Das Palliativnetz: Helfen für den Abschied

Von: Ottmar Hansen
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Die Hand einer kranken Frau wird von ihrer Pflegerin gehalten. Wenn todkranke Menschen nicht im Krankenhaus sterben wollen, muss ein Platz im Hospiz oder eine Betreuung daheim organisiert werden. Foto: Jens Wolf/dpa
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Zum Palliativnetzwerk gehören Gabriele Schippers, Schwester Inge, Dr. Wolfgang Kranemann, Schwester Anette Stolz, Dr. Stephan Schmitt, Dr. Vera Kaiser und Dr. Elisabeth Ebner (von links). Foto: O.Hansen

Stolberg/Eschweiler. Es war abends in der Schweiz, als der Stolberger Fernfahrer Holger R. (Name ist der Redaktion bekannt) Schmerzen im Rücken und im Unterleib verspürte. Mit Verdacht auf Nierenkoliken wurde er in einem Krankenhaus aufgenommen. Doch dann kam die Diagnose, die sein Leben verändern sollte: Prostatakrebs im fortgeschrittenen Stadium, unheilbar!

Ein knappes Jahr habe er mit viel Glück noch zu leben, teilten ihm die Ärzte mit, bevor er die Klinik verließ und nach Stolberg zurückkehrte. Das war Anfang 2012. „Mit dieser Diagnose hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte vorher nie etwas gespürt“, blickt Holger R. zurück. Inzwischen wird immer mehr zur Gewissheit, dass die Ärzte mit ihrer Prognose richtig lagen. Viel Lebenszeit bleibt dem 61-Jährigen nicht mehr.

Vom Balkon seiner Etagenwohnung in einem großen Häuserblock reicht der Blick weit über das Umland von Stolberg. Doch auf dem Balkon war Holger R. schon lange nicht mehr. Er kann das Bett nicht mehr verlassen, hat mehr als zehn Kilo abgenommen. Sein Zustand hat sich dramatisch verschlechtert. Der Appetit ist weg, Holger R. muss sich ständig erbrechen.

Seine Lebensgefährtin begleitet den 61-Jährigen auch auf dem letzten Stück des Weges – bis zum Tod. „Glauben Sie nicht, dass das einfach ist. Sie geben Ihr eigenes Leben auf zugunsten des Menschen, den Sie pflegen“, sagt die Partnerin, die gelernte Krankenschwester ist. „Das Schwierigste ist, den geliebten Menschen so im Gleichgewicht zu halten, dass er sich nicht aufgibt“, weiß die Frau. Hinzu kommt die Tochter des Fernfahrers: „Ich versuche langsam, sie auf den Tod ihres Vaters vorzubereiten. Aber es ist schwierig, die richtigen Worte zu finden.“ Die Partnerin gibt sich nach außen stark, doch auch sie leidet darunter, dass sie bald Abschied nehmen muss: „Es gibt Nächte, in denen ich kein Auge zumache, sondern nur noch weine.“

Unterstützung finden Holger R. und seine Partnerin bei Dr. Elisabeth Ebner vom Palliativnetz Stolberg-Eschweiler. Sie besucht das Paar regelmäßig und sorgt vor allem für eines: Dass Holger R. in seinen letzten Tagen und Stunden keine Schmerzen aushalten muss. Die Ärztin ist Expertin für chronische Schmerztherapie. An diesem Morgen setzt Dr. Ebner die Dosis des Schmerzmittels herauf. Und verabreicht die nächste Flasche Kochsalzlösung. „Ich bin froh, einen Ansprechpartner zu haben“, betont die Partnerin des Schwerkranken. „Eine solche Pflege wäre ohne Palliativnetzwerk nicht drin.“

Der zweite Patient von Dr. Ebner an diesem Morgen leidet an einer fortschreitenden Lähmung des Nervensystems und der Muskulatur. Der 76-Jährige muss nachts künstlich beatmet werden. Tagsüber sorgen neben seiner Ehefrau zwei Betreuungskräfte im Wechsel dafür, dass der Mann nicht erstickt. Die Nahrungsaufnahme, der Stuhlgang oder das Sprechen – ohne Hilfe ist vieles nicht mehr möglich. Auch hier sorgt Dr. Ebner dafür, dass der Mann zumindest keine Schmerzen aushalten muss.

Das Palliativnetzwerk der Städte Stolberg und Eschweiler ist ein Zusammenschluss von palliativmedizinisch tätigen Medizinern und Pflegekräften die eng mit den Kliniken der Region und dem Hospizdienst zusammen arbeiten. Der Begriff Palliativ bezeichnet einen Bereich der Medizin und der Krankenpflege, in dem nicht mehr Heilung das Ziel ist, sondern die bestmögliche Linderung von Schmerzen, anderen Symptomen und seelischem Leid. Gerade bei Krebspatienten besteht in der letzten Phase der Erkrankung ein großer Bedarf an zeitintensiver und kompetenter Unterstützung. Ziel ist die Betreuung der Krebspatienten in ihrer häuslichen Umgebung statt im Krankenhaus. Ein menschenwürdiges Sterben zu Hause soll ermöglicht werden.

Zum Palliativnetzwerk Stolberg-Eschweiler gehören Gabriele Schippers (Hospizdienst), Schwester Inge, Dr. Wolfgang Kranemann, Schwester Anette Stolz, Dr. Stephan Schmitt, Dr. Vera Kaiser und Dr. Elisabeth Ebner. Einmal im Monat trifft man sich, um das weitere Vorgehen bei jedem Patienten zu besprechen. „Der Tod ist der Abschluss, der zum Leben dazu gehört“, sagt Dr. Ebner. Immer mehr Menschen seien froh, wenn sie in Ruhe Abschied von ihren todgeweihten Angehörigen nehmen könnten. „Ein plötzlicher Unfalltod ist für die Hinterbliebenen meist viel schlimmer, als das letzte Stück Schritt für Schritt mitgehen zu können.“

Sie werde oft gefragt, „Warum machst du das? Warum tust du dir das an?“, sagt Dr. Vera Kaiser. Und zeigt als Antwort einen Dankesbrief vor, den ihr die Angehörigen eines verstorbenen Patienten geschrieben haben. „Man bekommt so viel zurück von den Patienten und von ihren Familien. Das gibt ganz viel Motivation für die tägliche Arbeit.“

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