Stolberg/Eschweiler - Die Scherenbahn geht bis zur „Weißwurstgrenze”

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Die Scherenbahn geht bis zur „Weißwurstgrenze”

Von: Heike Eisenmenger
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Waren erfolgreich in Herne bei den Deutschen Meisterschaften im Behindertenkegeln: die VfB-Damenmannschaft, bestehend aus (von vorne nach hinten) Rosemarie Möller, Heike Nägeler, Doris Lennartz, Edda Walbeck und Else Briehl. Foto: H. Eisenmenger

Stolberg/Eschweiler. Kegelclubs, die stark angeheitert Mallorca unsicher machen, haben zum schlechten Ruf des Sportes sicherlich beigetragen. Dabei ist das Kegeln alles andere als ein bierlauniger Zeitvertreib, sondern durchaus eine ernst zu nehmende Präzisionssportart.

Dass viel Übung und Geschick dazu gehört, „alle Neune” zu werfen, wissen die Mitglieder der „Vereinigung für Behindertensport Stolberg” (VfB) nur zu gut. Die Damenmannschaft des VfB Stolberg kam jüngst aus Herne als Deutscher Meister im Behindertensportkegeln zurück.

Mit dem neuerlichen Sieg wird die Erfolgsgeschichte des kleinen Vereins fortgeschrieben: Bereits zum dritten Mal stehen die Stolberger Keglerinnen - zum Team gehören Else Briehl, Doris Lennartz, Rosemarie Möller, Heike Nägeler und Edda Walbeck - auf dem Siegertreppchen. Ebenfalls wieder unter den Besten in der Einzelwertung ist die 42-jährige Heike Nägeler: Sie holte in der Meisterklasse (unter 50 Jahre) mit 726 Holz den Vizetitel.

Einmal in der Woche treffen sich die Mitglieder im Kegelcenter „Knickertsberg” in Eschweiler zum Training. Dass zum Kegeln mehr dazu gehört, als mal eben mit „Schmackes” eine Kunststoffkugel über eine Bahn kullern zu lassen, wird einem schnell klar, wenn man Ferdi Walbeck, Vorsitzender des VfB, zuhört.

Wie umfangreich das Thema Kegeln ist, lassen schon die unterschiedlichen Bahnarten erahnen. Die Bahnen werden unterschieden in „Schere”, „Bohle” und „Classic” (früher „Asphalt”). „In unseren Breiten wird ausschließlich auf Scherenbahnen gespielt.” Wie der Name schon andeutet, gehe die Bahn wie eine Schere auseinander, umschreibt der Vorsitzende die Form mit seinen Händen. Im Verglich dazu ist eine Bohlenbahn länger und bleibt vom Anfang bis zum Ende durchgehend gleich schmal.

Die Classicbahn unterscheidet sich im Material. „Früher bestand die Bahn tatsächlich aus Asphalt”, erläutert Vereinswirt Willi Stollwerk.

Im Zuge der Verwendung von umweltfreundlicheren Materialien sei der Name in Classic umgeändert worden. „Jemand, der gewohnt ist auf einer Scherenbahn zu kegeln, kann nicht einfach auf eine Bohlen- oder Classicbahn wechseln, darum gibt es separate Meisterschaften”, erklärt Stollwerk. Welche Bahn wo anzutreffen ist, ist geographisch festzumachen. Scherenbahnen seien vor allem im westdeutschen Raum beliebt, während die „Classicbahnen ab der Weißwurstgrenze beginnen”, erzählt Walbeck mit einem Augenzwinkern. Im Norden hingegen sind die Bohlenbahnen favorisiert.

Beim Kegeln geht es darum, mit einem Wurf möglichst alle neun Kegeln umzuwerfen. Eine weitere Variante des Spiels beinhaltet das Werfen bestimmter Kegelbilder. Vom Grundprinzip sind sich das amerikanische Bowling und das Kegeln sehr ähnlich, nur mit dem Unterschied, dass beim Bowling statt neun Kegel zehn Pins abgeräumt werden. Zudem hat die Bowlingkugel Einbuchtungen für die Finger, während die Kegelkugel glatt ist.

Kegeln ist aber noch lange nicht gleich Kegeln: Der Schweregrad beim Behindertenkegeln ist durch das Handicap der Sportlers deutlich höher. Es gibt sogar blinde Sportler, die die „Kugel schieben”.

Zur Seite gestellt bekommt jeder der Blinden einen Begleiter. Der Begleiter hilft dem Kegler, seine Ausgangsstellung zu finden. Die Sehbehinderten setzen ihren Tastsinn und ihr extrem geschultes Gehör ein, um ihren fehlenden Sehsinn auszugleichen. „Es ist unglaublich, wie geschickt die blinden Kegler sind und die Bahn abtasten. Sie werfen allerdings statt mit einer Hand mit zwei Händen”, erzählt Else Briehl voller Bewunderung.

Wie die Blinden und Sehbehinderten, so bilden auch die Rollstuhlfahrer beim Behindertenkegeln eine eigene Gruppe. „Bei den anderen Behinderungen wird gegenüber gestellt, inwieweit das Handicap nachteilig für das Spiel ist. Das wird dann aufgerechnet”, erläutert Ferdi Walbeck.

Das Bollern wird immer lauter, gleich mehrere Bahnen sind belegt. Das Training ist ein Muss, schließlich will der VfB Stolberg auch im nächsten Jahr bei den Deutschen Meisterschaften im Behindertenkegeln wieder vorne liegen und alle Neune werfen. Doch nicht nur ein weiterer Sieg spornt die Kegler an - es macht auch einfach Laune, die „alle Neune” zu werfen.
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