Berzelius setzt eine markante Landmarke

Von: Jürgen Lange
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Die beiden Projektleiter und ihr „Baby“: Thomas Bültmann (l.) und Knut Esser mit dem Rücken zur Filteranlage und vor dem neuen Kamin. Im Hintergrund wartet die Spitze mit dem Öl gelagerten Pendel noch auf die finale Montage. Foto: J. Lange
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Mit rund 4000 Schrauben mit einem Durchmesser von 24 bis 20 Millimeter und einer Länge von bis zu 200 Millimeter werden die einzelnen Segmente des Kamins verbunden – erdbeben- und sturmsicher. Foto: J. Lange
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Montage in luftiger Höhe erfolgt unter Aufsicht eines Experten und eines Berzelius-Mitarbeiters. Foto: J. lange

Stolberg. „Das ist jedenfalls meine höchste Baustelle“, schmunzelt Thomas Bültmann. Seit zehn Jahren ist er bei Berzelius und jetzt als Betriebsleiter Mechanik für die Umsetzung der Investitionen verantwortlich. Er erlebte den Bau der 142 Meter langen Einhausung des Rohstofflagers, betreute die Optimierung der Drehflammöfen.

Und die Umsetzung der 7,5 Millionen Euro schweren Investition in die neue Schwefelsäure-Produktion mit der innovativen „Bayqik“-Anlage ist ein bisheriger Höhepunkt der Tätigkeit des Ingenieurs am Binsfeldhammer. Aber die Errichtung der Abgasanlage für die neue Silberhütte der Bleihütte ist auch für den erfahrenen Ingenieur kein Alltagsgeschäft, sondern sie setzt neue Extreme.

Kapazität wird verdoppelt

Seit Anfang 2010 plant Knut Esser, der Betriebsleiter der Feinhütte, mit Bültmann und dem weiteren Team um Geschäftsführer Dr. Urban Meurer das Großprojekt. Rund 25 Millionen Euro investiert Berzelius in die Optimierung der Betriebsabläufe und die Verdoppelung der Silberproduktion von 350 auf 700 bis 800 Tonnen im Jahr. „Vom finanziellen Volumen her gesehen waren wir 2012 zum ersten Mal mehr eine Silber- als eine Bleihütte“, sagt Esser stolz.

Umfangreich waren die Vorbereitungen, angefangen von der Kalkulation und Finanzierung über Planung, Standortsuche und Umsetzung bis hin zu den Genehmigungsverfahren. Und zu den Erfordernissen zählt auch der Bau eines zusätzlichen Schornsteins für die Abluft der Silberhütte. „Er fällt höher aus als gedacht“, sagt Esser, denn die Auflagen für Stolberg sind schärfer als anderswo im Land. Das liegt an der Schwermetallbelastung des Kupferstädter Bodens.

Besondere Auflagen für Stolberg

„Es darf nichts hinzukommen“, erklärt Bültmann. Am Ende ihrer Berechnungen kamen die Fachleute der Kölner Bezirksregierung auf eine geforderte Höhe von 99 Metern. Dies entspricht der Höhe des in den 1930er Jahren gemauerten Schornsteins am Rande des Steinbruchs Bärenstein. „Die Kaminbauer von damals würden wohl staunen, wie schnell und vergleichbar einfach heute ein solcher Kamin errichtet werden kann“, lächelt Esser. Wobei vergleichbar eben auch nur relativ ist. Andere Dimensionen und Auflagen sind heute zu erfüllen.

Eine davon sind die sensiblen Anforderungen des Umweltschutzes. Zwei Doppelrumpffilter mit Nachfiltern sorgen dafür, dass am Ende des Schornsteins ausschließlich absolut saubere Luft herauskommt, betont Esser mit Blick auf die vom Essener Anlagenbauer Küttner konzipierten Filter, die zwar schon auf ihren Fundamenten stehen, aber erst eingehaust werden können, wenn die Montage des Kamins abgeschlossen ist. 100.000 m3 Umluft pro Stunde werden sie bei Inbetriebnahme aus der Silberhütte, die zur weiteren Verbesserung des Immissionsschutzes bei Unterdruck betrieben wird, absaugen, dabei feinste Staubpartikel zurückhalten und die Abluft durch den Schornstein in die Höhe leiten.

Der Kamin selbst ist erdbeben- und sturmsicher errichtet und auf Wunsch der Behörden mit einem Anstrich im unauffälligen Lichtgrau versehen. Zwei Meter tief reicht das Betonfundament, „das gefühlsmäßig mehr Stahl als Zement enthält“, meint Bültmann.

Die Konstruktion des dänischen Herstellers Steelcon entspricht der in manchem Wolkenkratzer erprobten Technik: An der Außenwand der Spitze des doppelwandigen zylindrischen Kamins aus Stahl sitzt ein Öl gelagertes Pendel als Schwingungsdämpfer. Der Kamin besteht aus sieben Segmenten mit einem Durchmesser von 3,30 Meter, die mit einem Spezialkran aus Köln montiert werden, der im aktuellen Aufbau in 50 Meter Abstand von seinem Arbeitsgebiet rund 38 Tonnen auf eine Höhe von 107 Meter hieven kann.

35 Tonnen wiegt das schwerste der Einzelteile, das unterste. Im Tagesrhythmus werden die Einzelteile montiert und miteinander verschraubt. „Dafür brauchen wir ungefähr 4000 Schrauben“, sagt Bültmann; mit einem Durchmesser zwischen 20 und 24 Millimeter und einer Länge von bis zu 200 Millimeter. Auch bei dieser Tätigkeit geht Berzelius auf Nummer sicher – zusätzlich zu Statik, Prüfstatik und Sicherheitspolster ist ein Kaminsachverständiger für das Projekt verpflichtet worden.

Professor Dr. Constantin Verwiebe aus Krefeld hat nicht nur an Schreibtisch und Computer Konstruktion und Statik des Kamin überprüft, sondern er steht auch gemeinsam mit Berzelius-Mitarbeiter Oliver Nievelstein auf den Montage- und Wartungsplattformen der einzelnen Segmente. Persönlich überwachen sie Sitz und Anziehen jeder einzelnen Schraube durch das dreiköpfige Steelcon-Team – in luftiger Höhe bei Wind und Wetter.

„Damit haben wir übrigens wirklich Glück gehabt“, blickt Thomas Bültmann zurück auf die vergangenen windreichen Tage, die eine Montage verhindert hätten. Das Wetter in Stolberg hat sich perfekt an das Konzept von Berzelius gehalten. Nach dem Aufbau des Kranwagens am letzten Oktober-Tag wurde das Zeitpolster bis zum Eintreffen der Einzelteile – sie waren als Schwertransporte zwei Nächte von Dänemark nach Stolberg unterwegs – genutzt, um in den ersten November-Tagen die Filteranlagen auf ihr Fundament zu setzen: am 4. November das erste Teilstück.

Dienstagnachmittag wurde mit dem Verankern der Spitze, dem kleinsten Segment, lediglich der Aufbau des Kamins abgeschlossen. Es folgen heute detaillierte Sicherheits- und Funktionsüberprüfungen sowie die Demontage der Kräne. „Rund eine Million Euro sind alleine in die Errichtung des Kamins geflossen“, zeigt Knut Esser die Relationen bei diesem 25-Millionen-Euro-Projekt auf, das teilweise europaweit ausgeschrieben war.

Aber ein Volumen von rund sieben Millionen Euro kommt Unternehmen aus der Region zugute. Beispielsweise der Firma Otto Junker in Lammersdorf, die die Vakuum-Induktionsöfen für die Silberhütte ins nahe Stolberg liefert. „Das ist ganz schön praktisch“, sagt Thomas Bültmann. „Da kann man in der Mittagspause auch schon mal eben zu einer Besprechung schnell hinfahren.“

Mit der Abreise der Colonia-Kräne geht für die beiden Betriebsleiter das Projekt nahtlos weiter. Im Umfeld des neuen Kamins muss der Boden versiegelt, die Umhausung und Technik der Filteranlage installiert werden, und dort, wo der Kranwagen platziert war, entsteht in den folgenden Wochen die eigentliche neue Silberhütte: auf der letzten kleinen Freifläche im Norden des Berzelius-Geländes direkt neben Nachbar Aurubis.

Neue Arbeitsplätze

Dort standen in früheren Betriebsjahren noch die Anlagen zur Aufbereitung von Akkumulatoren – ein Verfahrensschritt zur Gewinnung von Batterieblei, der in Stolberg längst nicht mehr praktiziert wird. Hier steht bereits der Rohbau für Sozial- und Nebenräume der Silberhütte, die nun passgenau zwischen bestehender Halle und der Werksgrenze eingefügt wird.

„Das zählt zu den Herausforderungen der Investition“, erläutert Dr. Urban Meurer. Das Projekt muss nicht nur während des rund um die Uhr laufenden Hüttenbetriebes umgesetzt werden, sondern auf dem begrenzten Werkgelände musste auch Freiraum für die Erweiterung der Kapazitäten gefunden werden. Das schafft natürlich auch neue Herausforderungen für zukünftig zu stemmende Projekte am Standort.

Doch erst einmal ermöglicht die Erweiterung der Kapazitäten der Silberhütte dem Unternehmen, die Zahl der Arbeitsplätze von rund 240 auf zukünftig 270 bis Ende des nächsten Jahres kontinuierlich auszubauen. Die Stolberger Hütte floriert.

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