„Die Mauer? Furchtbar für die Menschen!”

Von: Dirk Müller
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„Architektur sollte Lebensrä
„Architektur sollte Lebensräume erschließen und so dem Menschen dienen”: Der Stolberger Kaiserplat trägt die Handschrift von Eberhard Wiegand, der vor einem halben Jahrhundert den Bau der Mauer erlebt hat.

Stolberg. Am Morgen des 13. August 1961 weckte seine Großmutter Elsbeth den damals 17-jährigen Eberhard Wiegand. „Sie war völlig entsetzt, stand an meinem Bett und sagte: Junge, die machen die Grenze zu”, erinnert sich der Stolberger Architekt.

Seine Großeltern lebten in Merseburg an der Saale und waren zu Besuch bei Eberhard Eberhard Wiegang, der mit seinen Eltern mittlerweile in Bad Ems wohnte. Mittlerweile, denn zwei Jahre zuvor, 1959, hatten die Wiegands „rübergemacht”.

„In der DDR haben wir wie fast alle ja zwei Leben gelebt - das offizielle, bei dem man immer aufpasste, was man sagt und tut, und das private in dem man frei dachte und redete. Meine Eltern waren westlich orientiert und wollten, dass ich in einem freien Land aufwachse. Außerdem war ihnen klar, dass wir in der Bundesrepublik wirtschaftlich besser gestellt sein würden”, beschreibt Wiegand.

Er betont, die „Republikflucht” seiner Familie sei nur eine unter tausenden deutschen Geschichten. Mit dem Auto brachte Vater Herbert den 15-jährigen Eberhard nach Westberlin, wo der Junge zunächst bei Bekannten blieb. Der Vater fuhr zurück nach Merseburg, um dann mit seiner Frau Erika zu einem Westkongress nach Frankfurt am Main zu reisen - mit Genehmigung der DDR-Oberen.

Nachdem die Eltern wohlbehalten in Westdeutschland angekommen waren, konnte Eberhard Wiegand unter falschem Namen hinterher fliegen. „Das war schon sehr aufregend, es war schließlich auch der erste Flug meines Lebens”, berichtet Wiegand. Die „Flüchtlinge” ließen sich in Bad Ems nieder. „Als die Mauer gebaut wurde, habe ich dieses Ereignis noch nicht richtig verarbeiten können. Ich habe es lediglich als Chance gesehen, dass meine Großeltern, die ich sehr mochte, bei uns bleiben konnten”, beschreibt Wiegand „seinen” 13. August. Doch es kam anders. Die Großeltern waren überhaupt nicht vorbereitet, fühlten sich zu alt, um von jetzt auf gleich ihre Heimat zu verlassen, und fuhren zurück an die Saale.

Das Jahr 1961 wurde für Eberhard Wiegand dennoch zu einem privaten Schicksalsjahr - im positiven Sinne. Er besuchte ein Aufbaugymnasium in Bad Neuenahr und lernte dort seine Frau kennen. 1967 kamen die Beiden nach Aachen, wo Wiegand Architektur studierte. In der Region entdeckte er seine zweite große Liebe, die auch seine Frau teilt: die zu alten Bruchsteinhäusern.

Seit 1975 wohnen sie in Dorff, natürlich in einem Bruchsteinhaus. Als 1989 die Mauer fiel, war es für Wiegand wieder in mehrfacher Hinsicht ein bedeutungsvolles Jahr. Das Architektenbüro Wiegand und Hirsch hatte seinerzeit maßgeblichen Anteil an der Umgestaltung des Kupferstädter Kaiserplatzes und bekam dafür den Preis des Bunds Deutscher Landschaftsarchitekten verliehen.

„Die offene Grenze ermöglichte mir plötzlich, meine Heimatstadt und mein Elternhaus zu besuchen, was ich dann auch regelmäßig gemacht habe, auch da ich beruflich viel in der Gegend war. Bald habe ich aber festgestellt, dass mein Elternhaus und die Nachbarschaft nur leere Hüllen sind, ohne die Menschen, die meine Heimat als Kind und Jugendlicher ausgemacht haben”, erklärt Wiegand.

Aus heutiger - und auch architektonischer - Sicht erscheint ihm der Mauerbau als ein klarer Akt des Einsperrens: „Architektur sollte Lebensräume erschließen und so dem Menschen dienen. Die Mauer aber war nichts anderes als eine Gefängnismauer, ein Bauwerk mit einer schrecklichen Funktion. Der so genannte Schutzwall diente nicht dazu, die DDR vor Bedrohungen zu schützen, sondern einzig dazu, das Land vor Entvölkerung zu schützen. Für das Regime war der Mauerbau eine Notwendigkeit, die Alternative wäre gewesen, die weiße Fahne zu hissen. Für die Menschen war er furchtbar”, sagt Eberhard Wiegand, ein Stolberger, mit seiner ganz eigenen deutsch-deutschen Geschichte.
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