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Der Propst, der mehr als tausend Menschen rettete

Von: Marie Luise Otten
Letzte Aktualisierung:
Peter Verhees, Musiksommer Sto
Peter Verhees, Musiksommer Stolberg, und Norbert Walter Peters, Komponist, vor der Gedenktafel Propst Grübers gegenüber der Vogelsangkirche. Foto: M.L. Otten

Stolberg. Nach dem erfolgreichen Liszt-Konzert mit Jószef Ács geht es am Samstag, 18. Juni, im Musiksommer Stolberg mit Ulrich von Wrochem (Bratsche) und Wolfram Lorenzen (Klavier) weiter. Auch dieses Konzert ist einem großen Mann gewidmet: Am 24. Juni 2011 wäre der in Stolberg geborene und aufgewachsene Pfarrer Heinrich Grüber 120 Jahre alt geworden.

Sein Geburtshaus steht an der Vogelsangstraße gegenüber der Vogelsangkirche. Nach ihm ist in Stolberg eine Hauptschule benannt. Doch die meisten Stolberger wissen nichts von ihm. Anders d er zu den Größen der internationalen Bratschenszene gehörende Ulrich von Wrochem. Er lernte Propst Grüber in den Jahren 1960 bis 1962 während seiner Gymnasialzeit in Berlin-Dahlem kennen und schätzen. Bei Hauskonzerten des Bankdirektors Dietrich von Grunelius versammelte sich die geistige Elite Berlins: Stadtkommandanten der allierten Besatzungszonen, Museumsdirektoren, Professoren, Repräsentanten der Wirtschaft und der evangelischen Kirche. Nach dem musikalischen Teil folgte der gesellschaftliche, und hier kam von Wrochem dann mit Grüber ins Gespräch.

Wie Peter Verhees vom Musiksommer in einem Gespräch mit unserer Zeitung bestätigte, war Grüber ein „Kind seiner Zeit” und hegte Sympathien für das deutsch-nationale Denken. Seit 1934 war er Gemeindepfarrer in Berlin. Als Mitglied der bekennenden Kirche protestierte er immer wieder gegen die Gewalt gegen jüdische Mitbürger. Nach der Pogromnacht im November 1938 suchten vor allem zur evangelischen Konfession konvertierte Juden Hilfe bei ihm. Da er über viele Kontakte in Regierungsstellen und im Ausland verfügte, wanderten bis Dezember 1940 mit seiner Hilfe mehr als 1000 Menschen aus, so Peter Verhees. „Über Oskar Schindler gab es einen Film, Propst Grüber dagegen ist kaum bekannt.” Wenn auch das nationalsozialistische Regime das „Büro Grüber” zunächst duldete, so wurde der Pfarrer dennoch im Dezember 1940 verhaftet und in die Konzentrationslager Sachsenhausen und Dachau geschickt.

Schwer gezeichnet, wurde er im Juni 1943 entlassen, arbeitete jedoch im Untergrund weiter. 1945 wurde Propst Grüber an die Berliner Marienkirche berufen, zwischen 1949 und 1958 war er Generalbevollmächtigter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland bei der Regierung der DDR. Nach dem Mauerbau durfte er allerdings nicht mehr in die DDR einreisen.

Als einziger deutscher nichtjüdischer Zeuge sagte er am 16. Mai 1961 in Jerusalem im Prozess gegen Adolf Eichmann, Organisator der Judenvernichtung, aus, ließ ihm über einen Vertreter seines Verteidigers mitteilen, dass er ohne Hass- und Rachegefühle gekommen sei. Er wollte Eichmann dazu bringen, Reue zu zeigen, jedoch vergeblich. In seinem Schlusswort wünschte sich Grüber, dass sein Beitrag der Menschlichkeit geholfen habe. 14 Jahre später, am 29. November 1975, starb er in Berlin.

Das Konzertprogramm

Das Programm des Konzertabends in der Burg wird kein Abend voller Schwermut sein, sondern zeichnet sich durch ein unterhaltsames Programm aus, da die ausgewählten jüdischen Komponisten alle der Romantik zuzuordnen sind. Ihnen gemeinsam ist auch, dass sie alle zum Christentum konvertiert sind.

Außergewöhnlich ist von Wrochems Bratsche: Sie wurde um 1700 in der alemannischen Geigenbauschule in Füssen gebaut, der ältesten Europas, und um 1800 mit Tanz- und Musikszenen bemalt. Mit Kammermusikpartner Wolfram Lorenzen spielt er neben Sonaten von Felix Mendelssohn-Bartholdy und Anton Rubinstein Hebräische Melodien „nach Eindrücken der Byronschen Gesänge” für Bratsche und Klavier von Joseph Joachim. Byron war ein junger Adliger, der voll Liebe, innerer Zerrissenheit und Selbstflucht sein Leiden in Gedichten verarbeitete und damit dem bittersüßen Klang der Melancholie huldigte. Der Byronische Held ist ein Außenseiter und Rebell, dem es nicht um gesellschaftliche Veränderungen, sondern um die Befriedigung persönlicher Bedürfnisse geht. Sein Lebensstil erlangte im 19. Jahrhundert große Berühmtheit.

Wer das Schöne in der schönen Form sucht, wird bei Felix Mendelssohn-Bartholdy reichlich davon finden, denn kaum ein Tonmeister schrieb so viel glatt fließende Melodien, baute so formvollendete Werke und wahrte so sehr den schönen Schein.

Anton Rubinstein wurde vorwiegend von Felix Mendelssohn-Bartholdy, Robert Schumann und Giacomo Meyerbeer beeinflusst. Als Pianist schuf er die heute noch verbindlichen Grundlagen sämtlicher russischer Pianistenschulen. Die technische Perfektion seines Spiels, in der ihm nur Franz Liszt ebenbürtig war, verband sich mit einem leidenschaftlichen und tief empfundenen Vortrag.

Uraufführung „MaeTavoLik”

Wenn man aus allen Buchstaben eines Wortes oder Satzes ein neues Wort oder einen neuen Satz bilden kann, ist das ein Anagramm. Auch die Musik bedient sich solcher Elemente. Von der Ernsthaftigkeit passt die Vertonung „MaeTavoLik” vom zeitgenössischen Stolberger Komponisten Norbert Walter Peters ins Abendprogramm. Die Uraufführung seines Stückes ist auf dem Ton-Anagramm des Namens Heinrich Ignaz Franz von Biber = H-E-C-G-A-F-B aufgebaut. Peters „Andante sostenuto” aus dem Jahre 1997 erinnert spieltechnisch an Bibers „Passacaglia”. Mit Hilfe der Kontrapunkttechnik und weiterer arithmetischer Prinzipien ist eine atonale Klangstruktur entstanden. Darüber hinaus ermöglicht eine Umstimmung der Saiten weiterhin ungewöhnliche Akkorde oder ändern die Klangfarbe.

Das Konzert im Rittersaal der Stolberger Burg beginnt am Samstag, 18. Juni, um 20 Uhr. Karten zum Preis von 12 Euro (ermäßigt 8 Euro) gibt es ab sofort in der Bücherstube am Rathaus.
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