das 21. Chromosom in jeder Zelle dreifach anstatt zweimal vorhanden - daher auch der Begriff „Trisomie 21”. Um Kindern und Erwachsenen, die das Down-Syndrom haben, und ihren Angehörigen mehr Aufmerksamkeit zu schenken, findet am 21. März der „Welt-Down-Syndrom-Tag” statt - bereits zum siebten Mal.

„Bin fertig... und jetzt?”, ruft Noah sichtlich motiviert und begeistert, nachdem er die Wörter „Leo”, „Ala” und „Ulu” fertig zusammengelegt hat. Gerade steht Sprache und Kommunikation auf dem Lehrplan der zehnköpfigen Klasse. Vier Lehrer und Betreuer kümmern sich um die Schüler. Noahs Eltern haben sich nach dem heilpädagogischen Kindergarten ganz bewusst für eine Förderschule entschieden. „Die Erfahrung mit geistig behinderten Kindern an Regelschulen ist noch nicht ausreichend. Bis es überall geschultes Personal und behindertengerechte Räumlichkeiten gibt, ist es noch ein langer Weg”, äußert Noahs Mutter Susan Heisterüber ihre Bedenken. Zudem sei Noah mit großen Gruppen schnell überfordert.

Genau hier setzt die Förderschule an. Betreut werden die Kinder von geschulten Sonderpädagogen, und es besteht die Möglichkeit zur Logopädie und Physiotherapie. „Wir sind ein Ganztagesbetrieb und bieten gute Rahmenbedingungen und Räumlichkeiten, wie beispielsweise ein Wassertherapiebad. Und die Schüler werden nach individuellen Förderplänen unterrichtet”, erklärt Gundula Brüggenwirth, Leiterin der Regenbogenschule. „Es ist immer wieder erstaunlich, welche Leistungen man aus den Kindern herauskitzeln kann.”

„Trotzdem”, so Brüggenwirth, sei ihre Schule „wie eine Insel”, und es fehle die Anbindung an die Regelschulen. Grundsätzlich sei man für Inklusion, also dass kein Kind mehr als „andersartig” angesehen werde und somit auch am ganz normalen Schulleben teilhaben könne. Die Allgemeinschulen müssten sich aber auch zutrauen, mit den behinderten Kindern zu arbeiten.

Unterschiedliche Erfahrungen

Viele Gedanken über die „richtige” Schulform haben sich wie Susan Heisterüber auch Judith und Jörg Peters gemacht. Sie alle kennen sich gut. Die beiden Mütter lernten sich beim Müttergesprächskreis der Lebenshilfe Aachen kennen, wo sie sich lange Zeit mit anderen Müttern trafen, die alle ein Kind mit Down-Syndrom haben. In regelmäßigen Abständen treffen sich die Elternpaare im privaten Kreis und tauschen Erfahrungen aus.

Judith und Jörg Peters wählten für ihren Sohn Simon eine Regelschule mit integrativem Unterricht: Eine Schule, in der behinderte und nicht-behinderte Kinder gemeinsam lernen. „Jedes Elternpaar hat mit seinem Kind unterschiedliche Erfahrungen im Kindergarten gemacht oder setzt andere Prioritäten und legt mehr Wert auf den einen oder anderen schulischen Schwerpunkt”, erklärt Simons Vater Jörg Peters. Simon soll ab diesem Sommer die Grundschule Pannesheide in Herzogenrath besuchen. Diese fördert die Kinder mit vielfältigen und individuellen Lernkonzepten in offenen Unterrichtsformen. Der gemeinsame Unterricht von behinderten und nicht behinderten Kindern findet in altersgemischten Klassen statt. 180 Schüler hat die Schule, 24 davon mit sonderpädagogischem Förderbedarf.

„Für Simon erscheint uns diese Schulform als die beste. Er orientiert sich stark an Kindern ohne Behinderung und ahmt das Verhalten nach. Er springt auf diese Strukturen an und profitiert sehr davon”, erklärt Jörg Peters. Simon kann glücklich sein, auf diese Schule gehen zu können, denn es gibt längst nicht für jedes Kind mit Förderbedarf einen Platz an einer Regelschule.

„In Deutschland wird noch zuviel separiert. Es täte der Gesellschaft gut, wenn wir mehr inte-grieren würden. Denn wir können viel von behinderten Menschen lernen und verschenken zuviel Potenzial”, betont Monika Wallbrecht, Leiterin der Grundschule Pannesheide. Viele Eltern hätten aber große Bedenken und auch Angst, dass ihr Kind an einer allgemeinen Schule wegen seiner Behinderung gemobbt würde. Da sei oft Überzeugungsarbeit notwendig. Judith und Jörg Peters haben diese Bedenken nicht. „Er wird jetzt schon im Kindergarten toll aufgenommen. Wenn wir ihn morgens hinbringen, rufen die anderen Kinder ihn schon von Weitem und umarmen ihn”, erzählt Jörg Peters.

Martina Bock, die Mutter des siebenjährigen Nico, bei dem das 21. Chromosom auch dreimal vorhanden ist, hat schlechte Erfahrungen machen müssen und sich daher für eine Förderschule entschieden. „Im Kindergarten ist er von anderen Kindern angegriffen worden”, berichtet Bock. „Gemeinsamer Unterricht kann funktionieren, aber in den Pausen ist die Betreuung oft nicht optimal.” Seit September besucht Nico die Kleebachschule in Aachen-Eilendorf. „Dort sind nur neun Kinder in einer Klasse”, sagt Bock, die ihren Sohn daher gut aufgehoben sieht.

Ähnlich sieht es auch Beate Breuer, die ihren Sohn Milan ebenfalls bei einer Förderschule angemeldet hat. „Die ersten Jahre integrativer Unterricht können gut laufen, aber was ist dann? Wenn sie merken, dass sie eine Sonderrolle einnehmen, stehen sie oft alleine da”, bedauert die Mutter.

In der Regenbogenschule ist jetzt Mittagspause. Gemeinsam mit seinen Mitschülern sitzt Noah an den kleinen hellen Holztischen und macht sich genüsslich über seine Mahlzeit her. Nach dem Gong steht „Sachunterricht” auf dem Lehrplan. Noah macht sich mit einem breiten Lächeln auf den Lippen auf den Weg zu seinem Platz. Und wie schon im Sprachunterricht sieht man Noah auch jetzt deutlich an, dass ihm dieses Fach buchstäblich Freude macht.
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