Damit Eltern in Ruhe Abschied nehmen können

Von: Elisa Zander
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Haben gemeinsam etwas für trauernde Menschen geschaffen: Lydia Birker-Strauch, Dr. Volker Siller, Dorothée Havenith und Burkhard Strauch (v.l.). Zentrales Element des Verabschiedungsraums im Stolberger Bethlehem-Gesundheitszentrums ist eine schlichte Holzwiege – sie ist als Schiff geschreinert und ein Blickfang. (hinten rechts). Foto: Elisa Zander

Stolberg. Das regelmäßige Wasserplätschern erfüllt den Raum, vermittelt einen Eindruck von Beständigkeit und Ruhe. Sanftes Licht von Deckenspots wird auf die helle Tulpentapete gelenkt. Die blass-rosa Blumen scheinen sich dem Licht entgegenzubiegen. Die Rundung, auf der die Fotografie klebt, wölbt sich in Richtung Wohnbereich. Ein dunkles Sofa steht vor einem Holztisch, dem eine Kommode gegenüber steht. Einige Kerzen sind darauf drapiert, ein Fotorahmen enthält eine Spruchkarte.

Das, was nach einem gemütlichen, wohligen Raum klingt – und so ist er von den Machern auch gewollt und konstruiert – hat einen ernsten Hintergrund. Es ist ein Raum, der künftig voller Trauer sein wird. Menschen, die hierher kommen, müssen Abschied nehmen. Von einer liebgewonnenen Person. Im schlimmsten Fall von einem kleinen Menschen, bei dem sie kaum bis gar nicht die Chance hatten, ihn kennenzulernen. Es ist der Verabschiedungsraum des Bethlehem-Gesundheitszentrums.

Zentrales Element darin ist eine Holzwiege, schlicht und doch ein Blickfang. Als Schiff geschreinert und mit einem weißen Himmel bedeckt, strahlt das Bettchen Ruhe, Konstanz und Wärme aus. Sonnenstrahlen brechen durch die Buntglasscheiben, Ornamente tanzen auf dem Stoff des Himmels. Doch nicht nur Babys und Kinder sollen hier verabschiedet werden, jeder soll die Möglichkeit bekommen, sich von einem geliebten Menschen zu verabschieden – unabhängig vom Alter.

Aber zur Einweihung ist der Raum voller Freude, Glück und positiver Stimmung. Viele Menschen sind gekommen, um das zu sehen, was in den vergangenen Monaten in dem Raum entstanden ist, der seit zehn Jahren leer stand. „Er war groß, leer, kalt und voller Computer-Müll“, erinnert sich Urte Hannig, leitende Oberärztin der Kinderklinik.

Lange habe man dafür gekämpft, sagt die Ärztin, und immer wieder hat sich auch Dorothée Havenith dafür stark gemacht, dass dieser Ort des Abschieds entsteht. „Wenn bei uns auf der Station ein Kind verstirbt, haben wir den Wunsch, dass Eltern sich so verabschieden können, wie sie wollen, mit Zeit und Ruhe“, erklärt die Kinderkrankenschwester. In der Realität habe man das nicht immer umsetzen können.

Gerade die früh- oder totgeborenen Kinder, die nur im Krankenhaus gewesen sind, werden von anderen Familienangehörigen meist nicht wahrgenommen und so auch nicht die Trauer der Eltern.

Ort des Zusammenseins

Durch den Verabschiedungsraum öffnet sich eine weitere Welt, ein Ort, an dem Eltern und Familienangehörige mit dem kleinen Mensch zusammen sein können. „Die Eltern müssen ihr Kind, auf das sie sich lange gefreut haben, wieder abgeben“, sagt die Kinderkrankenschwester. „Aber das geht nur, wenn sie es einmal im Leben auch Willkommen geheißen haben.“

Die Idee und den Wunsch, einen speziellen Verabschiedungsraum einzurichten, hatte die Kinderkrankenschwester, als das erste Kind in ihrem Dienst verstarb. Damals war sie gerade einen Monat in der Klinik. Über neun Jahre ist das her. „Aber das ist wohl wie bei einer Schwangerschaft“, sagt Havenith. „Der Raum brauchte Zeit heranzureifen. So wie das Kind im Mutterleib auch diese Zeit braucht.“

Mehr als 40 000 Euro sind in den Raum mit separatem Eingang, der es Trauernden ermöglicht, ohne neugierige Blicke dorthin zu gelangen, geflossen. Möglich geworden ist das durch das Krankenhaus sowie „Menschenskind“, dem Verein zur Förderung der Betreuung und Beratung kranker Kinder und ihrer Familien. Vorsitzender Dr. Volker Siller und das Ehepaar Lydia Birker-Strauch und Burkhard Strauch haben unermüdlich nach Sponsoren gesucht und die Baustelle beaufsichtigt.

Wichtiger Teil der Trauerarbeit

Durch ihr Engagement wurde der gemeinsame Wunsch real. „Früher war es normal, dass Tote im Haus aufgebahrt wurden. Dahin wollen wir zurück“, sagt Burkhard Strauch. Denn, so erklärt Dorothée Havenith, „das ist ein wichtiger Teil der Trauerarbeit. Sich in seinem Tempo und mit Ruhe verabschieden“.

An diesem Tag sind auch Eltern in dem Raum, die bereits ein Kind verloren haben. Während der ökumenischen Einsegnung durch Pastor Christoph Schneider und Pfarrer Andres Hinze stehen manchen die Tränen in den Augen. Die Geistlichen erinnern an Lara, Dominick und Sophie. Kinder, die das Leben nicht kennenlernen konnten.

Auch Dorothée Havenith ist ergriffen. Sie freut sich, ist froh, endlich das für die Menschen erreicht zu haben, was sie mit ihrem Kind näher zusammenbringt. „Es ist nicht einfach ein Zimmer“, sagt Dr. Volker Siller. „Es ist ein Raum, in dem die Familien enger zusammenwachsen.“

Auch wenn viele Monate an dem Raum gearbeitet wurde, gibt es noch einige Dinge, die ausgebessert werden sollen. Der Boden etwa. Und ein Bücherschrank soll eingerichtet werden. Spenden können auf das Spendenkonto von „Menschenskind“ bei der Sparkasse Aachen, BLZ 39050000, Kontonummer 1801539 überwiesen werden.

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