Der Damm hält: Egal, was passiert

Von: Max Mertznich
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Die Wehebachtalsperre bietet Schutz vor Hochwasser und vor dem Austrocknen: Im Normalbetrieb fließen pro Sekunde 100 bis 200 Liter Wasser in den Wehebach, im Notfall können es aber auch bis zu 3000 sein. Hier zu sehen sind die Höhenunterschiede zwischen Stauziel, Überlauf und Dammkrone. Foto: M. Mertznich
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Über die Schussrinne kann im Notfall Wasser aus dem See ablaufen.
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Die orangen Rohre im Inneren der Talsperre fangen Sickerwasser auf. Falls etwas nicht stimmt, würde Wasser durch die Rohre in den Stollen dringen.
Wehebach Wehebachtalsperre Wasserentnahmeturm
Im Wasserentnahmeturm geht es knapp 50 Meter nach unten. Der Turm reicht bis unter den Grund des Sees. Foto: M. Mertznich
Wehebach Wehebachtalsperre Generator Turbine
Mit der Turbine wird Strom erzeugt.

Stolberg. 160.000 Menschen mussten in Kalifornien Mitte Februar ihre Häuser verlassen, da aufgrund eines Defekts am Oroville- Staudamm eine Flutwelle drohte. Kann ähnliches auch an der Wehebachtalsperre passieren? „Nein“, sagt Marcus Seiler, Pressesprecher des Wasserverbandes Eifel-Rur (WVER). „Zwischen dem Oroville-Staudamm und der Wehebachtalsperre gibt es nur wenige Parallelen.

In Oroville machte der unbefestigte Notablass Probleme. So etwas haben wir hier gar nicht.“

Die Wehebachtalsperre sei dafür konzipiert, ein tausendjähriges Hochwasser aushalten zu können. „Beim aktuellen Füllstand würde man von einem tausendjährigen Hochwasser allerdings nichts mitbekommen. Die Talsperre kann das Wasser komplett aufnehmen und dabei einen normalen Abfluss in den Wehebach beibehalten.“

Im Ernstfall kann die sogenannte Schussrinne, der wohl markanteste Teil der Talsperre, als Ablass genutzt werden. Diese wurde aber, abgesehen von einem Testlauf nach der Fertigstellung im Jahr 1981, noch nie benutzt. „Eine Überspülung der Dammkrone ist unmöglich. Die Krone liegt drei Meter über dem Stauziel und sieben Meter über dem Ablauf für die Schussrinne.“

An der Wehebachtalsperre kann man aufgrund von Erfahrungswerten abschätzen, wie mit dem Wasser gewirtschaftet werden soll. Im Winter fließt laut Seiler meist mehr Wasser in die Talsperre als abgelassen wird. Das aufgestaute Wasser kann dann im Sommer trockene Perioden ausgleichen. Mit diesem Prinzip trägt die Wehebachtalsperre zum Hochwasserschutz bei und bewahrt den Wehebach im Sommer vor dem Austrocknen. Im Normalbetrieb fließen pro Sekunde 100 bis 200 Liter Wasser in den Wehebach, im Notfall können es aber auch bis zu 3000 sein.

Herbert Scheidt ist stellvertretender Betriebsstellenleiter an der Wehebachtalsperre und damit für die tägliche Kontrolle des Damms verantwortlich. Seinen Kontrollgang beginnt er am Aussichtsturm am Anfang der Dammkrone. Dort gibt es einen großen Betonklotz, der als Fixpunkt für die monatliche Vermessung der Dammkrone dient. „Der Damm kann sich nicht den physikalischen Regeln entziehen. Ist der See voller, dehnt sich auch der Damm ein wenig aus. Ist er leer, zieht er sich wieder zusammen. Wir reden hier aber nur von Veränderungen im Millimeterbereich“, erklärt Scheidt. „Wir haben entlang des Dammes noch weitere Messpunkte. Alle vier Monate messen wir einmal den kompletten Damm ab“.

Ein weiterer Anhaltspunkt für den Zustand des Dammes: der Bewuchs der sogenannten Luftseite, also der dem Wasser abgewandten Seite. „An der Verfärbung des Grases lässt sich erkennen, ob etwas nicht stimmt.“ Von dem Aussichtspunkt aus geht es in einem Treppenhaus rund drei Meter hinunter in den Kontrollgang. „Selbst im Sommer hat es hier unten angenehme acht Grad. Wir wurden sogar schon gefragt, ob man hier unten nicht einen Kindergeburtstag feiern könnte.“ Der Gang fällt, angepasst an das ursprüngliche Gelände des Wehebachtals, bis auf die Grundsohle des Sees hinab. So steigt Scheidt mal in großen Schritten eine steile Treppe hinab, um danach auf dem sanft abfallenden Betonsteg seinen Kontrollgang fortzusetzen.

Nicht zu hundert Prozent dicht

„Der Kontrollgang ist in Blöcke unterteilt. Jeder Block hat ein sogenannten Sickerwasserohr, mit dem wir überprüfen können, ob der Damm auch dicht ist“, sagt Scheidt. Tatsächlich ist der Damm nämlich nicht zu hundert Prozent dicht. Kleine Mengen Wasser bahnen sich ihren Weg durch die Asphalbetondichtung in den Kontrollgang.

Am Ende des Ganges sammelt sich das Wasser. Bevor es abgepumpt wird durchläuft es noch einen Zähler. „Momentan sickert ein halber Liter pro Sekunde in den Kontrollgang hinein. Das ist noch ein normaler Wert.“. Der Kontrollgang endet am Fuße des Wasserentnahmeturms, der einige Meter von der Staumauer entfernt im See steht. „Hier wird sowohl das Trinkwasser für den Raum Aachen und Düren als auch das Wasser für den Wehebach entnommen.“

Gesichert werden die massiven Rohre von einer automatischen Rohrbruchsicherung. „Die gesamte Verschlusselektronik ist nicht an das Internet angeschlossen, wir sind also auch vor Hackerangriffen geschützt“, sagt Seiler. Der Staudamm könne im Notfall auch ganz ohne Strom betrieben werden. „Das wird dann zwar anstrengend, aber es funktioniert“, ergänzt Scheidt. Generell spiele der Mensch noch eine wichtige Rolle beim Betreiben der Wehebachtalsperre. „Der Sensor sieht zwar, dass der Durchfluss einer Pumpe stimmt, aber ich als Mensch kann hören, ob die Pumpe nicht vielleicht bald kaputt geht.“

Die Betriebstechniker wohnen direkt neben dem Staudamm und kriegen im Notfall mit, falls etwas nicht stimmt. Ein Kontrollgang wie dieser findet zudem mehrmals täglich statt. Durch einen etwa zweihundert Meter langen Stollen bahnen sich die Rohre ihren Weg in das Auslaufbauwerk. Auf dem Weg dorthin passieren sie noch ein zwanzig Zentimeter dickes Schott. Sollte bei der Wasserentnahme etwas schiefgehen, lässt dieses Schott nie mehr als 5000 Liter Wasser pro Sekunde durch. So wird ein unkontrolliertes Auslaufen des Sees verhindert.

Handliches Format

Im Auslaufbauwerk angekommen fließt das Wasser dann für den Wehebach durch eine Turbine, die Strom für rund 100 Haushalte produziert. Die Turbine hat ein handliches Format, sie würde wohl in einen großen Reisekoffer passen. An der Wehebachtalsperre ist sie zurzeit aber wohl am besten aufgehoben.

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