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Ein Huhn hats auf dem Dorf nicht leicht

Von: Jürgen Lange
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Reine Formsache: Selbst um in
Reine Formsache: Selbst um in einem Dorf wie Venwegen einen kleinen Stall für zehn Hühner bauen zu dürfen, bedarf es einer mit den Aufsichtsbehörden abgestimmten Baugenehmigung. Foto: imago

Stolberg-Venwegen. Ein Dorf mitten in der Landschaft. Pferde werden hier gehalten. Kühe stehen auf der Weide. Einst gab es hier einen Eierhof; noch gibt es Landwirte. Streuobstwiesen, Wald und Weiden prägen das Landschaftsbild rund um Venwegen.

Da kann der eine oder andere durchaus schon auf die Idee kommen, sich mit der Haltung von eigenen Hühnern von der Lebensmittelindustrie unabhängiger zu machen. Doch das ist gar nicht so einfach, wenn ein kleiner Stall her soll, in dem das Federvieh Schutz finden soll vor Fuchs, Bussard & Co.

Trotz eines Rechtsanspruchs

Dann ist der Hühnerhalter in spe erst einmal mit dem Gang der behördlichen Dinge konfrontiert - zumindest, wenn der Stall im „ungeschützten Außenbereich” entstehen soll, was auf einem Dorf nicht selten der Fall ist.

Ein Bauantrag muss her für den geplanten Unterstand mit den Maßen 5,5 mal 3 Meter und einer Höhe von 2,5 Meter, der am Rande des Dorfes auf einer „baumbestandenen Wiese ohne vegetationskundliche Besonderheiten” mit 22 Meter Abstand zur nächsten Bebauung entstehen soll.


Dazu behält sich in Stolberg der Ausschuss für Stadtentwicklung vor, die planungsrechtliche Stellungnahme der Verwaltung abzusegnen - obwohl der Antragsteller einen „Rechtsanspruch auf Erteilung der Genehmigung” hat, zumindest dann, wenn die Voraussetzungen erfüllt sind.

Um es vorweg zu nehmen, die Voraussetzungen sind erfüllt, und die Verwaltung empfiehlt dem Ausschuss, auf seiner Sitzung am 19. April der Stellungnahme zuzustimmen, denn weder planungsrechtliche noch städtebauliche Belange sind beeinträchtigt.

Eine Formsache, aber immerhin haben sich mehr als drei Monate unterschiedliche Abteilungen der Behörden mit der kleinen Hütte für zehn Hühner - wohl gemerkt keine laut Kikeriki schreienden Hähne - und ihrem Auslauf auf der Wiese nahe einem landwirtschaftlichen Betrieb befasst.

Immerhin weist der zu Rate gezogene Flächennutzungsplan die Wiese als Fläche für die Landwirtschaft aus. Also eine geradezu ideale Bestimmung für die Haltung von Hühnern, sollte man meinen. Doch der Fall ist bei näherem Hinsehen wesentlich diffiziler.

Denn besagtes Grundstück außerhalb von Bebauungsplänen liegt innerhalb des Landschaftsplanes IV Stolberg-Roetgen, ohne dass jedoch eine „Flächenschutzfestsetzung” getroffen wurde: Also auf der Wiese gibts nichts, was eines besonderen Schutzes bedarf.

Somit gilt das Gelände planungsrechtlich als „ungeschützter Außenbereich”. Und damit ist ein Hühnerstall nicht mehr wie üblich genehmigungsfrei, sondern es muss der Weg durch die Behörden beschritten werden.

Ein Anlass also für die Stadtverwaltung, noch einmal intensiver in den Landschaftsplan zu schauen. Und siehe da, da gibts auch keine klaren Antworten. Dort, wo der Hühnerstall hinkommen soll, ist als Ziel „wahrscheinlich schon” die „Erhaltung einer mit naturnahen Lebensräumen oder sonstigen natürlichen Landschaftselementen reich oder vielfältig ausgestatteten Landschaft” vorgegeben.

Also doch Hühner? Schwierig, denn „im siedlungsnahen Gartenabschnitt” gilt ein anderes Ziel: „Temporäre Erhaltung des jetzigen Landschaftszustandes bis zur Realisierung der Bauleitplanung”. Aha: Irgendwann könnte die Stadt einen Bebauungsplan aufstellen, damit in den Gärten gebaut werden dürfte.

Aber welches Ziel denn für die 16,5 Quadratmeter große Baustelle gilt, bleibt ungewiss: „Aufgrund der hier verfügbaren Maßstäbe des Landschaftsplanes (1:20.000) und des Bauantrages (1:35) lässt sich die Grenze nicht genau ermitteln.”

Weil aber eine „Hühnerhaltung selbst im ländlichen Umfeld nicht immer konfliktfrei ist”, wird zwar einerseits der abseits der Bebauung gewählte Standort für den Stall begrüßt, andererseits „wäre aus landschaftsökologischer Sicht angesichts des geringen Eingriffs vertretbar”, die Hütte auch noch ein paar Meter weiter von den Häusern entfernt auf die Wiese zu setzen.

Und ein Steinkauz hätte auch nichts gegen den Hühnerstall einzuwenden. Nicht etwa weil der kleine Greifvogel es auf große Hühner - er frisst Mäuse, Grillen, Regenwürmer und Käfer - abgesehen hätte, sondern weil die Nist- und Ruheplätze der geschützten Eulenart gestört werden könnten durch das Hühnergescharre. Aber 2009 gabs laut Kartierung dort noch keinen Steinkauz, und die Daten aus 2011 liegen nicht vor.

Der Immissionsschutz

Allerdings muss der Hühner-Halter in spe einen Baum pflanzen als Ausgleich für den Eingriff in die Landschaft. Das hat die Untere Landschaftsbehörde bei der Städteregion auf Basis der Gesetzeslage so verfügt. Dort beschäftigte der Hühnerstall neben dem Landschaftsschutz gleich vier weitere Abteilungen des Umweltamtes.

Aus Sicht der Wasserwirtschaft, der Abfallwirtschaft und des Bodenschutzes bestehen keine Einwände. Die hat auch der Immissionsschutz nicht, denn „hinsichtlich der Haltung von bis zu zehn Hühnern (keine Hähne) im Abstand von über 22 Meter zur nächsten Wohnbebauung bestehen keine Bedenken”.

Allerdings wird sicherheitshalber eine Verschiebung von Stall und Auslauf weiter weg von der Bebauung empfohlen. Immissionsrechtlich, so heißt es aber auf Nachfrage bei der Städteregion, gibt es bei der hobbymäßigen Haltung von Hühnern keinerlei Einschränkungen, selbst bei ein, zwei Hähnen nicht. Anders könnte das der Fall bei einer gewerblichen Haltung sein, die dann ein landwirtschaftlicher Betrieb und somit privilegiert, aber planungsrechtlich anders und in einem umfangreicheren Verfahren zu beurteilen wäre.

Doch auch der Weg zum eigenen Ei vom privaten Huhn ist schon mit Aufwand verbunden - selbst mitten auf dem Dorf.
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