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Douglasien saugen bald die Kali-Halde aus

Von: Jürgen Lange
Letzte Aktualisierung:
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Braune Brühe in der Drainage: Ex-Minister Eckhard Uhlenberg, Städteregionsrat Helmut Etschenberg und AAV-Geschäftsführer Gerhard Kmoch (v.l.) in April an der Halde.

Stolberg. Geschichte geschrieben wird in Atsch seit Herbst 2006, als sich der damalige Kreis Aachen, der Altlastenaufbereitungs- und -sanierungsverband (AAV) sowie die Solvay Deutschland GmbH als Rechtsnachfolgerin der Kali Chemie AG auf ein Sanierungskonzept für die Kali-Halde an der Steinbachstraße einigten.

Seitdem wird Geschichte schrittweise geschrieben, um die letzt große Altlast in der Städteregion zu entschärfen. Rund zehn Millionen Euro stecken öffentliche Hand und Eigentümerin in den 2,5 Millionen Kubikmeter umfassenden Haldenkörper, der vor allem die Rückstände aus der Produktion von Soda, Salzsäure, Chlorkalk, Natronlauge und Ätznatron lagert, die bis zur Zerstörung des Chemiewerkes 1944 am Bahnhof hergestellt wurden.

Was in welchen Mengen wo genau gelagert wird, ist weiterhin ungewiss. Gesichert ist allerdings, dass die stark schwefelhaltigen Auswaschungen aus der Halde Boden, Grundwasser und mit dem Saubach die Inde belasten.

In zwei wesentlichen Schritten soll dem Problem beigekommen werden. Durch eine gezielte Verdichtung der Bepflanzung des Haldenkörpers soll der Eintrag von Wasser minimiert werden. Zum zweiten sollen die Sickerwässer gefasst und in einer Aufbereitungsanlage so behandelt werden, dass sie probemlos in die Kanalisation oder Kläranlage abgegeben werden können.

Realisiert worden ist bislang mit einem 80-prozentigen Zuschuss des Landes eine Drainage zur Fassung der Sickerwässer im nun verschlossenen Haldengraben. Im Sommer 2009 begannen die Arbeiten dazu an der Haldenrandstraße. Einige Monate später besichtige Umweltminister Eckhard Uhlenberg die Fortschritte und sicherte die Unterstützung des Landes auch für die nächsten Sanierungsschritte zu.

Speziell für Stolberg entwickelt

Dazu zählt vor allem der Bau einer Aufbereitungsanlage für die nun zwar gefassten Sickerwässer, die aber bislang genau das tun, was sie schon immer taten: Sie versickern. Das soll sich Ende diesen, spätestens Mitte nächsten Jahres ändern, verspricht Gerhard Kmoch: „Bis Mitte dieses Monats soll das Planungskonzept stehen”. Denn diese Aufbereitungsanlage ist nicht von der Stange zu haben, sondern wird eine patentreife Spezialanfertigung sein, die ein Konsortium aus zwei Firmen für Stolberger Verhältnisse entwickeln. Wohlwissend, dass die Anlage einzigartig sein wird, muss Kmoch die öffentlichen Vergaberichtlinien bemühen. „Wir müssen das Projekt europaweit öffentlich bekannt machen”.

Aber der AAV geht davon aus, dass kein Zweiter das kann, was das Konsortium entwickelt (hat). In einer ersten Phase soll eine Pilotanlage - voraussichtlich an der Haldenrandstraße - errichtet werden, die letztlich Bestandteil der Gesamtanlage sein soll. Mit rund 1,5 Millionen Euro kalkuliert Kmoch die Kosten der Anlage für Städteregion und AAV, die immerhin gut 10000 Kubikmeter Sickerwasser jährlich behandeln soll.

Nach derzeitigen Erkenntnissen werden rund 9000m3 Sickerwasser jährlich im Haldengraben gefasst. Allerdings wird die gesamte Menge Sickerwasser der Kali-Halde mit 23000m3 im Jahr angegeben. Die nicht erfassten Mengen strömen über tiefere Bodenhorizonte dem Saubach zu. Dort steigt bei Niedrigwasser der Sulfatgehalt gar auf 150 mg/l an.

Um diese auslaufenden Wassermengen in den Griff zu bekommen, soll der Haldenkörper punktuell modelliert und gezielt weiter bepflanzt werden. Denn je weniger Regen in die Kali-Halde eindringt, um so weniger Schadstoffe können ausgespült werden. Douglasien sollen den Job machen, den Eintrag zu minimieren. „Sie verdunsten viel Wasser über ihre Nadeln und halten große Mengen mit ihren Wurzeln”, erklärt Uwe Zink diese Wahl. „Douglasien haben eine ausgezeichnete Kondenzfunktion”, sagt der Umweltdezernent der Städteregion und weist auf den Pilotcharakter der Haldensanierung hin. „Das ist einzigartig, was wir hier machen. Die ganze Fachwelt schaut auf Stolberg.”

Arbeiten vor Brutzeit

Denn die Douglasien stehen vor einer umfangreichen Aufgabe. Der Zufluss von Sickerwässer in den Haldengraben soll auf durchschnittlich 4300m3 und der Sickerwasserablauf durch die Bodenhorizonte auf 6200m3 im Jahr reduziert werden. Die Sulfatfrachten in den Saubach sollen dadurch soweit reduziert werden, dass keine signifikante Sulfat-Belastung mehr erfolgt.

Dazu sollen auf insgesamt 4,3 Hektar Haldenfläche Douglasien gesetzt werden. Außerdem sollen instabile Bereiche der Böschung auf etwa 0,7 Hektar durch Erdvorschüttungen gesichert, modelliert und bepflanzt werden. Einen entsprechenden Bauantrag hat der AAV bereits bei der Stadt gestellt; worüber der Umweltausschuss auf seiner Sitzung am Donnerstag beraten wird.

Sobald die Genehmigung vorliegt, sollen erste Maßnahmen zur Sanierung anlaufen - bevor die Zeit der Vogelbrut beginnt. Denn dann dürfen schwere Arbeiten nicht mehr vorgenommen werden. Und nicht nur Böschungen sollen punktuell ausgebessert werden, sondern auch Pflanzflächen für die Douglasien müssen vom Strauchbewuchs befreit werden. „Die Bäume setzen können wir dann während mehrerer Kampagnen bis zum Herbst”, erklärt Andreas Illguth vom Umweltamt der Städteregion zu der Sanierungsmaßnahme, mit der deutliche Verbesserungen der Umweltsituation in Atsch wie auch in Saubach und Inde erzielt werden sollen.

Gleichwohl sind für den Eingriff in die Landschaft Ausgleichsmaßnahmen vorzunehmen. Als Kompensation ist eine Umwandlung von Nadel- in Laubwald im Umfeld der Halde auf 1,2 Hektar Fläche angedacht, was mit 59.500 Öko-Punkten bewertet wird. Bereits im Vorgriff auf erste Baumaßnahmen am Haldengraben hatte es eine umfangreiche Umsiedlungsaktion für die dortige Orchideen-Vegetation gegeben.
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