Der NS-Terror macht auch vor Stolberg nicht halt

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Der Steinweg im Jahre 1955: Im
Der Steinweg im Jahre 1955: Im einstigen jüdischen Textilkaufhaus „Leyens & Levenbach” (r.) befand sich zu dieser Zeit ein Lebensmittelladen der belgischen Armee.Repro: Dörflinger

Stolberg. Heute Abend gedenken die Stolberger vor dem Haus Steinweg 78 der Opfer der Reichspogromnacht. An das Schicksal der jüdischen Mitbürger in diesem Gebäude in der Nacht auf den 10. November 1938 erinnert seit 23 Jahren eine Gedenkplatte.

Auch in das Schicksal der überwiegend jüdischen Bewohner des schräg gegenüber liegenden Hauses Steinweg 65 greift das NS-Regime ein. Unser Mitarbeiter Toni Dörflinger fasst die Historie in Stichpunkten zusammen:

1894: Joseph Levenbach, Teilhaber der Firma „Leyens & Levenbach”, betreibt am Steinweg (Adresse unbekannt) das Textilgeschäft Leyens & Levenbach.

1898: Im „Stolberger Generalanzeiger” wird eine Werbeanzeige der Firma „Leyens & Levenbach” veröffentlicht.

1899: Der Anstreichermeister Wilhelm Jussen erbaut das Wohn- und Geschäftshaus Steinweg 65.

1902: Das Textilgeschäft Leyens & Levenbach ist jetzt im Hause Steinweg 65 ansässig. Dort arbeitet als Verkäuferin Rosa Herz, deren Halbbruder der Kaufmann Hermann Leyens ist. Hermann Leyens ist ebenfalls Teilhaber der Firma Leyens & Levenbach.

1903: Das Gebäude Steinweg 65 geht in das Eigentum des Kaufmanns Albert Emanuel über, der Rosa Herz heiratet. Kurze Zeit später wird der Stolberger Zweig der Firma Leyens & Levenbach von dem Ehepaar Albert und Rosa Emanuel, geb. Herz, übernommen. Als Verkäuferinnen im Textilkaufhaus Leyens & Levenbach ist außerdem Elise Hommel, geb. Levenbach, beschäftigt. Elise Hommels Bruder ist der frühere Firmenteilhaber Joseph Levenbach.

1936: Albert Emanuel stirbt. Das Wohn- und Geschäftshaus Steinweg 65 wird verkauft. Neue Besitzerin wird Elsa Jansen. Sie nutzt es für den Verkauf von Textil- und Wollwaren sowie Konfektionen.

1940: Rosa Emanuel, geb. Herz, stirbt. Begraben ist das Ehepaar Emanuel auf dem jüdischen Friedhof an der Straße „Turmblick”.

1942: Elise Hommel, geborene Levenbach, kommt im KZ Theresienstadt zu Tode.

1946: Das Gebäude beherbergt vorübergehend einen Lebensmittelladen der belgischen Armee.

1958: Das Haus geht in den Besitz des „Seidenhauses Erich Fister” über. Neben Stoffen verkauft Fister auch Damen-Oberbekleidung.

2001: Im Alter von 103 Jahren stirbt in Konstanz Elise Hommels Neffe Erich Leyens. Erich Leyens hatte 1933 Widerstand geleistet, als die Nazis zum Boykott seines in Wesel gelegenen Textilkaufhauses „Leyens & Levenbach” aufgerufen hatten. Erich Leyens, der später in die USA emigrierte, hatte Flugblätter verteilt, in denen er den „Dienst am Vaterland” thematisierte, den er und weitere Mitglieder der Familie Leyens im Ersten Weltkrieg geleistet hatten.

2011: Sebastian Lück, Mutter Monika Lück ist Besitzerin der Kupferhofes Rosental, erwirbt das Haus Steinweg 65. Im Zuge der Restaurierungsarbeiten wird im Dachbereich ein altes Schwarz-Weiß-Foto entdeckt; es zeigt eine Lazarettsituation aus dem Ersten Weltkrieg. Mahnwache heute Abend im Steinweg

Das Stolberger Bündnis gegen Radikalismus lädt zur Mahnwache in Erinnerung an die Reichspogromnacht für heute um 19 Uhr vor das Haus Steinweg 78 ein. In der Nacht zum 10. November 1938 brannten jüdische Synagogen in ganz Deutschland. 91 Tote, 267 zerstörte Gotteshäuser, 7500 verwüstete Ladenlokale und 30.000 verschleppte Juden verzeichnet die offizielle Bilanz des durch die NSDAP gesteuerten Terrors, der auch in Stolberg seine Spuren hinterließ.
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