Die „Autobahn”, die mitten im Wald liegt

Von: Robert Flader
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Umbau am offenen Herzen: In der Verdichterstation Stolberg muss manche Maschine während des laufenden Betriebs ausgetauscht oder überholt werden. Als sogenannte Kopfstation hängt das Areal, das in unmittelbarer Nachbarschaft zu Gut Schwarzenbruch liegt, praktisch das ganze Jahr am Netz. Foto: R. Flader

Stolberg. Vor dem etwa fünf Hektar großen Areal, das über alles, nicht aber über eine Hausnummer verfügt, steht eine überdimensionale Box. Ein Geschenk, einfach so am Straßenrand, vielleicht 20 Meter lang, drei Meter breit und hoch. Beige, über die Farbe ließe sich sicher vortrefflich streiten, aber eben ein riesiger Klotz.

Was sich darin verbirgt? Nun ja, für die meisten Menschen wäre es sicher nichts, womit sich etwas anfangen ließe, für Roald Essel gibt es momentan wohl nichts Wichtigeres im Leben. Kommende Woche, so sagt er, soll es so weit sein. Essel weiß ohnehin schon, was drin ist, er steht nicht so sehr auf Überraschungen. „Die wären in unserem Beruf auch ziemlich unangebracht”, sagt er und bittet darum, Schutzhelm, Brille und brandsichere Arbeitskleidung anzulegen, bevor es aufs „Gelände” geht. In der Box befindet sich eine Turbine, die außer eine Handvoll Ingenieure zwar kaum jemanden interessiert, aber für Millionen Haushalte und deren Erdgasversorgung wichtig ist.

Essel ist Betriebsingenieur, und wenn man es genau nimmt, arbeitet er irgendwo im Wald zwischen Stolberg, Aachen und Würselen. „Wir wollen nicht unbedingt auffallen”, sagt er und lacht. „Wir”, das ist im konkreten Fall die Gasdruckstation Stolberg hinter Gut Schwarzenbruch. Dort steht eine der wichtigsten Verteileranlagen für Erdgas in ganz Deutschland. Und bei Leuten, die mit Erdgas ihr Geld verdienen, gilt: Je ungestörter sie ihre Arbeit verrichten können, desto besser. Sollen die anderen ruhig im Rampenlicht stehen, sagen sie.

Deshalb liegt die Verdichterstation auch mitten im Wald, kilometerweit weg von den nächstgelegenen Städten. Wenn man genau hinhört, kann man entfernt Wagen auf der Autobahn A 44 hören, sonst aber nichts. „Eigentlich”, sagt Essel, der seit 2002 in der 1974 in Betrieb genommenen Station arbeitet, „können wir stolz darauf sein, dass wir hier so versteckt liegen. Wenn man nicht auffällt, ist alles okay. Ein gutes Zeichen für unsere Arbeit.”

Die Verdichterstation im Würselener Wald gehört der Open Grid GmbH, einer Tochter des Energiekonzerns Eon, die derzeit zum Verkauf angeboten wird. Open Grid verfügt über Gasleitungen, die etwa so lang wie das gesamte deutsche Autobahnnetz sind: 12.000 Kilometer, von Ost nach West, von Nord nach Süd. Und Stolberg kommt als sogenannter Kopfstation eine enorme Bedeutung zu: „Wir sind quasi rund um die Uhr in Betrieb, insgesamt seit rund 100.000 Stunden.” Heißt konkret: Durch die „Stolberger Leitungen” fließt Gas aus der Nordsee, aus Russland, aus den Niederlanden, welches dann, entsprechend aufbereitet (verdichtet), in Leitungen weiter zu den Kunden, also den Energiekonzernen, etwa in Belgien und der Schweiz, gelangt. Genau dafür steht auch die Turbine vor dem Eingang, kommende Woche wird sie eingebaut, Ende des Jahres soll sie laufen. Kostenpunkt: etliche Millionen Euro.

Damals, als Erdgas Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre als Energiequelle populär wurde, gab es Überlegungen, Verdichterstationen überall im Land zu installieren. „Doch es fehlte am notwendigen Kapital”, sagt Michael Krischum, Open-Grid-Betriebsstellenleiter Rheinland. Das ist kaum 40 Jahre her, seine Worte klingen eigentlich unglaublich vor dem Hintergrund, dass einzelne Verdichterturbinen etwa acht Millionen Euro kosten, und selbst die Wartung einzelner Geräte einen siebenstelligen Betrag verschlingt. „Die Zeiten”, erklärt Krischum und schaut auf die sogenannten Molchschleusen, die der Anlage im Wald etwas Futuristisches geben, und wo Start- und Endpunkt der Leitungen verlaufen, „haben sich geändert.” Und Zeit heißt: Geld.

Trotz oder gerade wegen der Millionen- oder besser Milliardeninvestitionen in die Erdgasförderung, stehen die Ingenieure ständig vor neuen Herausforderungen, sagt Roald Essel. „Die Leute wissen nicht, welcher Aufwand dahinter steckt. Wir müssen und ständig weiterentwickeln.”

Besonders gefordert seien die Entwickler - auch in Stolberg - im Hinblick auf neue Umweltrichtlinien. „Das ist natürlich zunächst ein Einschnitt”, sagt Alexander Land, Pressesprecher von Open Grid. „Jede Vorgabe stellt uns vor Herausforderungen. Wir müssen schauen, dass wir auf Jahre Vorarbeit leisten.”

Herausforderungen sind in der fast 40-jährigen Geschichte der Verdichterstation problemlos gemeistert worden. Größere Probleme, die eine kurzzeitige Abschaltung der gesamten Anlage zur Folge gehabt hätten, seien bislang ausgeblieben. Überhaupt arbeitet der Betrieb mehr oder weniger automatisch, die Maschinen werden von der Open-Grid-Zentrale in Essen gesteuert. Und trotzdem schauen täglich sechs Ingenieure nach dem Rechten, „auch ein Bereitschaftsdienst ist für den Fall der Fälle immer eingerichtet.”

Erdgasleitungen gelten zwar nicht unbedingt als sonderlich sensibel, dennoch wird auch in den Verdichter- und Verteilerstationen der Safety-First-Gedanke großgeschrieben. „Absolute Sicherheit ist ein schwieriger Begriff”, sagt Krischum. „Wir versuchen aber immer, einen Schritt voraus zu sein, falls denn wirklich mal Abweichungen auftreten.”

Die größte Gefahr lauere deshalb auch eher, wenn das Erdgas in den Leitungen, den „Autobahnen”, unterwegs ist, wie Essel es ausdrückt: „Die Bagger an unbekannten Baustellen machen uns mehr Sorgen als Erdbeben oder Stromausfälle. Das kann man vernachlässigen.” Die Arbeit im „Wald”, sie wirkt irgendwie beruhigend. Ob mit oder ohne Turbine.

12.000 Kilometer quer durch Deutschland

Die Open Grid Europe GmbH mit Sitz in Essen ist noch ein Tochterunternehmen von Eon Gastransport, steht aber seit einigen Monaten zum Verkauf.

Mit einer Länge von rund 12.000 Kilometern verfügt Open Grid über das längste Ferngasleitungsnetz in Deutschland.

Die Betriebsstation an der Stadtgrenze Stolberg/Aachen/Würselen wurde 1974 in Betrieb genommen und verfügt über insgesamt fünf Transportverdichter für Erdgas.

Auf dem etwa fünf Hektar großen Gelände, dessen Maschinen von der Open-Grid-Zentrale in Essen aus komplett ferngesteuert werden können, arbeiten insgesamt acht Ingenieure (Betrieb, Technik, Kontrollraum).
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