Die Autos werden der „Tram“ zum Verhängnis

Von: Toni Dörflinger
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Relikt aus der Vergangenheit: Das Anfang des 20. Jahrhunderts entstandene Gebäude in der Kurt-Schumacher-Straße 33 war einst Umformerstation, Werkstatt, Warteraum und Wohnung für den Betrieb der Straßenbahn. Foto: T. Dörflinger

Stolberg. Kaum zu glauben, aber wahr: Einst hatte am „Nachtigällchen“ nicht der Auto-, sondern der Straßenbahnverkehr Vorrang. Auf jeden Fall war das in der Vorkriegszeit so, als das Nachtigällchen von zwei Straßenbahnlinien tangiert wurde: der Linie nach Mausbach-Gressenich und der Strecke nach Vicht-Zweifall.

Damals hatte der motorisierte Individualverkehr noch längst nicht die heutigen Ausmaße erreicht. Um ihre Arbeitsstellen oder Wohnstätten zu erreichen, nutzen die Menschen überwiegend die Straßenbahn oder das Fahrrad oder gingen ganz einfach zu Fuß. Für die wenigen Personenkraftwagen, die vom Vichttal kommend Mausbach zum Ziel hatten, reichte es völlig aus, dass die Derichsberger Straße für den Autoverkehr freigegeben war. Die Kurt-Schumacher-Straße entstand erst in den 1950er Jahren.

Die Geburtsstunde der Straßenbahn hatte 1909 geschlagen. Damals wurden die Linien nach Gressenich und Zweifall in Betrieb genommen. Sie machten in der Folgezeit das Nachtigällchen zu einem wichtigen Knotenpunkt des örtlichen Straßenbahnverkehrs. Den Grundstein zu der Verbindung nach Zweifall hatte man allerdings schon 1898 gelegt. Kurz vor der Jahrhundertwende war der 2,6 Kilometer lange Streckenabschnitt von Binsfeldhammer nach Vicht ans Netz gegangen.

Doch der Tram, wie sie volkstümlich genannt wurde, war kein langes Leben vergönnt. Bereits 49 Jahre nachdem die erste elektrische Kleinbahn Mausbach erreicht hatte, um von dort aus ihre Weiterfahrt in Richtung Gressenich und Eschweiler anzutreten – in Hamich gab es ein Depot –, wurde sie stillgelegt. Im Oktober 1958 wurde die Mausbach und Gressenich berührende Straßenbahn aufs Abstellgleis geschoben. Busse sorgten fortan für den öffentlichen Personennahverkehr in Stolbergs Süden.

Dabei hatte die Straßenbahn doch 1950 eine Renaissance erlebt. Nach erheblichen Kriegszerstörungen – Brückenbauwerke, Strecken und Wagenmaterial hatten schwer gelitten – hatte man im wahrsten Sinne des Wortes keine Kosten und Mühen gescheut, um die Straßenbahn wieder auf die Beine, sprich auf die Schiene zu bringen.

Für ihr jähes Ende sorgte der stetig wachsende Individualverkehr. Die Versorgung mit Automobilen ließ das Interesse an einem schienengebundenen Nahverkehrsmittel sinken. Busse waren weitaus rentabler und ökonomischer. Rechnung getragen hatte man dem wachsenden Individualverkehr schon Mitte der 1950er Jahre. Wo zuvor nur eine Straßenbahntrasse die Verbindung nach Mausbach sichergestellt hatte, baute man um 1955 eine neue Straße, die später die Bezeichnung „Kurt-Schumacher-Straße“ erhielt. Weitere Ausbauarbeiten erfolgten Anfang der 1960er Jahre. Bereits 1959 hatte man mit dem Abbau des Schienenweges begonnen.

Heute ist von den einstigen Straßenbahnstrecken nur noch sehr wenig zu sehen: Zwischen Derichsberger und Zweifaller Straße liegt noch ein Stück der ehemaligen Trasse, und seitlich der Kurt-Schumacher-Straße befinden sich eine Radschneise und eine Brücke, die der Zweifaller Straßenbahn einst als Schienenweg gedient haben.

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